Ein Bandonion-​Jubiläumsjahr

Ein Bandonion-​Jubiläumsjahr

Von Tüftlern, Virtuosen und einem unverkennbaren Klang

Astor Piazzolla, der wohl bekannteste Bandonion-​Virtuose würde 2021 seinen 100. Geburtstag feiern. Vor 110 Jahren wurde die Firma Alfred Arnold, eine der renommiertesten Bandonion-​Fabriken, gegründet. Heinrich Band, Musikalienhändler und Namensgeber des Bandonions, könnte heuer seinen 200. Geburtstag begehen. Und der Geburtstag des bayerischen Volksmusikers, Komponisten und Bandonion-​Virtuosen Georg Weinschütz jährt sich zum 150. Mal. – Anlass genug, dem Bandonion mehr Aufmerksamkeit und eine kleine Serie in der »zwiefach« zu widmen!

Text: Georg Leugner-​Gradl Fotos: Siegfried Haslbeck, Georg Leugner-​Gradl

Das Akkordeon, die Harmonika und auch – hauptsächlich im Fränkischen – die Konzertina, sind aus der Volksmusik kaum wegzudenken und erleben in den letzten Jahren eine zum Teil faszinierende Renaissance! Um das Bandonion hingegen ist es leider sehr still geworden, obwohl es doch gleichberechtigt in die große Gruppe der Handzuginstrumente mit Durchschlagzungen gehört. Man hört es nur gelegentlich beim Tango, in älteren Filmen oder vereinzelt auf diversen Festivals. Dennoch gibt es 2021 einen ganzen Strauß von Anlässen, um das Bandonion zu feiern und wieder ein wenig ins Rampenlicht zu rücken!

Wie heißt denn das Instrument nun wirklich?

Bandonion, Bandoneon, Bandonium, Bandoneum, Bandeon!? Um den richtigen Namen ranken sich viele Geschichten und Theorien – nicht zuletzt hat auch der historische Druckteufel seine Spuren hinterlassen. Das Bandoneon kommt für die einen aus Frankreich und für andere gar aus Argentinien. Falsch! Der Ursprung des Bandonion ist in Chemnitz und Carlsfeld zu finden. Dort hatte die Conzertina der Instrumentenbauer Carl Friedrich Uhlig (1789 – 1874) und Carl Friedrich Zimmermann (1817 – 1898) bereits einen beachtlichen Bekanntheitsgrad, als Heinrich Band (1821 – 1860), ein Musikalienhändler aus Krefeld, Gefallen an dem Instrument fand und einige Umbauten und Änderungen vornehmen ließ. Diese modifizierte Konzertina nannte der findige Geschäftsmann dann selbstbewusst »Bandonion«!

Die Conzertina hatte zur damaligen Zeit nur 20, 40, später dann 56 Töne und war einchörig. Im Lauf der Jahrzehnte wurden daraus die heute üblichen 104 - bis 130-tönigen Konzertinas (3 bis 5-chörig ) mit den verschiedenen Tonlagen wie Carlsfelder, Chemnitzer, Schefflersche oder Hadersche, um die bekanntesten zu nennen. Das Ur-​Bandonion hatte damals auch 56 Töne. Hinzu kamen im Laufe der Jahre Ausführungen mit 62, 70 und 88, ja bei aktuellen Instrumenten mit 142 Tönen und mehr!

Wechsel- oder gleichtönig

Die heutigen Instrumente sind zu unterscheiden nach wechseltönig und gleichtönig. Wechseltönig heißt nichts anderes, als dass auf Druck und Zug jeweils ein anderer Ton erklingt. In dieser Gruppe haben sich die sogenannte Rheinische Tonlage (142-​tönig), das Einheitsbandonion (144-​tönig )und das bayerische Schrammel-​Bandonion (154-​tönig) etabliert. In Anlehnung an das Rheinische System (das vorwiegend für den Export nach Südamerika gebaut wurde) hat Georg Weinschütz (1871 – 1949) ein Schrammel-​Bandonion konzipiert, das die Münchner Bandonion-​Hersteller Wiesner und Strobel für ihn anfertigten. Ist das Rheinische Tango-​Bandonion vorwiegend zweichörig in absolut schwebungsfreier Oktavstimmung gebaut, so bevorzugte Georg Weinschütz die zweichörige Ausführung mit zwei gleichen 8'-Registern in leichter Schwebetonstimmung. Markantes äußeres Erkennungszeichen des Weinschütz-​Bandonions sind rechteckige Knöpfe. Außerdem sind die äußeren Gehäuse-​Ecken nicht abgeschrägt wie sonst üblich.

Das Einheitsbandonion wiederum hat meist drei Register, ist ebenfalls mit Schwebton eingestimmt und fand damit seine Liebhaber meist in der Tanz- und Unterhaltungsmusik.

Verzwickte Tastenkombinationen

Um das Erlernen der etwas undurchsichtig anmutenden Tastenkombinationen der wechseltönigen Modelle zu erleichtern, gab es immer wieder findige Musiker und Instrumentenbauer die gleichtönige Tastaturen (Druck und Zug gleich) entwickelten. Stellvertretend für vielerlei Varianten möchte ich hier die französische Ausführung von Peguri, sowie die Modelle von Zademak, Kusserow und Gabla erwähnen. Peguri nimmt die Tastenanordnung des Rheinischen Bandonions als Grundlage, während die Knopfdisposition bei Zademak und Kusserow den Knopfreihen eines 5-​reihigen, chromatischen Akkordeons gleichen. Gabla schließlich verwendet eine 3-​reihige, chromatische C-​Griff-​Tastatur. Grundlegend ist der technische Aufbau vergleichbar: Nahezu quadratisches Gehäuse, zusammenhängende Stimmplatten in Zink oder gelegentlich auch aus Aluminium und der Balg mit zwei stabilisierenden Balgrahmen. Die Knöpfe werden nur mit vier Fingern gespielt während der Daumen eine stabilisierende Funktion ausübt.

Der sehr markante Ton des Bandonions findet seinen Ursprung wohl hauptsächlich in der Bauweise und Anordnung der Ton-​Kanzellen. Die Kombination von liegenden und hängenden Stimmzungen bildet maßgeblich die Grundlage für den Klang. Die Stimmzungenventile sind grundsätzlich in Leder gefertigt, die Stimmzungen selbst haben keinen konischen sondern einen parallelen Zuschnitt.

Spurensuche

Auch in den nächsten »zwiefach«-Ausgaben widmen wir uns diesem außergewöhnlichen Instrument und beleuchten die Rolle des Bandonions in der bayerischen Volksmusik, stellen namhafte Interpreten aus verschiedenen Generationen dar und begeben uns auf Spurensuche bei den namhaften Bandonion-​Herstellern in Bayern. Vielleicht haben auch Sie einen Hinweis auf erhaltene Instrumente, alte Fotos, hörenswerte Aufnahmen oder sehenswerte Erinnerungsstücke an die Blütezeit des Bandonions im Freistaat – über einen Hinweis oder Informationen würden wir uns sehr freuen!

Vieles mehr …
Am 16. April 2021, 15 –17 Uhr unterhält sich Evi Strehl auf BR HEIMAT in ihrer Sendung Servus! mit Georg Leugner-​Gradl über das Bandonion in Bayern (anschließend als Podcast verfügbar).
Und unter www.steinlinger-​balginstrumente.de finden sich ein Werkstatt-​Programm zum Bandonion-​Jubiläumsjahr und die Downloadmöglichkeit zu einer kleinen aber feinen Festschrift.

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