Jetzt zum Newsletter anmelden!

Sichern Sie sich einen Gutscheincode über 5 Euro, den Sie bei Ihrem nächsten Einkauf im fortes medien Musikmagazin-Shop, ab 20 Euro Warenwert, einlösen können.

Abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter und verpassen Sie keine Aktionen und Neuigkeiten mehr.

Bitte geben Sie eine gültige eMail-Adresse ein.

Was ein Kölner Karnevalslied in Bayern zu suchen hat!

Fasching! Karneval? Fasching!

Was ein Kölner Karnevalslied in Bayern zu suchen hat

 

Text: Florian Schwemin

Fotos: Kölner Kanevalsmuseum

Kölner Karneval und Fasching in Bayern trennen nicht nur in der Nomenklatur Welten. Dennoch hat der Kölner Karneval Einfluss auf die Bayerische Volksmusik genommen. Damit ist nicht der Wiesnhit der Jahre 2004 und 2005 – Viva Colonia – gemeint.

In letzter Zeit bürgert sich auf bayerischen Tanzböden nämlich ein Lied ein, das seine Karriere 1885 als kölsches Karnevalslied begann. Die Kapelle Rohrfrei und der  Niederbayerische Musikantenstammtisch haben in ihrem Repertoire den »Afrika-Marsch« mit dem gesungenen Refrain »Heut sehn wir uns zum allerletzten Mal…« der unter anderem beim Auftanz gern gespielt wird.

Die Urversion dieses Liedes wurde 1885 vom Kölner Komponisten und Texter Carl Wirts als »De kölsche Kappesboore (Congo-Polka)« veröffentlicht. Das Stück taucht in verschiedenen Karnevals-Liederbüchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf, die aber vor allem in den verschiedenen Kölner Karnevalsvereinen verbreitet waren.

Hintergrund war das Motto des Rosenmontagszuges: »Held Carneval als Colonisator«. In Köln war damals aus mehreren Gründen das Thema Afrika und Kolonien gegenwärtig. Zum einen markierte 1884 den eigentlichen Beginn deutscher Kolonialpolitik, die mit dem Erwerb der Lüderitzerbuch begann. Zum anderen war in der Kölnischen Zeitung Afrika ein Dauerbrenner da der Redakteur Hugo Zöller, ein glühender Kolonialist, der von Bismarck zum Abschluss einiger Schutzverträge eingesetzt wurde, lange Zeit auf Studienreise in Afrika unterwegs war, wodurch beständig in der Zeitung von Afrika zu lesen war. Außerdem wurde 1884/85 der Reisebericht des Ethnologen Wilhelm Joest in mehreren Teilen in der Zeitung abgedruckt. Ganz Köln war also im Afrika- und Kolonienfieber. Da lag ein Rosenmontagszug zum Thema, der übrigens nach Aussagen der Zeitung zu Schuhcreme-Engpässen in der Stadt führte, mehr als nahe.

Auch das Lied zum Zug musste natürlich zum Motto passen. In dem humoristischen Lied geht es um die Kappesboore (Gemüsebauern) aus dem Kölner Umland, die aufgrund ihrer wirtschaftlich schlechten Situation und vor allem der Erweiterung der Stadt Köln über die bisherigen Stadtgrenzen hinaus, was zu Lasten des Ackerlands der Bauern ging, nach Afrika auswanderten. Wie es sich für gute Kolonisatoren gehörte, brachten sie ihre Kultur mit in die neue Heimat und führen den Kölner Karneval auch im Labberitzeland (= Lüderitzeland = Deutsch-Südwestafrika) ein, und natürlich hat ein Kölner den Vorsitz:

Hanswoosch es och jekumme
jetz an d’r Congostrand.
Die jöcken allt de Trumme
em Labberitzeland.
Ne kölsche Jung sitz bovve,
hät dat Präsidium,
dä Fasteleer zo lovve, zo Köllens Ehr!
Schrum – bum.
Wer möch dat nit jän sin?
Och, kutt nur met dohin!

Heut sehn wir uns zum allerletztenmal
jetzt geht’s nach Afrika, jetzt gehts nach Afrika
heut seh’n wir uns zum allerletztenmal
jetzt geht’s nach Afrika, nach Afrika

Warum man in Bayern nur den Refrain singt wird deutlich, denke ich.

Nach 1885 ging das Lied in das allgemeine Karnevalsrepertoire über und wurde beispielsweise 1911 in einer Sammlung plattdeutscher Volks- u. volkstümlicher Lieder für Männerchor bearbeitet. Auch als Lochplatte für den Musikautomaten Ariston wurde das Stück vertrieben.

In Köln wurde es etwas stiller um das Lied, wiewohl es immer wieder an Karneval zuhören war. Die Kölner Gruppe »Bläck Fööss« schließlich veröffentlichten den Song 1988 modernisiert auf ihrer CD »Was habst du in die Sack? – Texte und Lieder zur Stadtgeschichte«. Daher ist auch dem Autor das Stück bekannt, dessen Vater, ein gebürtiger Düsseldorfer, manchmal – heimlich im Keller – auch Bläck Fööss hörte.

Dabei hätte durchaus die Chance bestanden, das Stück auch im südwestlichen Mittelfranken, wo der Autor aufgewachsen ist, zu hören. Von dort, genauer aus Heidenheim am Hahnenkamm, stammt nämlich die älteste bekannte Überlieferung südlich des Mains. In einem Geigenheft von 1920 ist die Melodie als »Heut sehn wir uns zum allerletzen Mal Schottisch« handschriftlich notiert. Dieses wurde 2001 auf einer Feldforschungsexkursion des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege entdeckt, kopiert und publiziert. Über diesen Umweg kam es auch nach Niederbayern, als ein gebürtiger Oberbayer das Stück, das er schon mit der Kapelle Rohrfrei in Oberfranken gespielt hatte zum Stammtisch mitbrachte.

Auf dem Weg von Köln über Franken nach Altbayern wurde der Kongo zu Kamerun und aus der Polka zunächst ein Schottisch und schließlich ein Marsch. Vielleicht ist es nur logisch, dass die »Congo-Polka« jetzt im Bayerischen Wald angekommen ist, bezeichnen diesen doch böse Zungen als Bayerisch Kongo. Passend ist aber auf jeden Fall die Auswandererthematik. Wie genau das Stück nach Franken kam bliebe noch zu klären, die anschließende Wanderung aber zeigt, welchen positiven Einfluss Forschung und Pflege auf das Repertoire haben können. Im Fall der Congo-Polka ist für den neuerlichen Erfolg sicher auch die eingängige Melodie mit verantwortlich. Im Gegensatz zum Bierbrauen beherrscht man in Köln das Produzieren von eingängigen Melodien, und das nicht erst seit Viva Colonia.

P.S. Danke an alle Informanten, v.a. Christop Lambertz, Martin Holzapfel und die Forschungsstelle für fränkische Volksmusik.

Wolfgang A. Mayer, Evi Heigl: Bericht über eine Feldforschungsexkursion durch das südwestliche Mittelfranken. Vom 1. bis 11. September 2000, München 2001.

Paul Mies: Das Kölnische Volks- und Karnevalslied. Köln 1964; Nr. 65.