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Sigi Ramstötter und die Volksmusik

»I sing und spui und tanz, weils mi gfreit«

 

Selten hat sich ein Musikant so intensiv und so lange der Pflege von Volkslied, Volksmusik und Volkstanz gewidmet wie Sigi Ramstötter. Wenn der gebürtige Neukirchner im Juli seinen 90. Geburtstag feiert, dann liegen 84 Jahre musikalische Praxis hinter ihm – eine Zeit, in der er immer wieder Neues gelernt, aber auch Neues erfunden, ausprobiert und begründet hat. Gleichzeitig bewahrt er das überlieferte Chiemgauer Musik-, Tanz- und Liedgut und berät gerne junge Gruppen, die sich dafür interessieren.

Text: Carmen E. Kühnl Fotos: VVV, Sigi Ramstötter Privatarchiv

 

Man muss sich schon ein bisserl Zeit nehmen, um herauszufinden, welche Instrumente er im Laufe des Lebens kennengelernt hat – und auf welche Weise. Die Anlässe waren nicht immer erfreulich: wenn er in der Neukirchner Blaskapelle wieder einen im Krieg gefallenen Kameraden ersetzen musste, beispielsweise. Zu Akkordeon und Gitarre kamen nach und nach Blasinstrumente wie Flügelhorn, Trompete, Posaune, Alphorn oder Okarina. Das handliche Tonpfeiferl hat er auf einer Singwoche in Klobenstein durch den Kofler Franz kennengelernt. »Er hat so a kloans Pfeiferl aus der Hosntaschn zogn, das er vom Pfarrer in Landeck kriagt hat. Und er hat mir verraten, dass es in Bozen welche gibt.« Sigi hat zusammen mit seiner Frau Ishild dazu beigetragen, dass sich die Okarina auch diesseits des Brenners einen Platz in der Volksmusik erobert hat. »Handwarm klingts am besten«, rät er allen, die sich daran versuchen wollen. 

Bekannt wurde Sigi Ramstötter im Chiemgau mit dem Traunsteiner Dreigesang und der Musikkapelle Neukirchen schon bald nach dem Krieg. Wastl Fanderl (1915 – 1991) holte den Akkordeonspieler, der damals sein Geld noch als Fliesenleger verdiente, als alleinigen Musikanten für die Singwochen und als Begleiter für die Tanzstunden vom Kaufmann Schorsch (1907 – 1972). Seit 1970 führte der Teisendorfer die Arbeit von Georg von Kaufmann eigenständig weiter. Jahrelang sang und spielte er im Fanderl ​Quartett und in der Fanderl Hausmusik. Bei fast allen Fernsehsendungen seit der Funkausstellung 1959 und den entsprechenden Schallplatten zum Bairischen Bilder- und Notenbüchl, aufgeschlagen von Wastl Fanderl hat er mitgewirkt.
Dem Verein für Volkslied und Volksmusik (VVV) ist Ramstötter bald nach dessen Gründung beigetreten. Viele Jahre hat er auch bei den großen Münchner Treffen von Erich Mayer im Löwenbräukeller gespielt, hat Tanzkurse gegeben oder Singstunden geleitet. Und bei den musikalischen Studienfahrten des VVV hat er oft die Sänger und Musikanten zu ihrem Ziel kutschiert. Bei seiner Ehrung für 50 Jahre treue Mitgliedschaft im März dieses Jahres hat er auch einige seiner Anekdoten sowie Okarinastückl, Couplets und Jodler zum Besten gegeben. Und sich darüber gefreut, dass zum Beispiel auch der Familiendreigesang Rehm zur Gratulation ins Münchner Hofbräuhaus gekommen war.

