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Amüsantes über den Fußball ...

»Ja, unser Torwackl, der saudumme Lackl …!«
Amüsantes über den Fußball – nicht nur für Fans

Text und Fotos: Evi Heigl

Nein, ich bin kein Fußballfan. Wahrlich nicht. Und doch komme ich an diesem Thema nicht wirklich ganz vorbei – sei es, weil der eigene Ehemann eine Dauerkarte für die Bundesligaspiele des FC Augsburg in der dortigen Arena besitzt und sich jeden zweiten Samstagnachmittag aufgeregt und hoffnungsvoll für mehrere Stunden dorthin verabschiedet, sei es, weil die diesjährige Fußball-WM in Russland ansteht und davon wieder das gesamte öffentliche Leben auch bei uns betroffen sein wird. Ganze Tagesabläufe werden sich danach ausrichten. Man mag davon halten, was man will. Man kann sich voller Leidenschaft in diese verrückten Wochen hineinstürzen, oder man kann es auch sein lassen und sich nach den wenigen Alternativen umsehen. Mal schauen, wie ich es dieses Jahr halten werde. Vor einiger Zeit bin ich jedenfalls ganz zufällig und im Nachhinein sogar sehr amüsiert mit dem Thema Fußball konfrontiert worden: nicht in einer gigantischen Arena, nicht beim Public Viewing, ja nicht einmal vor dem Fernseher – nein, in einer kleinen Dorfwirtschaft auf dem Land …

Fußball als Singanlass

Fußball bestimmt einen Großteil der Freizeit vieler Zeitgenossen. Fußball wird gefeiert. Wo gefeiert wird, wird auch gesungen. War das schon immer so? Ist das auch in den kleinen Vereinen so? Gehen wir zurück in die Jahre 1960/1970. Acht ehemalige Fußballer aus Langenneufnach, einer der größten Gemeinden im Naturpark Augsburg – Westliche Wälder, erinnern sich:

Wer hat uns des Spiel heut verlorn, verlorn,
wer hat uns des Spiel heut verlorn?
Ja, unser Torwackl, der saudumme Lackl,
der hat uns des Spiel heut verlorn!

So haben sie gesungen, wenns mal daneben ging, wenns nicht so gut lief bei den Spielern der ersten Mannschaft der Spielvereinigung Langenneufnach e. V., gegründet 1924. Die übersichtliche Anzahl Fans am Spielfeldrand begnügte sich mit Beifallsbekundungen – oder auch üblen Schmähworten, wenns denn nötig war. Fanclubs gabs auf der dörflichen Ebene keine. Gesungen wurde deshalb auch nicht auf dem Feld, sondern erst im Anschluss an das Spiel, im Wirtshaus. Und zwar sangen die Spieler selber – wenn sie sich dort frisch gemacht hatten und noch beisammen saßen, um den Sieg zu feiern oder die Niederlage erträglicher zu gestalten. »Je ärger ma verlora hat, je ärger hot ma gfeirat!«

Die ehemaligen Fußballer, alle Jahrgang 1940–1950, widersprechen damit der englischen Fußballweisheit »You only sing when you are winning«, wie sie Reinhard Kopiez und Guido Brink in ihrer Dokumentation Fußball-Fangesänge. Eine FANomenologie zitieren.[1]

»Fußballspieler, du alleine sollst meine Freude sein!«

Gemeinsam erinnern sich die Männer aus Langenneufnach und Umgebung an die Zeit von damals, »wo der Keara no beinander war«, wo nach jedem Spiel ordentlich gefeiert wurde. Und schon stimmt wieder einer ein Lied an, gleich fallen alle ein …

Eines Abends in der Dämmerung sah ich einen Fußballspieler stehn.
Und er sang ja so schön, dass ein Maderl blieb stehn.
Fußballspieler, du alleine, du allein sollst meine Freude sein.

Und dann gingen sie in ein Kämmerlein, wo kein einzig Fenster war, nur ein Bett.
Und was darin geschah, das nahm niemand gewahr.
Fußballspieler, du alleine, du allein sollst meine Freude sein.

Und nach knapp dreiviertel Jahr war ein junger Fußballspieler da.
Und da nahm man gewahr, was im Kämmerlein geschah.
Fußballspieler, du alleine, du allein sollst meine Freude sein.

In diesem Lied geht es primär nicht mehr ums Fußballspielen, um Gewonnen, Verloren, Sieg oder Niederlage. Die zufällige Begegnung mit einem »Maderl«, das Mitnehmen ins Kämmerlein, die nach einiger Zeit nicht zu übersehende und weitreichende Konsequenz aus dieser Episode – all das sind Motive, wie sie in zahlreichen Balladen und Liebesliedern auftauchen. Nur eben hier umgemünzt auf einen Fußballspieler statt auf einen Ritter, Reiter oder Jüngling.

