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Wir schauen zurück: 02/2017

Ländlerisch Tanzen!

Seit 300 Jahren ein Phänomen und heute fast vergessen – eine volkstänzerische Untersuchung und Würdigung

Text: Magnus Kaindl, Tanzmeister Abbildungen, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Tiroler Volkskunstmuseum

Zugegeben, als wir uns in der Redaktionssitzung der »zwiefach« entschlossen, ein Heft zu gestalten, das sich rund ums Tanzen dreht, dachte ich zunächst, dieses Thema sei in seinen vielseitigen Facetten schon oft Gegenstand unterschiedlicher Berichterstattung gewesen. Spannend wurde es für mich, als die Wahl auf den Titel »Landlerisch Tanzen« hinauslief. Sofort fragte ich mich, was Tänzerinnen und Tänzer mit diesem Begriff

verbinden. Ich jedenfalls hatte gleich ein klares Bild vor Augen: der »Landler« als Gruppentanz, bei dem alle Tanzpaare in gleicher, oft komplex festgeschriebener Reihenfolge Tanzfiguren aneinanderreihen. So, wie ich es bei zahlreichen Tanzabenden immer wieder erlebt habe und wie es Könner der eingeschworenen Volkstanzszene genussvoll tanzten und auch immer wieder eingefordert haben.

Ehrlich gesagt hat mich dieses Tanzen in fester Formation aus

didaktischer Sicht nie sonderlich interessiert. Dennoch beschäftigt mich das »Landlerisch Tanzen« als erfahrener Tänzer und Schuhplattler in der Vermittlung seit geraumer Zeit. Wenn auch unter einem anderem Gesichtspunkt: Ich nenne es die »Faszination an der Improvisation«. Das geht nun aber in eine andere Richtung, weshalb ich lieber vom »Ländlerisch Tanzen« spreche, um eine Unterscheidung zum »Landler« zu verdeutlichen. Obwohl die »Ländler« zu den

kaum mehr praktizierten Tänzen auf bairischen Tanzböden gehören, bieten sie ein großes tänzerisches, genauso wie musikalisches Potenzial. Die Musikpraxis steht jedoch auf einem anderen Blatt Papier. Ich möchte mich vordergründig auf die tänzerischen Aspekte konzentrieren und diese faszinierende Tanzgattung in ihrer Entwicklung in den Blickpunkt rücken.
Aus der Historie

»Jedes Paar hat darin seine eigene unabhängige Handlung« – so hat Erzherzog Johann von Österreich bereits 1812 den Paartanz trefflich beschrieben. Gewiss, was wir heute unter »Ländler« oder »Ländlerisch Tanzen« verstehen, ist ein Versuch, verschiedene Tanzgewohnheiten und -stile zu kategorisieren. Die Begriffe sind erst mit der einsetzenden Volksmusik- und Volkstanzforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt worden und werden auch heute in der Forschung teils noch kontrovers diskutiert.

Der Einfachheit halber verwende ich im Folgenden dennoch den Terminus »Ländler«, den das Urgestein der alpenländischen Tanzforschung Karl Horak folgendermaßen präzisiert hat: »Ländler ist der Sammelbegriff, für langsam fortschreitende Tänze, bei welchen sich die Paare um die eigene Achse drehen, durch Armverschlingungen gekennzeichnete Figuren bilden und einander in mannigfaltiger Weise umkreisen. Die Figuren werden vom Tänzer in mehr oder weniger freier Folge aneinandergereiht. Die Bewegungselemente und Figuren sind Ausdruck der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, vom ebenbildlichen Gebärdenspiel der Werbung bis zur bildfreien Freude an geordneter Bewegung. Oft wird dabei gesungen und gejodelt, geklatscht und gestampft.«

Ausschlaggebende Charakteristika für den »Ländler« sind demnach verschiedenartige Armwickel- und Umtanzfiguren, die aus einem spezifischen, stark vom Einzelpaar abhängigen Gestaltungswillen entstehen und in loser Folge zur Musik aneinandergereiht werden. Mit dieser Urform des Tanzes, deren bildliche Quellen sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, haben wir sicherlich ganz allgemein die Ursprünge des gesellschaftlichen Tanzes vor uns.

