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Ein Jodler als musikalisches Katzenfell

Ohren gespitzt Richtung Steiermark:

Ein Jodler als musikalisches Katzenfell

Die meisten Jodler kommen, wie wir wissen, ohne Text aus; nur vereinzelt finden sich kurze Phrasen wie (wohl) auf der Ålm oder Ähnliches. Einer der wenigen Jodler, der über eine gesamte Textstrophe verfügt, wurde aus dem Mariazellerland überliefert. Er soll sich auch als heilsam bei Rückenschmerzen erwiesen haben.

Text: Eva Maria Hois Foto: Antonia und Eva Maria Hois

Der in Aschbach tätige Oberlehrer Christian Bogensberger (1882 – 1975) zeichnete 1913 bei Martin und David Leodolter den Halltaler auf. Die Überstimme beginnt mit den Silben »Håliedi dija dija idiå«, in ihrem vierten Takt setzt die parallel geführte Hauptstimme mit folgendem Text ein: »Hådie, ålle Mäus und Råtzn fressn meine Kåtzn.« Bis hierher scheint alles logisch, doch dann geht es wie folgt weiter: »Zwiefl, Knofl und a Wurscht, und a a Kraut und z’ letzt an Tee«, und das sorgt nun meist für allgemeine Heiterkeit. Die Wurst lässt sich ja erklären, aber hat man jemals schon gehört, dass Katzen Zwiebel, Knoblauch und Kraut fressen oder gar Tee trinken würden???

»Ålle meine Kåtzn«

Der Jodler war auch nördlich von Mariazell bekannt. 1997 zeichneten ihn Herbert Krienzer und Hans Martschin für das Steirische Volksliedwerk bei Albertine (1921 – 2002) und Hermann Weber (1921 – 1999) auf. Die beiden waren seit 1943 verheiratet und sangen jahrzehntelang täglich miteinander, und zwar bis zu zwei Stunden, manchmal auch mehr. Sie waren am Erlaufsee im steirisch-​niederösterreichischen Grenzgebiet aufgewachsen, lebten später aber auf der Schmelz in Annaberg bei Mariazell (Bezirk Lilienfeld, Niederösterreich). Zu ihrem großen Repertoire gehörte auch der Jodler Ålle meine Kåtzn, den Hermann von seinem Vater gelernt hatte. Auch hier beginnt die Überstimme (»Holareo io io io«), die Hauptstimme setzt aber erst mit Beginn der zweiten Phrase ein und singt einen der Aufzeichnung von 1913 sehr ähnlichen Text:

»Ålle meine Kåtzn
fressn Mäus und Råtzn
und an Zwiefl und an Knofl,
z’ letzt a Wurscht, an Krauterntee.«

Audio: Die Tanzgeiger singen Ålle meine Kåtzn

Der Jodler wurde im Mariazellerland auch ohne den Katzen-​Text gesungen. Notburga »Burgi« Fellner, geborene Grünschachner (*1929) kannte ihn mit dem Beginn »Hops darada ite«. Er hieß auch In åltn Taurer seiner, war er doch der Lieblingsjodler von Engelbert Taurer, einem schon pensionierten Knecht beim Gasthof Franzbauer in Gußwerk. Dort arbeitete Burgi von 1943 bis 1949, bis sie Eustachius Fellner (1921 – 2000) heiratete, mit dem sie den Jodler später auch sang. Ihre Fassung wurde von Hans Martschin aus Mariazell übernommen und als In Taurer Vater seiner unter anderem auf einer Jodler-​Lern-​CD sowie auf dem Tonträger Du wunderschönes Gamsgebirg! veröffentlicht. Vermittelt von Hans und seinem Sohn Hannes Martschin, einst Bassgeiger bei der Gruppe, nahmen ihn die Tanzgeiger um Rudi Pietsch ebenfalls als In Taurer Vater seiner in ihr Repertoire auf. Bei ihnen beginnt dieser als ruhiger Geigenjodler, darauf folgt der einmal gesteigerte gesungene Jodler mit dem Katzen-​Text in der Wiederholung.

