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Musizieren in der Stube

Musizieren in der Stube

Dass in den Bauernstuben vergangener Jahrhunderte jedenfalls gesungen und sicherlich auch gelegentlich musiziert worden ist, liegt nahe, war die Stube doch oft der einzige geheizte Raum im ganzen Haus. Wie jedoch die Besetzungen früherer Zeit ausgesehen haben mögen, darüber kann man nur mutmaßen.

Text: Daniel Fuchsberger; Fotos: Dorotheum Wien, Steirisches Volksliedwerk / Sammlung Holaubek, Voralrberger Volksliedarchiv

Wirft man etwa einen Blick in das Werk Peter Roseggers, so fällt zunächst auf, dass dessen wichtigste Gedichtsammlung sogar nach zwei Instrumenten benannt ist, die man heutzutage mit Musik in der Stube verknüpfen würde, nämlich Zither und Hackbrett. Taucht in seinen Texten jedoch die Bauernstube als Ort der Musik auf, ist viel eher vom Singen als vom Musizieren die Rede. Des Öfteren beschreibt Rosegger etwa das Absingen von Totenliedern anlässlich einer Aufbahrung in der Stube[1]. Auch als Zeitvertreib neben in der Stube zu verrichtenden handwerklichen Tätigkeiten wird gesungen:

»Als aber der Spätherbst kam mit den langen Abenden, an welchen die Knechte in der Stube aus Kienscheiten Leuchtspäne kloben, und die Mägde, sowie auch meine Mutter und Ahne Wolle und Flachs spannen, und als die Adventszeit kam, in welcher an solchen Span- und Spinnabenden alte Märchen erzählt und geistliche Lieder gesungen wurden, da saß ich beständig auf dem Schemel am Ofen.«[2]

Tanzend, jauchzend und frei auf der Alm

Dafür taucht das Hackbrett bei Rosegger – im Gegensatz zu oben beschriebener Besinnlichkeit – in einer ganz anderen Stube auf, der Wirtsstube nämlich:

»Es war noch weit vor dem Frühjahre, es war die Faschingszeit, und unten beim Zapfenwirt schlug der Rindenschlager-Lenz das Hackbrett. Wie da die Hämmerchen hüpften auf den glänzenden, zirpenden Stahlsaiten, auf und ab, hin und her, von einer zur anderen, und wie jede getroffene ein anderes Lied sang! Und was da die Leute tanzten und jauchzten; in der Stube flogen die Silbergroschen wie draußen über der Scheune die Spatzen.«[3]

Etwa zur selben Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, fand die Zither zu ihrer noch heute gültigen Bauform und ersten Hochblüte, dementsprechend ist sie auf vielen romantisierenden Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu finden, »die alle zitherspielende Älpler oder Sennerinnen in den Mittelpunkt rücken oder zumindest in den Kreis ihrer Darstellung miteinbeziehen.«[4] Hier ist die Zither also noch deutlich in die Freiheit der Alm »hinauf«-konnotiert, ihre Klänge dienen weniger be-sinnlichen als viel mehr den sinnlichen Zwecken.

Dass aber die Stube Anfang des 20. Jahrhunderts als das »natürliche« Habitat von Zither und Hackbrett wahrgenommen wird, macht ein Kommentar aus dem Jahr 1919 deutlich: »Die Ziehharmonika ist an Stelle von Zither und Hackbrett in den Bauernstuben (der Weststeiermark) getreten.«[5]

Stubenmusik – aus neu mach alt

Vielleicht hat auch diese (örtliche) Zuschreibung jener Saiteninstrumente zum immensen Erfolg einer Besetzungsform beigetragen, die unter dem Namen Stubenmusik große Verbreitung  fand. Gerlinde Haid dazu:

»Stube ist die Bezeichnung für den zentralen, beheizbaren Wohnraum im ‚alpenländischen‘ Bauernhaus und erweckt Assoziationen zu gemütlichen Treffen im Kreis von Familie und Nachbarschaft. Tatsächlich ist das erste diesbezügliche Ensemble, das aus Zither, chromatischem Hackbrett, Harfe, Gitarre und Bassgeige (Kontrabass) bestand, erst 1953 spontan aus der Notwendigkeit eines Rundfunkauftrittes des Salzburger Musikanten Tobi Reiser mit seinem Ensemble in Stuttgart/D kreiert worden.«[6]

Die heimelige Stube scheint in der ungemütlichen Nachkriegszeit also ein Sehnsuchtsort gewesen zu sein, für den es nun einen »Soundtrack« gab: die Stubenmusi. Der Klang dieses Saitenmusikensembles wurde erst möglich durch die Einführung eines neuen Instrumentes durch Tobi Reiser – des chromatischen (Salzburger) Hackbrettes, das nun auch melodische Funktionen wahrnimmt (im Gegensatz zur nahezu reinen Begleitfunktion der Vorgängerinstrumente). Soziologisch deutet Konrad Köstlin das so: »Die Stubenmusik etwa, das kammermusikalisch gezähmte und als ländlich ausgewiesene Musikidiom, in dem das einst aggressive Hackbrett melodisch domestiziert worden war, zielt in die Stadt und auf die bürgerliche Wahrnehmung des Ländlichen.«[7] In dieselbe Kerbe schlägt Walter Deutsch, wenn er bemerkt: »[Die Stubenmusik] entstand nicht in einer Bauernstube oder auf dem dörflichen Tanzplatz. Sie ist zwar das Zufallsergebnis aus einem praktizierenden Spiel, aber ihr geistiges und produktives Umfeld war die städtische Wohnung, die Bühne und das Tonstudio.«[8]