Der »Ländler« als Erfolgsmodell im Gesellschaftstanz

Bis sich das individuelle Einzelpaartanzen von der bäuerlichen Bevölkerung in den Adelskreisen sowie bürgerlichen Schichten durchgesetzt hatte, dauerte es aber noch. Erste Tanzbeschreibungen und Abbildungen, die verschiedene Figurenelemente explizit darstellen, stammen vom ausgehenden 18. Jahrhundert. Die Bezeichnungen der Tänze sind dabei sehr vielfältig (in gehobenen Kreisen unter anderem Styrienne, Tyrolienne

und Strasbourgeoise, sonst sind auch Bezeichnungen wie Allemande, Deutscher, Länderer, Ländler, Landtler, Steirischer oder schlichtweg Tanz überliefert). Aus der Musikforschung wissen wir, dass es sich bei solchen Tänzen oftmals um ungeradtaktige Melodien handelt, die überwiegend aus acht oder weniger Takten bestehen. Als das Einzelpaartanzen zum Gesellschaftstanz avancierte, dauerte es schließlich nicht mehr lange, bis Tanzmeister und neu gegründete Tanzschulen immer neue Figurenelemente samt Choreografien entwickelten und aufzeichneten. Die dabei oft völlig neu kreierten Tänze oder Teile davon wurden wiederum von der einfachen Bevölkerung adaptiert.
Was übrig blieb vom »Ländlerisch Tanzen«

Der Tanzforschung ab dem beginnenden 20. Jahrhundert ist es zweifelsohne zu verdanken, dass uns heute noch ein vielfältiges Repertoire an Ländlerfiguren überliefert ist. Schon damals aber wurde festgestellt, dass der »Ländler« nicht mehr en vogue war und durch andere Tanzstile verdrängt wurde. Das »Ländlerisch Tanzen« ist ab Ende des 19. Jahrhunderts überwiegend im stark wachsenden Vereinswesen (Beispiel Trachtenvereine) gepflegt und erhalten worden. Dort wurde es zu neuen (Schau-) Tänzen, wie beispielsweise dem Schuhplattler, weiterentwickelt. Die alten Melodien und Tänze unterlagen fortan meist festgelegten Choreografien, die ausschließlich von bestimmten Personengruppen praktiziert und aufgeführt wurden.

Mit dem Heimatpflegegedanken und dessen Verschriftlichung entstanden allerdings auch Normen und Kategorien, die die Tänze in ein zunehmend starres Korsett zwängten. Das lebendige Faktum – was einen »Ländler« letztlich ausmacht, nämlich das individuelle Improvisieren – ging dabei weitgehend verloren. Ein Paradebeispiel hierfür sind die so genannten »Landler«, die sich im Unterschied zum »Ländlerisch Tanzen« eben durch eine festgelegte, in einer Gruppe praktizierten Tanzabfolge definieren. Allenfalls als Fußnote blitzen hier noch Eigenheiten auf, wenn zum Beispiel angemerkt wird, dass zur gleichen Melodie in anderen Regionen auch andere Tanzelemente getanzt wurden. Im Laufe der Zeit kamen wie beim Schuhplattler zahlreiche Neuschöpfungen hinzu, häufig dem Prinzip folgend, »immer noch mehr Figuren und immer noch schwieriger« – die eingeschworene Tanzschar möchte schließlich bei Laune gehalten werden.

Der »Ländler« von damals als Spiegelbild der aktuellen Volkstanzszene?

Diese Spezialisierung mag auch einer der Gründe sein, warum das »Ländlerisch Tanzen« schon damals und erst recht heute nicht mehr »gesellschaftsfähig« zu sein scheint. Verallgemeinernd könnte man den »Ländler« als Stellvertreter der vieldiskutierten Situation des Volkstanzes generell sehen. Haben nicht verschiedenste Institutionen mit ihrem Anspruch, das traditionelle Erbe zu pflegen und zu erhalten, dazu geführt, dass der Volkstanz aus der Mitte der Gesellschaft genommen und zu etwas Exklusivem für Könner geworden ist?

Mittlerweile erkennen einschlägige Vereine sowie Verbände, dass der Volkstanz so nicht mehr zu retten ist. Allenthalben entstehen deshalb Initiativen, die sich über die Zukunft des Volkstanzes Gedanken machen.

