»Es wird ein Stern aufgehen …«

damals für heute

»Es wird ein Stern aufgehen …«

Gedanken zu den geistlichen Volksliedern in der »staden« Zeit

Text: Ernst Schusser. Foto: Herbert Reiter, Gemäldegalerie Dachau/Philip Kester

Woher der weitum für den Advent vielfältig gebrauchte Begriff der »staden Zeit« kommt, wer ihn erstmals gebraucht hat, kann an dieser Stelle nicht tiefgehend erörtert werden. Festzuhalten ist, dass im (früheren) bäuerlichen Alltag nach dem Allerheiligenfest (1. November), nach Allerseelen (2. November) und dann in vielen Gegenden erst nach dem Gedenktag des Hl. Leonhard (6. November) und den damit verbundenen Bräuchen etwas Ruhe in die Arbeitswelt einkehrt. Die Tage werden kürzer und kälter, die Ernte ist eingebracht – die »inneren Arbeiten« im und nahe beim Haus stehen vermehrt auf dem Plan.

Die Gedenktage der Heiligen sind nicht nur in den katholisch geprägten Gegenden wichtig für den Arbeits- und Lebensablauf – oft sind sie auch Zeiten des Innehaltens und werden festlich begangen, z. B. als »halbe Feiertage« oder als Patrozinien und Kirchweihfeste der ländlichen Kirchen, Kapellen und Pfarreien. Einiges davon hat sich auch bis in unsere Gegenwart erhalten oder weiterentwickelt.
Teils haben die Gedenktage einen ganz anderen Bezug erhalten, wie z. B. das Martinsfest am 11. November: War es im ehemaligen Bauernleben vielfach der Tag, an dem man über das weitere Verbleiben oder den Abschied von Dienstboten entschieden hat (was dann an Lichtmess vollzogen wurde), so ist dieser Tag heute mancherorts dem medialen und vereinsmäßig gesteuerten Beginn des Karnevals nach rheinischem Vorbild vorbehalten – und damit gar nicht »stad«. Vor allem aber ist das Martinsfest auch in Oberbayern seit den 1950er Jahren ein Kinderfest geworden, bei dem Umzugs- und Feierbräuche, z. B. aus Thüringen oder dem Rheinland auch infolge der Bevölkerungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg in Oberbayern zu neuem Leben geführt wurden.

Bräuche und Lieder

Über all diese Bräuche in der »dunklen« und »staden« Jahreszeit wurde in der Vergangenheit viel geforscht – die Entwicklungen in den letzten Jahren / Jahrzehnten sind aber eher wenig beachtet und dokumentiert. Diese obigen Hinweise ließen sich ganz umfangreich auf die weiteren Tage im November und dann vor allem im Dezember weiterführen. Hier sollen aber nur kleine Hinweise geben werden, wie Lebens- und Jahresbräuche auch mit Liedertexten und dem Singen von Liedern mit religiösem Bezug in Verbindung stehen. Und da kommen wir wieder zurück auf die »stade« Zeit: Diese Begrifflichkeit kann auch auf die Heilige Nacht von Ludwig Thoma (1887–1921) zurückgeführt werden. In den Kriegsjahren und während seiner zum Tode führenden Erkrankung hat sich Thoma auch der Betrachtung von Volksliedern zugewandt – und der Kiem Pauli (1882–1960) hat ihm quasi am Wohnzimmertisch ruhige landlerische Weisen auf der Gitarre vorgespielt. Den ersten »Gesang« im Versepos der Heiligen Nacht (1917) beginnt Thoma mit »Im Wald is so stad …« – die vieltausendfache Verbreitung dieses Textes und mehrfache Vertonung hält seither unvermindert bis in die Gegenwart an!