Ein ähnlicher Umgang mit überlieferten Balladen ist zu beobachten bei dem Lied Es zogen drei Spieler wohl über den Rhein. Es handelt sich hier wiederum um eine Variante, diesmal des Liedstoffes vom Bestraften Fähnrich, der zwischen 1820 und 1840 in verschiedenen deutschsprachigen Regionen sehr populär gewesen ist und in zahlreichen Versionen auftaucht. Während üblicherweise drei Regimenter über den Rhein ziehen und Offiziere und Hauptmänner zu den Protagonisten werden, so sind es in unserer Variante des Liedes die Fußballspieler, der Schiedsrichter, der Torwart … – eine Umdeutung, die einer gewissen Komik nicht entbehrt.

SVL, der Schrecken aller Klassen!

Während sich die Melodiefassungen bei den bisher genannten Fußballliedern stark von ihren Vorbildern unterscheiden, so ist das bei folgenden Liedadaptionen nicht oder nur kaum der Fall. Gerne werden von den kleinen Dorfvereinen die Vereinshymnen der großen deutschen Bundesligavereine übernommen und entsprechend den Gegebenheiten angepasst.

Während man auf den Fanrängen des FC Schalke 04 singt: Blau und Weiß, wie lieb ich dich, Blau und Weiß, verlass mich nicht! Blau und Weiß ist ja der Himmel nur, Blau und Weiß ist unsre Fußballgarnitur!,so heißt es in Langenneufnach zu einer sehr ähnlichen Melodie: Schwarz und Weiß, wie lieb ich dich …, sind ja die Trikotfarben dort schwarz und weiß.

Bei Fußballvereinen im Allgemeinen auch sehr beliebt ist der Hit TSG / VfL / Grün und Weiß …, du bist der Schrecken aller Klassen. Bei der Spielvereinigung Langenneufnach wurde für dieses Lied der Vereinsname kurzerhand in SVL umbenannt. Schon ließ sich das Lied auch im dortigen Vereinsheim singen:

SVL, du bist der Schrecken aller Klassen,
SVL, ja wie begeisterst du die Massen!
SVL, wenn ich dich spielen seh,
fällt mir das schönste Spiel von heute/Sonntag wieder ein,
es kann ja gar nicht schöner sein!

Auch aktuelle Schlager wurden gerne umgedichtet, wie z. B. Jacqueline Boyers Mitsou von 1963:

Mitsou, Mitsou, Mitsou,
was sagst denn du dazu?
Der SVL wird siegen
und keine Schlappe kriegen!

Ein Fußballer in maurischer Wüste

Charakteristisch für nahezu alle diese Fußballlieder, die im Wirtshaus oder im Vereinsheim gesungen wurden, ist eine gewisse Eingängigkeit der Melodie, eine Melodie, die man im Chor weithin hörbar schallen lassen, um nicht zu sagen »grölen« kann. Ein Großteil der Lieder ist im 4/4-Takt und hat einen marschähnlichen Rhythmus, der zum Mitklatschen anregt. Selten kommen Lieder im 3/4-Takt vor, die dann Schunkelcharakter haben.

Ging das Fußballliederrepertoire an einem länger dauernden Abend dann allmählich zu Ende, wurden die Soldatenlieder vom »Barras«, der gerade eben abgeleisteten Wehrdienstzeit, bemüht (O, du schöner Westerwald, Fern bei Sedan, Das Schweizer Madl). Auch auf Lieder, die die jungen Leute von ihren Vätern und Großvätern am Stammtisch gehört hatten, wurde des Öfteren zurückgegriffen. Da erklang dann Gefangen in maurischer Wüste, Die blauen Dragoner, Schwer mit den Schätzen des Orients beladen

Langenneufnach ist mit Sicherheit kein Einzelfall. Viele der hier angesprochenen Lieder wurden auch in anderen Fußballvereinen bayern- und bundesweit gesungen. Fakt ist, dass das Singen nach den Spielen im Laufe der 1980er-Jahre allmählich nachließ und mittlerweile weitgehend verschwunden ist. Gründe dafür mögen sein, dass sich die Fußballer nach dem Spiel gar nicht mehr zusammensetzen oder sich statt des gemeinsamen Singens von Tonträgern unterhalten lassen.

 

Lebendige Volkskultur im Fußballstadion

Das Singen zum sportlichen Ereignis verlagert sich – wie Kopiez und Brink untersucht haben – mehr und mehr auf die großen Stadien, wo es dann eher darum geht, die eigene Mannschaft anzufeuern bzw. die Gegner zu demoralisieren. Die Lieder haben den Zweck, für Spannung und Entspannung bei den Zuschauern zu sorgen. Die Autoren sprechen nach ihren umfangreichen Recherchen sogar von einer »lebendigen Volkskulturpraxis«, die auf den Fanrängen der Stadien stattfindet. Dieses amüsante Buch, das neben allem wissenschaftlichen Handwerk immer mit einem gewissen Augenzwinkern an sein durchaus unterhaltsames Thema herangeht, ist – auch für Fußball-Analphabeten wie mich – eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

 

Reinhard Kopiez, Guido Brink: Fußball-Fangesänge. Eine FANomenologie. Würzburg 2010.