Die Friedhofshyänen

Die Friedhofshyänen

Text: Christoph Lambertz und Roland Pongratz Fotos: Jennifer Jahns/PNP, Ruth Plössel/Stadt Augsburg

»Unter den Tieren der Schaubuden finden sich regelmäßig einige, denen sich, dank den Erläuterungen des trinkgeldheischenden Tierwärters, die besondere Aufmerksamkeit der Schaulustigen zuzuwenden pflegt. Der Erklärer verfehlt nie, diese Tiere als wahre Scheusale darzustellen, und dichtet ihnen die fürchterlichsten Eigenschaften an. Mordlust, Raublust, Grausamkeit, Blutdurst, Hinterlist und Tücke ist gewöhnlich das geringste, was der Mann ihnen, den Hyänen, zuschreibt; er lehrt sie regelmäßig auch noch als Leichenschänder und Totengräber kennen und erweckt sicherlich ein gerechtes Entsetzen in den Gemütern aller naturkundigen Zuschauer.« aus: Brehms Tierleben. Säugetiere. Band 4: Raubtiere. Hundeartige. Hyänen)


Eine spezielle – heute ausgestorbene – Unterart der Hyäne hatte bis vor ca. 40 Jahren ihr Habitat auf Augsburger Friedhöfen, nämlich die in Musikerkreisen sogenannten Friedhofshyänen. Sie wurden hauptsächlich in Viererrudeln (Blechbläserquartetten) gesichtet. Ihre Beute waren Trauergesellschaften.

Unterwegs auf Augsburger Friedhöfen

Wenn man ältere Blasmusiker aus Augsburg und Umgebung nach musikalischen Erlebnissen und Anekdoten aus früheren Tagen befragt, kommt das Gespräch immer wieder auf die Friedhofshyänen. Dies waren ältere, ehemalige Berufsmusiker, die ursprünglich den Blasorchestern des Kapellmeisters Max Hempel angehört hatten. Max Hempel (1877–1959), heute noch bekannt als Komponist des Laridah-​Marsches, war von 1919 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Musikmeister des Augsburger Infanterieregiments, dessen Kapelle als eine der besten deutschen Militärmusiken dieser Zeit galt. Nach dem Krieg versammelte er seine früheren Militärmusiker im Augsburger Blasorchester.

Einige dieser Musiker übernahmen später zur Aufbesserung ihrer Rente das Musizieren bei Beerdigungen. Üblicherweise wird die Musikgruppe ja von Angehörigen oder Vereinen bestellt. Das war und ist auch in Augsburg so. Die Friedhofshyänen hatten jedoch ein erweitertes Geschäftsmodell. Wenn keine Engagements anstanden, wurde morgens die Zeitung nach Beerdigungsterminen und Todesanzeigen abgesucht. Entweder überrumpelte der Tubist – der Leiter der Gruppe – telefonisch die Angehörigen mit der Ankündigung, dass man auf der Beerdigung spielen werde oder die Gruppe tauchte einfach so am Friedhof auf, um dort zu musizieren und anschließend die Gage zu kassieren. Uwe Rachuth, ehemaliger Volksmusikpfleger des Bezirks Schwaben, hat dies in seiner Jugend selbst erlebt. Die Kapelle des Trachtenvereins Hammerschmiede sollte einem verstorbenen Vereinskameraden auf dem Friedhof das letzte Geleit geben. Als sie dort ankam, hatten sich die Friedhofshyänen jedoch schon in Position gebracht. Um der Trauergesellschaft eine unschöne Auseinandersetzung zu ersparen, zog die Trachtenkapelle ohne einen Ton zu spielen wieder ab und überließ den Hyänen das Feld. Ein anderes Mal ging es in einer ähnlichen Situation ganz anders aus. Bei der Beerdigung eines Kriegsteilnehmers hatte – wie üblich – der Krieger- und Soldatenverein eine Grabmusik bestellt. Der Tubist der Friedhofshyänen hatte sich bei den Verwandten des Verstorbenen kurzfristig »eingeladen«. Die beiden Kapellen sollen sich während der Beisetzung regelrecht »duelliert« haben. Jede versuchte an den passenden Stellen möglichst schnell einzusetzen, um der anderen Kapelle zuvorzukommen.

Eine aussterbende Rasse

Mit zunehmendem Alter der Friedhofshyänen und fortschreitender Schwerhörigkeit des Tubisten muss auch die Qualität der Darbietung ziemlich abgenommen haben. Überliefert ist, dass der Tenorhornspieler einmal seine Stimme ins Instrument hineingesungen hat, als er sein Mundstück vergessen hatte.

Heute gibt es keine Friedhofshyänen mehr. Aber Gott sei Dank gibt es immer noch Ruheständler, die werktags Zeit haben, um Begräbnisfeiern einen würdigen musikalischen Rahmen zu geben. Ein rüstiger und immer noch vielspielender 75-jähriger Flügelhornist aus dem Mittleren Bayerischen Wald berichtet, dass er als Solist, aber auch im Duo oder Quartett Beerdigungen in einem Umkreis von rund 50 km abdeckt. »’S Gschäft laft wia na wås! De Junga habm für so wås koa Zeit, owa mia san flexibl!« Auch das Repertoire wird den diversen Wünschen der Hinterbliebenen oder Verschiedenen angepasst. »Vom Feieråbend bis zur Ari, vom Guten Kameraden bis zum Marsch, sogar Amazing grace habm mia drauf. Bloß da Leichtrunk, der passt se ned å.«, erzählt der erfahrene Musikant, »Schweiners, Schnitzl, Lüngerl – i kanns nimma sehgn!«

Passend zu diesen Friedhofsgeschichten findet sich im Notenteil ein Trauermarsch aus der Feder des Augsburger Kapellmeisters Wendelin Massanari (1869–1927). Die Trachtenkapelle im Stadtteil Lechhausen spielt ihn traditionell am Volkstrauertag.

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