Neue Volkstänze in der Schweiz

Ein Phänomen und seine Geschichte

Text: Johannes Schmid-​Kunz Fotos: Bildarchiv, Schweizerische Trachtenvereinigung, Bubikon

Wenn ich gebeten werde, einen Beitrag über neue Volkstänze in der Schweiz zu schreiben, bietet mir das die Gelegenheit, mich selber an unzählige Tanzbegegnungen im In- und Ausland zu erinnern. Das erste einschneidende Erlebnis in Bezug zu diesem Thema war für mich wohl das Bundesvolkstanztreffen 1978 in Oldenburg. Dort machte ich Bekanntschaft mit Volkstänzen, bei denen ich einfach mittanzen konnte – mittanzen ohne vorher einen Kurs besucht zu haben!

Obwohl ich in dieser Zeit natürlich noch nicht regelmäßig in einer Gruppe mittanzte, bekam ich an unseren Singwochen und auf Tanzfesten, an denen man auf Grund familiären Solidaritätsverhaltens teilnahm, mit, dass man Volkstänze zuerst üben musste. Später erkannte ich bei Kurswochen in Überlingen und Ochsenhausen, aber auch auf Tanzfesten der Welser Rud und natürlich beim Wiener Kathreintanz, dass das, was ich einst in Norddeutschland erlebte, an anderen Orten die Normalität und nicht eine Ausnahme war.
Als Mitglied, langjährigem Präsident und Tanzleiter des Volkstanzkreises Zürich (www.volkstanzzuerich.ch), aber auch als Geschäftsführer der Schweizerischen Trachtenvereinigung bin ich immer wieder daran interessiert, die Volkstanzentwicklung in der Schweiz zu erforschen, die neuen Trends zu werten und den Gründen für gewisse Entwicklungen nachzugehen. Früh stellte sich mir die Frage, warum der Austausch zwischen deutschen und österreichischen Gruppen sehr rege ist, sich aber kaum einmal ausländische Gäste zum Volkstanzball im Zürcher Kongresshaus (dieser wurde 1961–2008 jährlich vom Volkstanzkreis Zürich durchgeführt) verirrten. Die Erklärung lag auf der Hand: Wenn selbst geübte Tänzerinnen und Tänzer aus der Schweiz einen Quartalskurs besuchen mussten, um das Ballprogramm zu erlernen, wie mussten dann solche Ballprogramme wohl auf Gäste aus den benachbarten Alpenländern wirken?

Organisiertes Bewegen

Was begünstigte nun aber Entwicklungen, welche zu so unterschiedlichen Volkstanz-​Vorstellungen führten? Dazu erst einmal einige grundlegende Überlegungen. Unter Volkstanz versteht man heute in der entsprechenden Szene das »organisierte Bewegen zu schweizerischer Volksmusik«. Diese Definition mag einem als sehr populär und einfach gestrickt erscheinen. Sie erhebt absolut keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern ist vielmehr als verkürzte Zustandsbeschreibung zu verstehen. Es gibt in der Schweiz keinerlei Volkstanzforschung, die einem eine qualifiziertere Begrifflichkeit zur Verfügung stellen würde. Man darf sich sogar zu Recht die Frage stellen, ob der Begriff Volkstanz in einer historischen Dimension überhaupt Sinn macht? In Ländern, in denen sich der Volkstanz bewusst vom Hoftanz unterschied, mag das Sinn machen, aber in der traditionell republikanischen Schweiz, die weder einen Hof noch eine entsprechende Kultur kannte? Darüber soll nicht weiter spekuliert werden, der Begriff ist gebräuchlich, darum verwenden wir ihn auch.

Wo wird der Volkstanz in der Schweiz gepflegt? Da müssen zunächst die Trachten- und Volkstanzgruppen genannt werden, welche der Schweizerischen Trachtenvereinigung angeschlossen sind. Für sie ist der Volkstanz ein Element im großen Repertoire der Brauchtumspflege. In vielen Trachtengruppen gibt es neben den Tanzgruppen auch noch Chöre, Theater- und Volksmusikgruppen oder einfach Mitglieder, die keiner besonderen Aktivität nachgehen. In den 1930er-​Jahren bildeten sich in verschiedenen Schweizer Städten Volkstanzgruppen, die den Schweizer Volkstanz nicht als Teil des Schweizerischen Brauchtums, sondern als Teil der weltweiten Tanzkultur verstanden: die Volkstanzkreise. Sie pflegen bis heute ein internationales Volkstanz-​Repertoire, sind aber teilweise auch der Trachtenvereinigung angeschlossen. Zudem gibt es natürlich unzählige Gruppierungen, welche sich in einer gewissen Kadenz in freien Foren treffen und gelegentlich auch Schweizer Volkstänze tanzen. Nicht zu vergessen sind Tanzschulen, welche unregelmäßig Angebote für Schweizer Volkstänze machen.

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