Carnevalsmusik und Maskaraden-​Tänze

Ein Obermusikmeister aus Franken setzt im München des 19. Jahrhunderts Akzente

Text: Leo Meixner Fotos: Archiv des Zentrums für Volksmusik, Literatur und Popularmusik

Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Faschings- und Maskaraden-​Musik von München ausgehend in Oberbayern Hochkonjunktur. Zahlreiche Notendrucke bringen ab etwa 1800 Melodien und Tänze der jeweiligen Faschingssaison unter die Musikanten und Tänzer. Meist für Piano-​Forte arrangiert und veröffentlicht, haben diese Redout-​Tänze deutlich spürbare Einflüsse auf die ländliche Tanzmusik.

Ein Militärmusiker sorgt für die Tanzmusik

Im Jahre 1797 wird in Gersfeld in der Rhön Peter Streck als Sohn eines Schuhmachers geboren. Von Jugend an erfährt er eine musikalische Ausbildung und kommt dann über die Militärkapelle in Würzburg 1825 als Regimentsmusikmeister nach München. 1851 wird er dort Obermusikmeister aller Militärmusikkorps in München. Nebenbei verschafft ihm seine Tätigkeit als Tanzmusikmeister große Popularität. Mit seinen beliebten Tanz- und Unterhaltungskapellen tritt er über 30 Jahre bis zu seinem Tod am 23. August 1864 in München auf. In einem Bericht über den Alt-​Münchner Fasching, verweist Autor Ludwig Steub im Jahr 1842 auf den Musikus:

»Wir nennen ihn ›unsern Streck‹, und er ist uns so teuer, wie Johann Strauß seinen Wienern, wieMusard den Parisern. Der junge Mann arbeitet sich zukunftsvoll empor und wirkt nebenbei auch als Musikmeister in einem Infanterieregiment. Seine Anfänge liegen etwa sechs bis sieben Jahre rückwärts. Damals kam ihm der Gedanke, die schönste Jahreszeit mit Musik zu verschönen, und er ahmte zuerst die Entreebälle im Freien nach, die ihm die Wiener als gelungenes Muster vorhielten. Neuberghausen war seine Wiege, obgleich er mit der Zeit auch andere Lustorte verherrlichte. Da spielte er denn mit seiner Virtuosenbande die beliebtesten Walzer und ließ ihnen, zum Besten der Nichttanzenden, immer eine Reihe von anderen Tonstücken vorausgehen, die er zum Teil selbst komponiert hatte. Ein namhaftes Talent zu arrangieren und mit den gegebenen Mitteln den musikalischen Zeitvertreib für den Abend rühmlichst zu bestreiten, das kann man ihm nicht absprechen.«
Auf eigene Kosten verlegt Streck auch die Faschingsmaskenbälle vom Hoftheater in das 1826–1828 von Stararchitekt Leo von Klenze errichtete bürgerliche Konzert- und Ballhaus Odeon. Ludwig Steub lässt uns am Ballgeschehen teilhaben:
»Auf erhabenem Orchester spielt er da seine Walzer, seine Polkas und Galoppaden, und unten in der Prachthalle tanzen die Jungen und Mädchen fröhlich auf glattem Boden. Die Damen sind wohl alle und von dem Männervolke wenigstens die Tanzenden aus jenen Klassen, die man in der feineren Gesellschaftvermißt. Es erscheinen viele Masken, Tiroler, Türken, Schottinnen und dergleichen, wohl auch desselben Herkommens. Die Toilette der nichtmaskierten Damen ist festlich, die der Herren sehr ungezwungen. Hut auf dem Kopfe, Überrock, Paletot, Studentenmütze – Bequemlichkeiten, die der männlichen Teilnahme gewiß sehr förderlich sind. Dieses Jahr nun gab uns der Meister drei solche Abende, von denen der letzte weitaus der schönste und in der Tat ein großartiges Freudenfest war …«

Strecks Vorbildwirkung

Münchens Obermusikmeister Peter Streck wird in puncto Musikausbildung, Notenveröffentlichung und musikalische Auftritte richtungsweisend für viele Musikanten. Und weil er in der biedermeierlichen Haupt- und Residenzstadt auch in der Unterhaltungs-, Ball- und Tanzmusik den Ton angibt, veröffentlicht er im Eigenverlag auch eine Reihe von Faschingsmusiken. Um das Jahr 1855 bringt Peter Streck sechs Stücke (zwei Märsche, Ländler, Polka, zwei Maskaradentänze) unter dem Titel Maskaraden-​Taenze und Märsche auf den Markt. Mit dieser Publikation beeinflusst Streck das Repertoire der Redouten sowie kleiner und großer Faschingsbälle in München nachhaltig. In den Stücken werden ungewöhnliche Klänge kreiert, was schon in der Instrumentierung und Stimmenverteilung ersichtlich wird. Scheinbar ganz bewusst stellt Streck damit einen Gegensatz zur bis dahin gängigen Ballmusik her. Es ist gut möglich, dass sich der Obermusikmeister diese Klänge bei ländlichen Faschingshochzeiten und Katzenmusiken abhört.

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