Bally Prell

Bally Prell

Ein Leben zwischen Schönheitskönigin und Isarmärchen

Text: Magnus Kaindl Fotos: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Am 31. Oktober 1953 ging 15 Minuten nach elf Uhr abends am Platzl zu München der Vorhang auf und heraus trat eine gewichtige runde Person im rosa Volantkleid mit weißen Seidenstrümpfen und weißen Häckelhandschuhen und begann mit tiefer Stimme zu singen: ›Mich, die Salvermoser Zenz, haben’s zur Schöhnheitskonkurrenz nach München auffi g’schickt …‹ Weiter kam die Darstellerin nicht mit ihrem Lied, weil der gerammelt volle Saal vor Applaus und Gelächter zu bersten drohte. Als das Lied, der Gesang von der ›Schönheitskönigin von Schneizlreuth‹ dann nach vielen Unterbrechungen zu Ende war, musste ein Bühnenarbeiter 25-​mal den schweren Vorhang auf- und zuziehen.«

So titelt die Münchner Abendzeitung am 11. Dezember 1963 zum 10-​jährigen Bühnenjubiläum der Schönheitskönigin. Ein neuer Star im legendären Theater am Platzl, Tummelplatz der Münchner Volkssängerei in der Nachkriegszeit, war über Nacht geboren. Die Schönheitskönigin von Schneizelreuth sollte bis zu Bally Prells frühem Tod durch eine Krebserkrankung 1982 ihre Paraderolle bleiben – mit ungebrochenem Erfolg bis zuletzt und mit Nachwirkungen noch über Jahrzehnte darüber hinaus. Denken wir nur an die vielen Rezipienten, die das Original bis heute kopieren und persiflieren. Selbst das Volkssängerzelt auf der Oidn Wiesn trägt als Hommage an die unvergessene Volkssängerin den Namen Zur Schönheitskönigin.
Doch wer steckt eigentlich hinter dieser Fassade? Gibt es überhaupt eine Bally Prell als Vortragskünstlerin abseits der Schönheitskönigin von Schneizelreuth? Fest steht, dass sie im krassen Gegensatz zu ihren Auftritten ein sehr zurückgezogenes Leben führte. Gerade diese Polarität zwischen »Rampensau« und kontaktscheuer Person lässt ein Leben mit schicksalhaften Wendungen erahnen, die sich nachhaltig auf ihre persönliche und künstlerische Entwicklung auswirkten.

Die Familie Prell

Agnes Pauline Prell, geboren 1922 als zweites Kind der Eheleute Franziska und Ludwig Wilhelm Prell, wächst zusammen mit ihrem zwölf Jahre älteren Bruder Ferdinand in einem musikalischen Haushalt auf. Der Vater ist ein gefragter Laienmusikant, der durch seine Kompositionen, Couplets, Heimatdichtungen und Vertonungen in der Münchner Unterhaltungsszene durchaus ein Begriff ist, auch wenn er selbst nie zu den berühmten Protagonisten der Zeit gehört. Die Mutter tritt musikalisch nicht in Erscheinung. Sie unterstützt ihren Mann in erster Linie bei den Arrangements seiner Werke.

Ludwig Prells Augenmerk liegt sehr früh auf der musikalischen Förderung seines Sohnes, der als zehnjähriges Wunderkind unter seinem Künstlernamen Co-​Co auf den Münchner Volkssängerbühnen für Furore sorgt. Ferdinand schlägt nach der Schule den Weg zum Profimusiker ein, stirbt jedoch 1931 mit nur 20 Jahren an einer Lungenentzündung. Eine Tragödie für die Familie und sicherlich erster dramatischer Wendepunkt für die damals neunjährige Bally. Ihr Spitzname, der 1954 ihr offizieller Künstlername wird, geht übrigens auf Ferdinand zurück, der sie wegen ihres runden Kopfes »Balli« gerufen haben soll. Sein plötzlicher Tod wird in der Familie auch in späteren Jahren nie thematisiert, geschweige denn aufgearbeitet.

