Jetzt zum Newsletter anmelden!

Sichern Sie sich einen Gutscheincode über 5 Euro, den Sie bei Ihrem nächsten Einkauf im fortes medien Musikmagazin-Shop, ab 20 Euro Warenwert, einlösen können.

Abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter und verpassen Sie keine Aktionen und Neuigkeiten mehr.

Bitte geben Sie eine gültige eMail-Adresse ein.

Ein weiblicher Blick in den Rückspiegel

Frauheit oder Freiheit?

Ein weiblicher Blick in den Rückspiegel

Text: Ulrike Zöller Fotos: Marco Riebler, Ulrike Frömel, Roland ­Pongratz, Archiv des Bayerischen Rundfunks

»O mei liabe Frau«

Die Jungfrau Maria und die drei heiligen Madln, Walburga, Notburga und die heilige Kümmerniß: Das waren die starken Frauen, die man kannte in meiner Kindheit. Kümmerniß bzw. Kummer war der ständige Wegbegleiter der Frauen in den 1950er/1960er Jahren: Alleingelassen mit finanziellen, familiären Sorgen, die Männer um ihre Karriere bemüht, die Familie daheim lag zu hundert Prozent in der Verantwortung der Mütter. Ohne Wasch- oder Spülmaschine, ohne Auto. Und – in unserer Familie – auch ohne vertraute Umgebung, denn durch den Beruf meines Vaters zogen wir eine Zeitlang im Vierjahrestakt von der Oberpfalz ins Ruhrgebiet, von dort aus nach München – und erst dann fand man am Ammersee einen ständigen Wohnort. Der Platz meiner Mutter war immer »daheim«, auch wenn keiner dieser Orte ihre Heimat war. Hier war sie Krankenpflegerin, Lehrerin, Finanzberaterin, Gärtnerin, Köchin und Putzfrau in einem und das alles ohne Einkommen. Es war die Normalität. Aber bereits als Zehnjährige war mir klar, dass das nicht mein Weg sein kann. Lieber als Missionarin nach Afrika gehen – das war in der Grundschule mein erstes Berufskonzept. Oder – mal schauen, was der Papa so arbeitet?

»Kui Schrittle, kui Trittle«

Fast jedes Wochenende fuhr er, der Radiomann und gebürtige Augschburger, beruflich nach Bayerisch Schwaben, vom Ries bis ins Allgäu: Er führte Interviews, hielt Vorträge und leitete Aufnahmen von Volksmusikveranstaltungen. Allgäuer Ländler und Jodler: Das faszinierte mich und ich wusste irgendwie, dass das mein »Lebensthema« sein würde.

Fasziniert war ich von der damaligen Finkengruppe mit den Brüdern Fink, Josef Wagner, Jutta und Ferdl Kerber. Als mein Vater mich, mit knapp 13 Jahren, fragte, ob ich denn ein paar Wochen auf dem Kerberhof in Hinterreute verbringen wolle, um mich ein bissl um die drei Kinder zu kümmern, war ich begeistert. Und ausgerechnet auf einem Einödhof im Oberallgäu begegnete mir ein neues Familienkonzept. Jutta Kerber als studierte Harfenistin war Künstlerin, hatte nicht Kinder-​Küche-​Kirche im Fokus, sondern Hackbrett-​Zither-​Harfe, Jodler-​Liebes- und Marienlieder. Ferdl als Landwirt war nebenbei in der Blasmusik und bei kleineren Orchestern, aber alles, was den Haushalt betraf, teilten sich die beiden. Ganz selbstverständlich und ohne Diskussion. So wurde Jutta Kerber nicht nur zu meiner musikalischen Lehrmeisterin und Impulsgeberin. Ihre unglaubliche Kreativität, mit der sie Menuette, Walzer, Galoppe, Schottische oder auch neue Allgäuer Volkslieder schuf, in der sie später die gesamte schwäbische Volksmusik aufmöbelte, lag in einer Zeit, in der die Kinder noch lange nicht »aus dem Gröbsten raus« waren, in der andere Mütter gar nicht ans Kreativsein denken konnten.
Für meinen Lebensweg war mir klar: Augen auf bei der Partnerwahl! Denn Ferdl, der Fels, sah Juttas Potential und scheute sich nicht, die Küchenschürze anzuziehen und Windeln zu waschen. Ich hatte übrigens später auch das Glück, einen solchen »Ferdl« zu finden, in einer Zeit, in der im Dorf am Ammersee Väter nur daheimblieben, wenn sie krank oder arbeitslos waren. Entsprechenden Mut verlangte es meinem damaligen Mann auch ab, sich bei der Muttertagsfeier im Kindergarten neben den zu ehrenden Mamas verstohlen eine Träne aus dem Auge zu wischen. Ein starker Mann.

