Editorial zwiefach 03-2021

»Mein Mund, der singet Frau Musica zur Ehr’«
Liedtext von Johann Jeep (1582–1644)

 

Liebe Sänger & Musikanten,
liebe Leserinnen & Leser!

Es war irgendwann Ende der 1980er Jahre, mit zwei befreundeten Musikantinnen nahm ich am Nachwuchsvolksmusikwettbewerb um den Wasserburger Löwen teil. Es war ein interessanter Tag, so weit von zu Hause weg hatten wir drei Waldler selten zuvor musiziert. Und auch die Tischgesellschaft im Saal entsprach ganz unserem Gusto, vier oder fünf junge aufgeweckte Damen einer Saitenmusi. Die Antwort »Aus Schneizlreuth« auf die Frage wo sie herkommen überraschte uns. »Wirklich aus Schneizlreuth!? Ja gibt’s des tatsächlich!?«, bohrten wir nach. Was uns eindringlich bestätigt wurde. Wir haben dann den Musikantinnen erklärt, dass wir von einer alten Schallplatte bisher nur die darauf besungene Schönheitskönigin von Schneizlreuth kannten und fest davon ausgegangen sind, dass es sich um einen erfundenen Ortsnamen handelte. Das allgemeine Gelächter war groß, denn unseren Schneizlreutherinnen war die Existenz der Schönheitskönigin bis dato unbekannt gewesen.

Erst viele Jahre später bin ich wieder über die Schönheitskönigin von Schneizlreuth gestolpert oder viel mehr über die Sängerin, die die Kunstfigur über viele Jahre verkörperte: Bally Prell. Es ist wirklich fesselnd, wie in ihrem Leben Tragik und Komik so intensiv zueinanderfinden. Ihre Geschichte bietet aber auch die Möglichkeit in die letzten Ausläufer einer Musikwelt einzutauchen, die uns heute – Gott sei Dank – schon relativ fremd ist, als sich Frauen den Weg auf die Bühne noch hart erkämpfen mussten, als es nicht selbstverständlich war, dass sich Musikerinnen außerhalb des Haushalts musikalisch produzierten und Geld durch Volks- und Tanzmusik zu verdienen – am Ende noch in einem Wirtshaus – kam fast der Prostitution gleich. Frauen wie Bally Prell läuteten gerade nach der Naziherrschaft, während der die Hausmusik bewusst zur Disziplinierung der Massen, zur »Gesundung der Volksseele« und zur Stabilisierung der Familiensituation eingesetzt werden sollte, für neue Akzente. Noch immer ist aber die musikalische Diskriminierung von Frauen und Mädchen nicht ganz überwunden. Wenn etwa Blechblasinstrumente bis heute ein »männliches Image« haben, dann hat das seinen Ursprung in der 1930/40er Jahre, als die Polarisierung männlich = soldatisch, weiblich = anschmiegsam bis in die Hitlerjugend hineinwirkte, wo die Jungen auf Blasinstrumenten ausgebildet wurden.

Wenn also heute bei einem Hoagarten oft mehr Sängerinnen und Musikantinnen für die exzellente musikalische Unterhaltung der Gäste sorgen oder bei Tanzlmusiken die Damen an der Es-Klarinette, oder der Trompete den Ton angeben, dann sollte man sich bewusst machen, welch steinigen Weg so manche Vorreiterin auf sich nehmen musste. In dieser »zwiefach« finden sich zahlreiche lesenswerte Blicke in Vergangenheit und Gegenwart. Da merkt man gleich, dass unsere Redaktion schon seit vielen Jahren annähernd paritätisch besetzt ist. Ein verbaler Blumenstrauß gilt an dieser Stelle stellvertretend unserer Verlegerin Andrea Iven, die mit viel Engagement und Risikobereitschaft das Magazin »zwiefach« weiterentwickelt und über Wasser hält. – Wer sie übrigens dabei unterstützen möchte: wir freuen uns über jeden Neuabonnenten!

Ich wünsche ein schönes Frühjahr, bleibn’s gsund,

Roland Pongratz

 

Passende Artikel