Ballys Jugendjahre

Der ganze Fokus der Eltern konzentriert sich fortan auf Bally und umgekehrt. Doch bereits vor dem Tod Ferdinands versucht Ludwig Prell, sie frühzeitig in der Münchner Unterhaltungsszene zu etablieren. Als fünfjähriges Mädchen soll sie, musikalisch von ihrem Vater begleitet, vor ausverkauften Hallen gesungen haben. Einziger Nachweis hierfür ist ein Zeitungsartikel von 1928, der schon damals die außergewöhnliche Stimme des Kindes anpreist. Von weiteren Karriereschritten in der Kindheit und Jugendzeit ist nichts bekannt.

Mit 18 Jahren werden das erste Mal ihre gesundheitlichen Probleme aktenkundig. Nach dem Schulabschluss 1940 wird ihr wegen Übergewicht eine Erwerbs- und Berufsunfähigkeit attestiert, die sie in den Folgejahren letztlich auch vor dem Reichsarbeitsdienst bewahrt.
Ab 1942 erhält sie – überwiegend im Privatunterricht – eine Ausbildung in Harmonie- und musikalischer Formenlehre, im höheren Klavierspiel und in der Kompositionslehre als Vorbereitung für ein Studium an der Akademie der Tonkunst, an der auch ihr Bruder studiert hat. Diese wird sie aber nie besuchen.
Vielmehr konzentriert sich Bally auf ihre kräftige Altstimme. Hinzu kommt ihr komödiantisches Talent, das ihr Vater zunehmend zu vermarkten sucht. Gerade während des NS-​Regimes bleibt es bei meist unbedeutenden halböffentlichen Auftritten und auch in den ersten Nachkriegsjahren profitiert sie noch nicht vom neuen Boom der Volkssängerei. Vielmehr verdient sie ihr Geld in einem Reisebüro – bis zu ihrem künstlerischen Durchbruch an jenem schicksalhaften Abend des 31. Oktobers 1953, dem zweiten Wendepunkt in ihrem Leben.

Die Vater-​Tochter-​Beziehung

Ludwig Prell schreibt Bally die Rolle der Schönheitskönigin von Schneizlreuth im wahrsten Sinne auf ihren voluminösen Leib und nimmt damit die in den 1950er Jahren beliebten Miss-​Wahlen und Schönheitswettbewerbe aufs Korn. Mit diesem grandiosen Erfolg tritt sie endgültig in die künstlerischen Fußstapfen ihres verstorbenen Bruders und wird zur Botschafterin ihres »Vatls«.

Durch seine Tochter hat dieser endlich die Möglichkeit, seine meist bereits ab den 1920er Jahren entstandenen Werke einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dazu gehören unter anderem 16 vertonte Queri-​Lieder oder auch Lieder aus der Heiligen Nacht von Ludwig Thoma. Couplets wie Die St. Anna Vorstadt oder Die Erschaffung Münchens geben tiefe Einblicke in das Seelenleben von Ludwig Prell, der die gute alte Zeit wieder aufleben lassen möchte. Dieser verklärte Blick kommt besonders auch beim Isarmärchen deutlich zum Ausdruck, das genauso berühmt wie die Schönheitkönigin ist, inhaltlich jedoch völlig entgegengesetzte Akzente setzt.
Das enge Verhältnis zwischen Vater und Tochter offenbart sich vor allem auf der Bühne. Ludwig Prell und Ballys Onkel Josef Amann begleiten die meisten ihrer Auftritte mit Kontragitarre und Zither bis in die 1960er Jahre hinein. Und auch sonst scheint der Vater in der Öffentlichkeit immer ein behütendes Auge auf Bally zu haben. Wie sehr er in ihr den Sohnersatz sieht, äußert er ganz ungeniert, indem er sie häufig in der männlichen Anrede »er« anspricht.

Ballys Karriere

Nach dem einschlagenden Erfolg erhält sie direkt ein sechswöchiges Engagement am Platzl. 1954 folgen Auftritte im Deutschen Theater und sie geht auf Tour. Zu Beginn ihrer Karriere schlüpft sie noch in verschiedene Rollen, zum Beispiel als Münchner Kindl (beim Isarmärchen) oder als italienischer Tenor Kammersänger Pleplem. Mit zunehmendem Alter werden ihr diese Garderobenwechsel aber lästig. Durch ihr Übergewicht schwitzt sie sehr stark und so bestreitet sie ihre Auftritte ausschließlich im Kostüm der Schönheitskönigin.

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