Wie es funktionieren kann, zeigen neben privat organisierten Tanzangeboten zahlreiche Aktionen von städtischen und staatlichen Institutionen (unter anderem Kulturreferat München oder die Volksmusikberatung des Bezirks Schwaben). Die dort gesammelten Erfahrungen beweisen, wie die Bevölkerung durchaus vom traditionellen bairischen Tanzen begeistert ist – nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land. Die Frage ist nur, welche Intention man vordergründig verfolgt. Durch die niederschwellige Öffnung des Tanzens als Mitinitiator in der städtischen Volkskultur fühle ich mich deshalb nicht weniger einer Tradition verpflichtet, nur eben unter zeitgemäßen Maßstäben. Während Tanzvereinigungen und -verbände ihr pädagogisches Ziel in erster Linie darin sehen, Tänze nach aufgezeichnetem Schema mit deren Choreografien umzusetzen, entwickle ich als Vermittler andere Ansätze.

Eigene Kreativität beim Tanzen – Tanzen braucht kein Korsett

Es geht um die bewusste Öffnung durch einfach zugängliche Angebote. Das Aufbrechen eingefahrener Strukturen kann nur gelingen, wenn man das »Einfache« und den Spaß beim Tanzen hervorhebt. Das zunächst vermeintlich angestaubte Image ändert sich schnell überall dort, wo den Menschen diese Leichtigkeit des Tanzens vermittelt wird. Es ist völlig nachvollziehbar, wenn sich besonders junge Menschen beim Tanzen auf unkomplizierte Art vergnügen wollen, wie sie das beispielsweise beim Discofox, Swing oder Tango Argentino tun können. Hier käme niemand auf die Idee, die Figuren nach eingeübten Abläufen einheitlich in einer Gruppe zu tanzen. Ein ganz wichtiger Faktor ist die Möglichkeit, seine eigene Kreativität auszuleben, ohne in einen Rahmen von vorgegebenen Tanzschritten und -figuren eingezwängt zu sein. Diese Freiheit kehrt langsam auf die bairischen Tanzböden zurück, auch oder gerade weil Tanzmeisterinnen und Tanzmeister immer wieder dazu animieren, verschiedene Figurenelemente nach eigenem Belieben durchzuführen. Welche Figuren lassen sich zum Beispiel auf eine Bayerisch Polka, einen Rheinländer oder Walzerrunden anwenden? So kehre ich zurück zum Ausgangsthema, der »Faszination an der Improvisation«. All diese Kriterien vereinigen sich ideal beim »Ländlerisch Tanzen«.

Faszination »Ländlerisch Tanzen«

»Ländler« bestechen zweifelsohne durch ihren einfachen Schrittaufbau. Die gleichmäßig ausgeführten Laufschritte sind unabhängig auf viele Rhythmen anwendbar. Die Faszination entsteht schließlich durch die Vielseitigkeit eines schier unerschöpflichen Reigens an Arm- und Handfassungen. Bereits mit einfachsten Handbewegungen ist ein breites Repertoire an Figurenelementen in kurzer Zeit zu vermitteln, das individuell mit dem Partner improvisiert und auf die eigenen Bedürfnisse und Wünsche abgestimmt werden kann. Die getanzten Figuren sind dabei nicht einmal an bestimmte Melodieteile gebunden, sondern völlig frei durchführbar, ohne Rücksicht auf den musikalischen Aufbau. Jedes Tanzpaar kann dazu selbst entscheiden, ob es die Figuren lieber langsam und gemütlich oder schwungvoll ausführt. Eine einfachere Zugänglichkeit zum Tanz kann man sich gar nicht wünschen! Gerade deswegen eignet sich das »Ländlerisch Tanzen« für Tanzeinsteiger hervorragend.

Das Konzept der Tanzkurse mit einfachen bairischen Tänzen zeigt deutlich, dass diese Herangehensweise erfolgversprechend ist und sich deshalb überzeugend auf diese ursprünglichste Form des Tanzens erfolgreich anwenden lässt. Der »Ländler« hat es auf alle Fälle verdient, wieder stärker ins Bewusstsein gerückt zu werden und als weitgehend vergessenes Phänomen des frei improvisierten Tanzes auf die bairischen Tanzböden zurückgeholt zu werden.

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