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exotische Klangwelten: Kartuschenorgel und Ziegelsteinklavier

Text und Fotos: Daniel Fuchsberger

In ihrer Kindheit, erinnert sich die heutige Scherrerwirtin Gabriele Treml, sind sie und ihr Großvater, also die einzigen beiden im elterlichen Gasthaus abkömmlichen Personen, manchmal zur Bäckerei ihres Großonkels spaziert. Dort gab es für sie zwei Attraktionen: zum einen das Kipferl, das sie von der (Groß-)Tante Fanni bekam, zum anderen die weitum gut hörbaren und allabendlich zur selben Zeit zelebrierten musikalischen Darbietungen ihres Großonkels, des Bäckermeisters Karl Scherrer.[1] Diese fanden auf zwei wahrlich exotischen Volksmusikinstrumenten statt, nämlich »Kartuschenorgel« und »Ziegelsteinklavier«.

Hinter diesen Namen verbergen sich zwei Eigenentwicklungen Karl Scherrers, damals in dessen Garten aufgebaut: ein mit Eisenhämmern gespieltes Xylofon[2] aus Ziegelsteinen, die er durch Ausklopfen an der Unterseite gestimmt und auf einem Spieltisch angeordnet hatte; und eine Art Glockenspiel, das sich der versierte Zitherspieler gebaut hatte, nachdem er in Folge des Ersten Weltkrieges seine Instrumente verloren hatte. Dieses besteht aus gesammelten Geschosshülsen unterschiedlichen Kalibers, ergänzt durch einige Hufeisen, aufgehängt und angeordnet auf einer einfachen Holzkonstruktion, und wird mit Holzhämmern gespielt.[3]

Die musikalische Experimentierfreude ist Familientradition: Karl Scherrers Vater, der 1887 aus der Puszta nach Dreistetten (Niederösterreich) eingewanderte Leopold Scherrer, der erste Scherrerwirt, war für sein Musizieren auf ungewöhnlichen selbst gebauten Instrumenten weitum bekannt. Auf Zigarrenkistl-Violine, Stiefelknecht, Nachttöpfen und vielen anderen Kreationen unterhielt er nicht nur die Gäste im eigenen Gasthaus, sondern unternahm auch Konzerttourneen, von denen er jedesmal Kuriositäten zur Erweiterung seiner (großteils an den Wänden und der Decke der Gaststube hängenden) Sammlung mitbrachte: napoleonische Hieb- und Stichwaffen, Fossilien aus der Gegend, Fagotte, Hebammenbücher und vieles andere sind dort heute noch zu sehen und werden auf Nachfrage gern vom Seniorwirt Franz Hager fachkundig erläutert. Leider sind gerade die musikalischen Instrumentenkreationen nicht mehr vorhanden, diese wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, weil sie – um sie zu schützen – in ein anderes Haus gebracht worden waren. Der Rest der Sammlung hat im heimatlichen Scherrerwirt überlebt.[4]

Karl Scherrer wiederum war das einzige der 14 Kinder Leopold Scherrers, das in die musikalischen Fußstapfen seines Vaters trat. Doch auch dessen Ziegelsteinklavier ist schon Geschichte, der Sohn und Erbe von Karl Scherrer wusste das (zugegeben etwas sperrige) Instrument anscheinend nicht zu schätzen, bedauert Franz Hager: »Der hat sofort nach dem Tod des Vaters [zu Beginn der 80er-Jahre] eine Scheibtruhe genommen, hat die Ziegelsteine alle gesammelt und alles auf einen Haufen geschmissen. Somit war es vernichtet. Ich habe das erfahren und somit habe ich dann mit ihm gesprochen, und ich konnte, seinerzeit für 3.000 Schilling, das [die Kartuschenorgel] eben erwerben. Die ganze Holzkonstruktion haben wir neu machen müssen, weil das war nur ein aus ein paar Pfosten zusammengezimmertes Werk.«[5] So hat doch zumindest eines der beiden spektakulären Instrumente überlebt, um nur wenige hundert Meter übersiedelt und (vor auch schon wieder beinahe vier Jahrzehnten) neu aufgebaut im Garten des Gasthauses Scherrerwirt.

Das Instrument ist nach wie vor spielbar und klangvoll, auch wenn die Stimmung der Geschosshülsen (und -kappen[6]), denke ich, teilweise nachgebessert werden könnte. Aufgebaut sind 20 Geschosshülsen und 12 Geschosskappen (eine defekte, nicht klingende ist außerdem vorhanden), dazu noch 9 Hufeisen. Diese klingen ähnlich, aber deutlich leiser als die Geschosshülsen und -kappen.