Das geistliche Volkslied das Jahr hindurch

Seit Beginn der 1980er Jahre gibt es die Reihe Das geistliche Volkslied das Jahr hindurch, die anfänglich vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V. und dem Bildungswerk Rosenheim getragen wurde. Mit der Gründung seines Volksmusikarchivs übernahm 1984 der Bezirk Oberbayern die Trägerschaft. Im Bildungszentrum Rosenheim fanden Besprechungen, Fortbildungstage und Gottesdienste mit geistlichen Volksliedern statt. Mit den vielen Sängern, Musikanten, Chorleitern und Seelsorgern, die nach Rosenheim kamen, verlagerten sich die Aktivitäten aber in die Pfarrgemeinden im Landkreis Rosenheim und dann weiter über ganz Oberbayern. In ganz besonderer Weise standen und stehen in dieser Reihe auch die Lieder und Singgelegenheiten im Fokus, die im privaten Leben stattfinden. Die geistlichen Volkslieder zu Bräuchen und in der »kleinen« Lebenswirklichkeit haben gerade in heutiger Zeit eine besondere Bedeutung, können sie doch eine große emotionale Strahlkraft entwickeln und sind auch für »kirchenfernere« Bevölkerungsschichten ein Zugang zum persönlich gelebten vielfältigen Glauben. Ein Moment des Ruhens und Besinnens mit Liedern über »Gott, die Welt und die Menschen« tut manchmal richtig gut.

Viele Veröffentlichungen von Liedern und Instrumentalmusik zu religiösen Themen im weitesten Sinn für den ganzen Jahresablauf und das menschliche Leben sind aus den Fortbildungstagen hervorgegangen. Der Bezirk Oberbayern und andere Herausgeber bieten Liederhefte und Singblätter für Volksgesang, Vorsängergruppen und Chöre an, dazu Instrumentalmusik für Saiteninstrumente, Bläser oder Orgel.

Einen Kontrapunkt setzen

Aus einer tiefen Unzufriedenheit junger Volksmusikfreunde mit den überhand nehmenden sogenannten Mundartmessen und dem Wissen um die zahlreichen, weithin unbekannten überlieferten geistlichen Volkslieder, aus Abneigung gegen die beginnende Geschäftemacherei und den Konzertcharakter vieler Volksmusikveranstaltungen in Kirchen ist unsere Arbeit geboren. Aufbauend auf das Wissen von Kurt Becher (1914–1996), begleitet von Fritz Kernich (1907–1986), Pfarrer Prof. Dr. Georg Kraus (siehe Lied Gott unser Heiland ist uns nah im Notenteil) und vor allem Pfarrer Hans Durner (1928–2020) wollten wir als Laien einen Schwerpunkt in die gläubige Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi mit den geistlichen Volksliedern in vielfältiger Weise setzen. Für die Gottesdienstgestaltung wollten wir die Möglichkeiten der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil aufzeigen – zugleich aber die persönliche und private Seite des Singens geistlicher Volkslieder hervorkehren und stärken.

Besonders wichtig erscheint uns, die überlieferten geistlichen Volkslieder durch sorgsame textliche Renovierung und Rückführung auf die Aussagen der hl. Schrift in unsere heutige Zeit, in unser heutiges Leben und in unsere persönliche Glaubenssituation hereinzuholen. Geistliche Volkslieder heute müssen vor allem auch zum Selbersingen anregen, zum liturgiekonformen Gestalten von Gottesdiensten aller Art und zum Gebrauch im eigenen Leben, in der Familie und mit Freunden. In guter Nachbarschaft mit vielen anderen Stilrichtungen der Kirchenmusik und Volksmusik möchten sie zur eigenen Glaubensverkündigung, zum Blick auf die Ökumene, zum Leben christlicher Werte wie Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, sorgsamen Umgang mit Schöpfung und Natur und damit auch zum gelebten Gotteslob beitragen.
In besonderer Weise scheint es in der Gegenwart angemessen und notwendig zu sein, dass das »Volk Gottes« sich auf seine Aufgaben, Pflichten und Rechte besinnt, um den christlichen Glauben und die damit verbundene Lebensart auch angesichts von Priestermangel und immer größer werdenden Pfarrverbänden lebendig und menschennah zu gestalten. Das gemeinsame Singen von geistlichen (Volks-)Liedern im natürlichen Volksgesang könnte dazu einen kleinen Beitrag liefern.

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