Gesundjodeln

Engelbert Taurer hatte oft Rückenschmerzen. Wenn er deswegen besonders viel »jammerte«, sagte die Franzbäurin zu Burgi: »Fång ån sein Jodler, åft tut as Kreuz glei niammer so weh.« »Und dås wår wirklich wåhr«, bestätigte Fellner bei unserer Feldforschung in den Jahren 2014/2015 in Gußwerk, »wånn i håb den Jodler ångfången, und er håt mitgesungen, åft håt er nix mehr gsågt vom Kreuzweh.« Somit wirkte dieser Jodler für den alten Knecht wie ein musikalisches Katzenfell oder auch das Schnurren einer Katze, das nicht nur etwa bei Knochenbrüchen, Allergien, Bluthochdruck und Asthma, sondern auch bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen helfen soll.

Wurde der Text über Katzen, Mäuse und Ratten von Burgi Feller und dem alten Taurer wie schon erwähnt nicht gesungen, so war er der begeisterten Sängerin doch bekannt, ebenso dem bei all unseren Feldforschungsbesuchen anwesenden Engelbert Scharner (1938 – 2018) aus Scheibbs in Niederösterreich. Er meinte, der Text »is von uns draußn«, eine entsprechende Aufzeichnung konnte bislang aber nicht gefunden werden.
Wohl aber gibt es eine dreistimmige Niederschrift des Jodlers aus Randegg bei Gresten, gleichfalls im Bezirk Scheibbs gelegen. Diese wurde von Josef Pommer (1845 – 1918) bei Josef Stadler, einem Forstverwalter in Großhollenstein an der Ybbs, aufgezeichnet und in 444 Jodler und Juchezer aus Steiermark und dem steirisch-​österreichischen Grenzgebiete (Wien 1902, Nr. 275) veröffentlicht. Stadler, der laut Pommer die Überstimme »dazu gemacht« hat, gab an, dass dieser Råndegger schon vor 1878 von Holzknechten aus Krengraben bei Kleinhollenstein gerne gesungen wurde, allerdings ohne den heiteren Text.
Im Buch 123 Jodler und Juchzer des Steirischen Volksliedwerks wurde In åltn Taurer seiner beim ersten Mal nur mit Jodelsilben in beiden Stimmen, bei der um einen Ganzton gesteigerten Wiederholung jedoch mit dem von Albertine und Hermann Weber überlieferten Text in der unten liegenden Hauptstimme aufgenommen. Sie können nun gleich selbst ausprobieren, ob der Jodler heilsam ist. Wenn schon nicht Rückenschmerzen, so sollte er zumindest schlechte Laune und trübe Gedanken vertreiben. Und das ist ja auch was.

 

Jodler LernCD zum Nachsingenaus dem Mariazellerland

Hans Martschin aus dem Mariazellerland – langjähriger Vorsitzender des Vereins Steirisches Volksliedwerk – war der erste, der vor über zehn Jahren eine Jodler LernCD herausgebracht hat, die nun 2020 neu aufgelegt wurde. Mit Tochter Ulrike und Schwiegersohn Helmut Schweiger hat er zwölf fast ausschließlich dreistimmige Jodler aufgenommen. Diese erklingen zuerst im Dreigesang, danach sind die jeweiligen Stimmen einzeln zu hören, wobei die anderen Stimmen leise im Hintergrund mitsingen. So kann man wunderbare Weisen wie Der Gusswerker, Der Arzberger, Hinterberger Dirndln, Stromminger Gamsjodler, Zeller Kreuzberger, Der Krammerbauer Dreier, Der Stoanbauerndreier, Der Zeller Staritzer und natürlich In Taurer Vater seiner daheim im Wohnzimmer oder am Küchentisch erlernen.

www.steirisches-​volksliedwerk.at