Editorial zweifach 04-2022

»Der Dialekt erlaubt keine eigene Sprache, aber eine eigene Stimme.«

Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)

 

Liebe Sänger & ­Musikanten, liebe Leserinnen & Leser!

Kürzlich habe ich an einer bayernweiten Tagung teilgenommen, dort wurden viele interessante Projekte von noch interessanteren Menschen vorgestellt. Aus allen Ecken Bayerns kamen die Kreativköpfe zusammen, junge und ältere, alle stark in ihrer Heimatregion verwurzelt und so hat es dann auch bei den verschiedenen Vorträgen geklungen. Keiner wäre auf die Idee gekommen, mit seiner Muttersprache hinterm Berg zu halten, da wurde nordbairisch, mittelbairisch, fränkisch, schwäbisch, … gesprochen und diskutiert. Verstanden hat man im Prinzip alles, wenn auch vielleicht einzelne Wörter sich nur aus dem Kontext erklärt haben. Aber Dolmetscher hat man eigentlich keinen gebraucht … Lediglich beim abendlichen Get-​together, also dem freien Gedankenaustausch an Stehtischen samt Flying Bavarian Regio-​Buffet, war ich einmal ganz schön überfordert, als sich ein Allgäuer mit einem Unterfranken unterhalten hat, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass ein Waidler daneben steht. Kaum hatte ich mich beim einen Dialekt halbwegs eingehört, kam der andere wieder zum Zug. Puh – ich gebe es zu, ich konnte nur bedingt folgen.

Umrahmt wurde der Abend von einer schwäbischen Wirtshausmusik, die aus dem Allgäu stammte. Frisch, fromm, fröhlich, frei sind die Musikanten durch den Saal gewandert und haben schneidig aufgespielt und gesungen. Erst nach ihrem eigenen Gusto und allmählich haben sie sich nach den Wünschen der Gäste gerichtet oder haben den aufgeschnappten Dialektfarben oder Herkunftsregionen der Anwesenden entsprechende Stücke zugeordnet: Wo is denn des Gerchla? für die Franken, einen Jodler für die Allgäuer, s Gamsgebirg für die Oberbayern, einen Zwiefachen für die Waidler, … dazu ein paar alte Schlager und fetzige Oberkrainer-​Stücke, die alle Anwesenden irgendwie miteinander verbanden. Es war schön die Kraft der Musik so zu erleben.
Ein bisschen habe ich den Eindruck, dass in den letzten Jahrzehnten die regionalen musikalischen Eigenheiten ein wenig unter den Tisch fallen. Neue Besetzungsformen schwappen durch den deutschsprachigen Alpenraum, Vorbilder aus oft mehreren hundert Kilometern entfernten Gegenden werden nachgeahmt, das Repertoire wird kopiert, die Satztechnik, Harmonieschemata und Spielweisen übernommen, ja sogar Instrumente werden in ihrer Bauweise und in ihrem Klang vereinheitlicht. Das ist mindestens so schade wie das Verschwinden von Dialekten. Was kann man dagegen tun? Ist das ein Ergebnis der musikalischen Globalisierung im Westentaschenformat? Oder ist das einfach der Lauf der Dinge? Hm …
Vermutlich spielt alles und noch viel mehr eine Rolle. Und bestimmt hängt die Entwicklung damit zusammen, dass derzeit andere Prioritäten beim Singen und Musizieren gesetzt werden – was ja an sich nicht schlecht ist. Und trotzdem wäre es schön, wenn Sänger und Musikanten die regionalen musikalischen Besonderheiten, die Klangfarben der näheren Umgebung, die überlieferten Traditionen ihrer engen Heimatregion auf dem Schirm behalten und weiterhin zum Klingen bringen. Die Mixtur machts aus und sorgt für eine stetige und langsame Entwicklung ohne plötzliche herbe Verluste, durch die Überhandnahme sprunghafter Modeerscheinungen. Die Welt dreht sich in der volldigitalisierten Zeit etwas schneller, nicht immer zum Vorteil der (musikalischen) Volkskultur. Da heißt es für jeden Akteur genau hinschauen und -hören und ab und an auch das eigene Tun zu reflektieren.
Ich wünsche allen einen facettenreich klingenden Sommer!
Mit herzlichen Grüßen,
Roland Pongratz

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