»Ein Lied, das mir auf den Leib geschrieben ist.«

Susanne Brantl und die Hinter-​Hoflieferanten

Ein Nachmittag im Münchner Stadtviertel Au. Gespannt warten ca. 20 Besucher mit Corona-​Abstand im Saal der Seniorenherberge Am Herrgottseck auf ­Susanne Brantl, ihre Hinter-​Hoflieferanten und auf Marion ­Greger. Letztere betreut seit sechs Jahren ehrenamtlich Veranstaltungen des gemeinnützigen Vereins LichtBlick Seniorenhilfe e.V. in München. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, armutsbetroffene und bedürftige Personen finanziell und persönlich zu unterstützen. Dazu gehören auch Aktivitäten, die älteren Menschen die Möglichkeit erhalten, selbstbestimmt am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Auch in Zeiten der Pandemie gibt es ein buntes Kulturangebot, das von Sponsoren finanziert wird. Carmen E. Kühnl hat nach dem mitreißenden Programm für die »zwiefach« mehr über die Interpreten in Erfahrung gebracht.

Text: Carmen E. Kühnl Fotos: Christof Wessling, Archiv Susanne Brantl

Die Münchner Schauspielerin Susanne Brantl und ihre Begleiter Toni Waas am Klavier und Norbert Bürger am Banjo entführen das Publikum musikalisch nach Berlin, Rio, Wien, Irland oder Spanien. »Haben Sie eine tolle Stimme«, kommentiert eine der Zuhörerinnen, als Susanne Brantl das durch Fritzi Massary und Zarah Leander bekannte Lied Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben erklingen lässt. Schnell wird klar, dass diese Truppe ein Faible für Geschichte und Geschichten aus der Zeit von 1890 bis 1930 hat, verpackt in schaurig-​schöne Balladen von Mord, Liebe und dem Mond sowie alte Schlager, deren Verse auch heute noch verblüffend aktuell sind. Kompositionen von Friedrich Holländer, Franz Lehàr, Bruno Balz oder auch ein Tango Egon aus den 1950er Jahren bringen viele der betagten Zuhörerinnen und Zuhörer in Bewegung, die Füße wippen im Rhythmus, ein Lächeln liegt im Gesicht. »Wenn es im Raum dunkel gewesen wäre, hätten sicher einige mitgesungen«, vermutet Susanne Brantl im anschließenden Gespräch.

Wir liefern Kunst in die Hinterhöfe

Das kongeniale Ensemble mit Klavier, Akkordeon, Geige, Kontrabass und Gitarre trat 2019 zum ersten Mal im Portikus der Schwabinger St. Ursula Kirche auf. Im Frühjahr 2020, gerade als sie in Kaufbeuren die Premiere eines neuen Programms erfolgreich hinter sich hatten, stoppte Corona alle Engagements. Dank einer Förderung durch den Musikfonds und einer Coronahilfe konnten die Musiker auf Sparflamme weitermachen. »Die Theater und Kneipen waren zu. So sind wir halt in einem Pasinger Blumenladen und in ganz vielen Hinterhöfen vor wenig Publikum aufgetreten«, erinnert sich die Sängerin. »Wir haben für die Leute gespielt, die nicht raus konnten, weil sie im Rollstuhl saßen oder gebrechlich waren oder einfach Angst vor Corona hatten. Als die Inzidenzzahlen nicht mehr ganz so schlimm waren sind auch diese Leute und Kinder in den Hof gekommen. Unsere Idee war, Kunst in die Höfe zu liefern, wenn man schon nicht in Theater gehen darf. Weil uns mancher für einen Catering-​Service gehalten hat, haben wir in unserem Namen den Hinterhof ergänzt.«

Das Talent in die Wiege gelegt

Motor der Formation ist Susanne Brantl. Die Münchnerin stammt aus einer vielseitig künstlerisch tätigen Familie. »Von klein auf erinnere ich mich, dass bei uns immer Musik gemacht wurde und zwar Volksmusik, aber auch klassische. Mein Opa war Kunstradfahrer und Banjospieler, meine Oma lernte mir Charleston und Black Bottom, meine Großtante trat als Volkssängerin u. a. mit Karl Valentin auf.«

Die Schwabingerin hat Schauspiel, Gesang, Theaterwissenschaften und bayerische Literaturgeschichte studiert. 1992 hatte sie ihre erste größere Rolle als Agnes Weiß in dem historischen Schauspiel Die Hexe von Schongau von Herbert Rosendorfer. Die Musik dazu stammte von Richard Kurländer, der auch selbst mit seiner Fraunhofer Saitenmusik und Freunden im Stück aufgetreten ist. »Das war schon was, neben Volker Prechtl, Johanna Baumann und anderen gestandenen Schauspielern auf der Bühne zu stehen«, erinnert sich die Künstlerin. Im Laufe ihrer Karriere hat sie viele weitere Facetten ihrer Kunst kennengelernt: z. B. Straßen- und Improvisationstheater, die Bühne im Gärtnerplatztheater, die Komödie im Bayerischen Hof oder Jürgen Kirners Brettl-​Spitzn. Im Gespräch erwähnt sie immer wieder unverhoffte Begegnungen mit Menschen, die ihre künstlerische Entwicklung beeinflusst haben, z. B. die Lyrikerin Dagmar Nick, den Pianisten Gerold Huber oder die Augsburgerin Anni Lang, die bereits 105 Jahre alt war, als Brantl sie kennengelernt und einen Film über sie gedreht hat.

Beruf oder Berufung?

Auf die Frage, ob sie von ihrem Beruf leben könne, antwortet die Künstlerin sehr ehrlich: »Ich muss mich mit dem am Leben erhalten, was ich gelernt habe. Da sind keine großen Sprünge möglich, aber dafür darf ich machen, was mir Spaß macht. Mit einem anderen Brotberuf hätte ich Angst, dass meine Kunst zu kurz kommt. Aber als Künstlerin lebt man meist von der Hand in den Mund. Wenn wir in einem Hinterhof auftreten, stellen wir den Chapeau Claque von meinem Opa auf und freuen uns, dass es auch tolle Leute gibt, die 50 oder 100 Euro reinwerfen. Wir teilen brüderlich, aber bei vier Leuten bekommt keiner viel. Ohne Kunstförderung, die gerade die Miete deckt, hätten wir nicht weitermachen können.«

Susanne Brantls Herzenswunsch? »Ein Lied, das mir auf den Leib geschrieben ist.« Und dazu fallen ihr eine Reihe berühmter Beispiele ein.

www.susanne-​brantl.com