 

»Handwarm klingts am besten«

Ständig auf Achse

Den Begriff Tanzlmusi hat Sigi Ramstötter geprägt. Als 1999 das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern der Teisendorfer Tanzlmusi eine eigene Publikation widmete, trug Bruder Georg Ram­stötter den Statistikteil Wo war ma überall? bei: Für die Jahre 1956 bis 1988 hat er insgesamt 2.178 Veranstaltungen und rund 320.000 gefahrene Kilometer festgehalten. Der jüngere Bruder Sigi dürfte inklusive seiner Tanzkurse und offenen Singen im gleichen Zeitraum mehr als 3.267 Veranstaltungen geleitet und 421.509 Kilometer zurückgelegt haben. In nur 33 Jahren in Bayern. Hinzu kamen Reisen als bayerische Botschafter in Länder wie die DDR, Portugal, Frankreich, Jugoslawien, Zypern, Tunesien, Ghana oder Australien. Der Gedanke, sein Hobby zum Beruf zu machen, sei Ramstötter aber nie gekommen. »Da hätt ma des ganz anders aufziagn miassn, damit a Familie davo lebn ko.« 

Aktiv wie eh und je

Mit seiner Teisendorfer Geigenmusi spielt er heute noch mindestens dreimal im Jahr zum Tanz auf. Seit 41 Jahren leitet er an jedem zweiten Donnerstag im Monat seinen Singkreis in Grabenstätt. Gern komponiert er mit der Trompete. Leider kommt die Inspiration nicht auf Bestellung, denn grad jetzt könnte er eine gute Idee für seinen 90er-​Marsch gebrauchen. »Es ist sicherer, wenn ich mir meinen Geburtstagsmarsch selber komponier. Das hat schon beim 80. gut funktioniert.«

Den 80er-​Marsch – zu finden im Notenteil dieser »zwiefach«-Ausgabe – kann man, wie alle anderen Stücke von Ramstötter, GEMA-​frei spielen. Dem Komponisten liegt aber sehr daran, dass man die erste und zweite Stimme nicht verändert, bei der dritten Stimme könne man gern variieren.
Der Altmeister staunt, wie viele Gruppen, die sich heute Tanzlmusi nennen, richtig gute Volksmusik machen. Es ist ihm wichtig, dass dieser Name auch wirklich gute Volksmusik garantiert. Jede Stilrichtung hat nach Ramstötters Überzeugung ihre Berechtigung, aber Mischungen seien immer schlecht. »Wenn oana guat Jazz spuit, dann soll er des macha. Des is aa schee. Aber net mischn.« 
Die Entwicklung beim Volkstanz bedrückt ihn ein bisserl, wie Ramstötter sagt, weil man die Vielfalt der Tänze nicht mehr pflegt. So gebe es auch immer weniger Trachtenvereine, die etwa eine Woaf oder den Kikeriki tanzen. Es sei ihm passiert, dass einige bei diesen Stücken die Tanzfläche verlassen haben. 

I brauch was fürs Hirn und für die Fiaß

Wenn die Teisendorfer Geigenmusi auftritt, kommen traditionell auch einige Tänzer aus Niederbayern. Deshalb werden mindestens fünf Zwiefache und ein paar niederbayerische Volkstänze gespielt und einige nicht zu schwere Figurentänze. Mit mindestens zwei niederbayerischen Rundtänzen am Abend habe er gute Erfahrungen gemacht. »Und es werden immer mehr, die dabei mittanzen, denn die Leut wolln was fürs Hirn und für die Fiaß.«

Was er sich wünscht? 

Er wär dankbar, wenn es noch lang so weiterginge: mit der Gsundheit, dem Schwimmen, mit dem Radeln und dem Autofahren, »so lang i mi wohlfui«. Sein ganzes Engagement wäre jedoch nicht vorstellbar ohne einen Menschen, der ihn unterstützt und ihm den Rücken freihält. Seine Ishild habe das immer getan, nicht nur bei der Kindererziehung und in der Familie – sie habe ganz viele Tanzkurse mit ihm zusammen geleitet, in der Okarinamusi mitgespielt, zahlreiche seiner Aktivitäten geplant, organisiert und dokumentiert. Ohne eine solche Unterstützung wäre sein musikalisches Leben nicht möglich gewesen. »Da sag i ihr aufrichtig Dank schee dafür.«

 


 

Bezirk Oberbayern, Volksmusikarchiv und Volksmusikpflege (Hg.), Teisendorfer Tanzlmusi, die erste »Tanzlmusi« in Oberbayern. Ein kleines Notenbuch mit Worten, Bildern, Dokumenten und Erinnerungen (Persönlichkeiten der Volksmusik, Band 11), München 1999.

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