Singend Frieden machen

Singend Frieden machen

 

Über Totenlieder und ihre Verwendung

 

Text: Eva Maria Hois Foto: Archiv des ­Steirischen Volksliedwerkes, Alamy Stock Photo

Media vita in morte sumus« (»Mitten im Leben sind wir im Tod«) lautet der Beginn einer lateinischen Antiphon (Wechselgesang), die vermutlich schon um 750 entstand, aber dem Dichter und Gelehrten Notker Balbulus (um 840–912) zugeschrieben wird. Der Text wurde von Martin Luther (1483–1546) ins Deutsche übertragen. Ein ähnliches Motiv findet sich in einem kurzen Gedicht von Rainer Maria Rilke (1875–1926):

»Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.«

Heute wünschen sich wohl die meisten Menschen einen jähen Tod, der sie schnell mitten im Leben ereilt, am liebsten im Schlaf – und das bei halbwegs guter Gesundheit, also ohne langes Leiden und Dahinsiechen. Denn der Tod berührt uns meist peinlich, er ist unfassbar und angsteinflößend und wird als schmutzig und heimlich aus der Öffentlichkeit in die Privatheit abgeschoben, wodurch die Sterbenden vereinsamen.

Das war aber nicht immer so, denn lange Zeit gehörte er ganz selbstverständlich zum Leben der Menschen, wiewohl er freilich nicht weniger schmerzte. Und es wurde nichts so gefürchtet wie ein plötzlicher Tod, der den Menschen unvorbereitet aus seinem Leben riss, ohne Verabschiedung, ohne die Hinterlassenschaft geregelt und Frieden gemacht zu haben. Der Tod war vertraut und wurde gemeinschaftlich erlebt und verarbeitet. Er war, nicht zuletzt wegen der hohen Kindersterblichkeit – nur jedes zweite Kind wurde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erwachsen –, eine gewissermaßen alltägliche Erscheinung, ein »akzeptierter Bestandteil und Begleiter des Lebens«, so die Kulturwissenschaftlerin, Sterbe- und Trauerbegleiterin Susanne E. Rieser in ihrem Buch Sterben, Tod und Trauer. Mythen, Riten und Symbole im Tirol des 19. Jahrhunderts von 1991. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich rund um den Tod – gleich der zweiten wichtigen Station im Lebenslauf, der Hochzeit – viele Bräuche und Lieder entwickelten.

Lieder begleiten hinüber

Gesungen wurde nicht nur bei der Beerdigung, sondern vor allem beim Wåchtn oder Leichhüatn, einem Kernstück des Totenbrauchs, wo oft viele Stunden lang als Ausdruck der »nachbarlichen Lebensgemeinschaft« gemeinsam gebetet und gesungen wurde, wie der Kärntner Musikpädagoge, Chorleiter und Komponist Hans Pleschberger im Jahr 2000 in seinem Aufsatz Totenwache und Wachlied im Katschtal schrieb. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden die meisten Verstorbenen zu Hause aufgebahrt, folglich fand dort auch das Wachten statt. Die dabei verwendeten außerliturgischen Gesänge unterschieden sich meist deutlich vom kirchlich approbierten Liedgut.

Wachtlieder sind weniger dem Inhalt nach eigene Gattungen, sondern werden vielfach erst durch den Gebrauch zu solchen gemacht; auch scheinen sie weniger aus ästhetischen Gründen ausgewählt worden zu sein, als vielmehr nach ihrer Funktion. Haben sie oft auch keine inhaltliche Verbindung zum Totenbrauchtum, so ist vielen von ihnen doch der Hinweis auf die oft nur allzu rasche Vergänglichkeit des irdischen Lebens gemeinsam, desgleichen eine enge Beziehung zwischen Glaube und Tod: »Sorge vor dem jähen Tod, die Todesmahnung an die Lebenden […] und die unerschütterliche Gewissheit der Hilfe im Tod durch Jesus und Maria sind in den Totenliedern die immer wiederkehrenden Motive,« meinte Helmut Husenbeth in seinem 1973 im ersten Band des Handbuchs des deutschen Volksliedes erschienenen Beitrag über das Toten-, Begräbnis und Armeseelenlied. Gedichtet worden sein dürften viele dieser Lieder von Priestern, Lehrern und anderen Gebildeten, zeigen sie doch oft in Inhalt und Wortwahl fundierte theologische bzw. Bibelkenntnisse und sind in Hochsprache abgefasst.

Breites Liedrepertoire beim Wachten

Beim Wachten wurden beispielsweise Totentänze, Abschieds-, Begräbnis-, Grab-, Armeseelen-, Buß- und Passionslieder, belehrende, betrachtende, Andachts-, Bitt- und Loblieder, Morgen- und Abendlieder sowie Marien-, Wallfahrts- und Rosenkranzlieder angestimmt. Neben diesen geistlichen Liedern erklangen manchmal aber auch weltliche Gesänge wie (Schauer-)Balladen, Moritaten, Erzähl- und Legendenlieder, die in irgendeinem Zusammenhang zum Tod stehen... Weiterlesen.