Ein Stimmungs-Vergleich des Status quo mit der einzigen verfügbaren Aufnahme, erschienen 1967 auf der Feldforschungs-LP Austrian Folk Music. Volume 1 – The Eastern Provinces[7], ist nicht ganz einfach: Zwar ist das Instrument laut Franz Hager originalgetreu wieder aufgebaut worden, ein Vergleich der derzeitigen Anordnung mit einem historischen Foto zeigt allerdings, speziell auf der rechten Seite des Instruments, kleine Unterschiede in der Anordnung der Hülsen. Ob diese Karl Scherrer selbst (nach der Fotoaufnahme) so angeordnet hat oder hier unbeabsichtigt die Reihenfolge verändert wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – auch aufgrund der schon angesprochenen Stimmungsveränderung einiger Töne. Laut Auskunft von Franz Hager ist die Grundtonart des Instruments F-Dur, auch die angesprochene Aufnahme ist in dieser Tonart – wobei die Grundstimmung (jedenfalls heute) in etwa bei 450 Hz liegt, zumindest die der drei (von mir gefundenen) F (in drei Oktaven). Wie viele Tonarten (in welchem Tonumfang) exakt spielbar sind (bzw. waren), ist mir daher noch nicht ganz klar, einige chromatische Nebentöne sind auf der Aufnahme jedenfalls zu hören.

Lauscht man dem Spiel Karl Scherrers auf der Kartuschenorgel auf der erwähnten LP (ein Medley, bestehend aus Die letzte Rose von Friedrich von Flotow und Friedrich Wilhelm Riese, dem Hobellied von Ferdinand Raimund und Conradin Kreutzer sowie einer angehängten Improvisation), würde man in den ersten paar Takten keineswegs österreichische Musik vermuten, zu sphärisch und exotisch sind die Klangwelten, die sich da auftun. Doch dann schimmert durch diese Sphären vertraute Dur-Harmonik durch, und plötzlich fühlt man sich irgendwie zu Hause – aber doch nicht ganz. Auch das Ziegelsteinklavier klingt nicht im ersten Moment nach Österreich, obwohl das dargebotene Stück (Da setz’ ich mein grün’s Hütl auf) musikalisch sehr eindeutig auf die alpine Tradition verweist. Die Instrumentenbeherrschung Karl Scherrers lässt erahnen, dass er seinen Instrumenten viel liebevolle Übezeit gewidmet hat, nach kurzer Gewöhnung an das Klangbild lässt sich ein (auch an diesen beiden Instrumenten) virtuoser Musikant erkennen. Schade genug, dass sich nach seinem Tod (noch) niemand gefunden hat, der sich ausgiebig dem (verbliebenen) Instrument gewidmet hat, klangtechnisch würde man damit jedenfalls eine vakante Nische der österreichischen Volksmusik befüllen!

 

Hinweise:

Die angesprochene LP Austrian Folk Music. Volume 1 – The Eastern Provinces, aufgenommen und herausgegeben von Johnny Parth und Chris Strachwitz, findet man hie und da am Gebrauchtmarkt. Eine Doppel-CD-Edition mit zusätzlichen und auch neu aufgenommenen Aufnahmen ist im Jahr 2009 unter dem Titel Uncensored Folk Music of Austria ebenfalls bei Arhoolie Records erschienen.[8] Darauf findet sich neben den zwei besprochenen noch eine Aufnahme von Karl Scherrer auf der Kartuschenorgel, ein nicht näher bezeichnetes Kirchenlied.

 

 

Die Sammlung des Leopold Scherrer bewundern sowie die Kartuschenorgel des Karl Scherrer besichtigen (und Probe spielen!) können Sie hier:

 

Gasthof-Pension Scherrerwirt
Dreistetten 46

2753 Dreistetten


Tel.: +43 2633 42590
Fax: +43 2633 41266
E-Mail: gasthof@scherrerwirt.com
Web: www.scherrerwirt.com

 



[1] Telefonat mit Gabriele Treml, 21.1.2019.

[2] Das Präfix »Xylo-« ist in diesem Fall eigentlich nicht korrekt, da es auf Holz verweist, wahrscheinlich ist dieses Instrument systematisch eher mit den Lithofonen, also Steinspielen, verwandt.

[3] Parth, Johnny: Begleittext zur LP Austrian Folk Music. Volume 1 – The Eastern Provinces, Arhoolie Records, USA 1967.

[4] Persönliches Gespräch mit Franz Hager, 16.1.2019, Dreistetten.

[5] Persönliches Gespräch mit Franz Hager.

[6] Ob das die korrekten Bezeichnungen sind, weiß ich nicht, zum besseren Verständnis siehe Foto.

[7] Parth, Johnny; Strachwitz, Chris: LP Austrian Folk Music. Volume 1 – The Eastern Provinces, Arhoolie Records, USA 1967.

[8] Danke für diesen Hinweis an Ernst Weber, Wien. Zwar gibt es für diese Doppel-CD keinen österreichischen Vertrieb, auf der Website https://folkways.si.edu/uncensored-folk-music-of-austria/world/music/album/smithsonian lässt sie sich jedoch digital erwerben, auch einzelne Titel davon.

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