Besonders interessant sind diese Ausführungen, wenn – wie etwa im folgenden Bewerbungstext für eine »erneuerte« Saitenmusik – auf die angeblich »besonders alte« Stubenmusiktradition hingewiesen wird:

»Hackbrett, Zither, Gitarre und Kontrabass – eine typische alpenländische Stubenmusikbesetzung seit dem 18. Jahrhundert. Mit dieser Instrumentierung wurde in den Stuben musiziert‚ es war Zuhörmusik im Gegensatz zur ländlichen Tanzmusik, die auch anders instrumentiert war‘ sagt der Zitherspieler Christof Dienz.«[9]

 

Dieses Phänomen, nämlich »die immer stärkere Verlagerung der Volksmusikpflege auf konzertante Darbietungsformen« ist laut Gerlinde Haid tatsächlich ein ganz charakteristisches Spezifikum der »Stubenmusik« – allerdings erst 200 Jahre später, nämlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[10]

Stubenmusik in vielerlei Varianten

Auch ganz andere Besetzungen haben es sich inzwischen in der Stube gemütlich eingerichtet: Speziell Austropop-Urgesteine scheinen sich im Alter des (in der Jugend möglicherweise ungeliebten?) Genres »Stubenmusik« zu erinnern und sich bei der Namenswahl ihrer Ensembles (bewusst auf die Gemütlichkeit des Alters hinweisend?) darauf zu beziehen: So hat Kurt Gober (in den 80ern durch den Hit »Motorboot« bekannt geworden) inzwischen den Stub'n Tschäss um sich geschart und Willi Resetarits (einstmals »Dr. Kurt Ostbahn«) den Stubenblues, der auch tatsächlich auf aktives Stuben-Musizieren in seiner Geschichte verweisen kann:

»Also der Stubnblues in einer Stube am Stubenkogel. Draussen Schneesturm. Zwei Tage lang keine Chance auch nur die verrotzte Nasenspitze bei der Tür hinauszuhalten. Schnee und Sturm. Drinnen wird auf höchstem Niveau gekocht […] und gegessen […] und praktisch durchgehend musiziert. Hunderte Lieder werden gesungen und auf Instrumenten gespielt, die halt da waren.«[11]

Die Stube kann also, ganz stilungebunden, musikalisches Biotop für alle möglichen Musizierbestrebungen sein. Wie bieder klingt jedoch die vorherige Anekdote, verglichen mit dem, was Peter Rosegger einst in seiner Kindheit beim Besuch zweier Holzknechte miterleben durfte, und das so gar nicht dem Klischee des besinnlichen Stubenmusizierens entspricht:

»Dann kamen Liedchen, in welchen zum inneren Entzücken unseres Gesindes das ländliche Liebesleben in allen seinen Gestalten zu klarem Ausdrucke kam. Für uns Kinder war’s da allemal Zeit ins Bett zu gehen, aber unsere Strohschaube[12] befanden sich eben in der Stube, in welcher die lustigen Dinge vorgingen. Wir schlossen die Augen und ich hatte wirklich den festen Willen einzuschlafen, doch die Ohren blieben offen und je fester ich die Augen zudrückte, je mehr sah ich im Geiste.«[13]

Link zu: Lichtstuben in Unterfranken Eine Reportage des Bayerischen Rundfunks



[1]             z.B. in Heidepeters Gabriel oder der Erzählung Die Geschichte vom Gupferl (in: Als ich jung noch war)

[2]             Peter Rosegger: Waldheimat (Erzählung Einer Weihnacht Lust und Gefahr)

[3]             Peter Rosegger: Heidepeters Gabriel

[4]             Karl M. Klier: Volkstümliche Musikinstrumente in den Alpen, Kassel 1956, S. 91.

[5]             K.Reiterer, 's steirische Paradies, Graz 1919, S. 125. Zitiert nach: Klier 1956, S. 82.

[6]             Gerlinde Haid: Art. »Stubenmusik«, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Stand 24.9.2018 (https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_S/Stubenmusik.xml).

[7]             Konrad Köstlin: »Heimatpflege und Großstadt«, in: Heimatpflege in der Großstadt (=Schönere Heimat 83/Sonderheft 10), München 1994, S. 1–4.

[8]             Walter Deutsch: »Georg Windhofer und Tobi Reiser«, in: Pietsch, Rudolf (Hg.): Die Volksmusik im Lande Salzburg II, Wien 1990, S. 71.

[9]             http://www.dienz.at/quadratsch, Stand 15.10.2018

[10]           Haid »Stubenmusik«

[11]           http://www.williresetarits.at/projekte/stubnblues.php, Stand 15.10. 2018.

[12]           Strohbündel, in diesem Fall: Schlaflager aus Stroh

[13]           Rosegger, Waldheimat (Erzählung »Die fremden Holzknechte«)