»Kranz da auf Deine Haar«

Aber zurück zu den starken Frauen: Geprägt von der Durchsetzungskraft einer Jutta Kerber hat es mir nicht genügt, auf einer Bühne nur Zierstück zwischen Männern zu sein, mühsam genug war es, sich die Haare aufzuschopfen, denn ohne aufgesteckte Haare war das Singen im Dreigesang oder das Musizieren in den 1960er/1970er Jahren für Dirndl nicht vorgesehen. Das sollte sich Ende der 1970er ändern: Bei den Seminaren des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege begegneten mir aufgeklärte, intelligente Frauen, vorwiegend aus Franken, die noch dazu politisch aufmüpfig waren, das »Aufschopfen« und die von ihnen erwartete Kleiderordnung verweigerten, und nach Herzenslust musizierten oder Vorträge hielten: Gerlinde Haid, die für alle Neuerungen offene Volksmusikdozentin an der Hochschule für Musik in Wien, oder die junge Lehrerin Friederike Gollwitzer, die so frech bei der Ronhofer Bock- und Leiermusik die C-​Klarinette spielte und mich prompt mit dem Klari-​Virus infizierte. Gleich nach den Ferien – ich arbeitete damals neben dem Studium als Lehrerin an einer Musikschule – fragte ich meinen Kollegen, ob er mir denn Klarinettenunterricht geben würde. Es trat nur bereits in der ersten Stunde ein kleines Problem auf: Er wusste nicht, ob er, wie bei seinen männlichen Schülern, mit der Hand an mein Zwerchfell greifen dürfe, um die richtige Atmung zu überprüfen.

»Deandl, i sogs da drei-, viermal«

Da waren übrigens andere Musikanten weniger gschamig. Einige von mir hochverehrte Musikanten sahen in mir nichts weiter als einen erotischen Schnellimbiss, den man kurz hinten im Hausgang des Wirtshauses oder auf dem Parkplatz vor dem Heimfahren zu sich nimmt. So schnell hab ich oft gar nicht schauen können, schon waren die Musikantenhände an Körperteilen, die meinem Gefühl nach nicht für sie bestimmt waren. #MeToo in der bayerischen Volksmusik: Da stünden ein paar auf meiner Liste. Ich habs damals nicht öffentlich gemacht, weil frau so etwas schamhaft verschwiegen hat und werde es jetzt auch nicht tun, weil diese Lederhosen-​Machos nicht mehr leben.

Frausein in der bayerischen Volksmusik war nicht immer schön: Eines Tages kam ich als Aufnahmeleiterin für den Bayerischen Rundfunk zu einem großen Musikantentreffen; der Toningenieur kam mir kopfschüttelnd entgegen. Eine der Gruppen, so hatte es der Veranstalter angeordnet, sollte nicht auf der Bühne, sondern unten im Zuschauerraum spielen. Warum? Die Hackbrettspielerin war schwanger, »sie passt in koa Dirndlgwand mehr nei«, und deswegen wurde sie von der Bühne verbannt. Mein lieber Kollege hatte aber sehr weise gekontert: »Entweder es spielen alle oben auf der Bühne oder alle unten im Zuschauerraum. Da könnts Euch jetzt entscheiden.« Die sehr junge schwangere Frau hatte Tränen in den Augen.

 

Weiterlesen...

Passende Artikel