damals für heute

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Die Gföller Musi

Georg von Kaufmann gehört zu den ersten Autoren der SMZ 1958

Text: Ernst Schusser Fotos: Archiv Familie von Kaufmann

Im Jahre 1958 hat Wastl Fanderl (1915–1991) mit Unterstützung vieler Volksmusikanten und einiger Sponsoren die Sänger- und Musikantenzeitung gegründet. Redaktionell sind ihm seine Frau Lisl (1922–1999) und Annette Thoma (1886–1974) mit ihrem journalistischen Können zur Seite gestanden – und zahlreiche Protagonisten der Volksmusikpflege in Oberbayern nach dem Zweiten Weltkrieg haben Beiträge geliefert.

Spurensucher und Volkstanzpfleger

So wurde auch der befreundete Forstmeister Georg von Kaufmann (1907–1972), der sich neben seinem Beruf zusammen mit seiner Frau Marianne von Kaufmann (1917–2001) seit den 1930er Jahren um die Sammlung und Pflege der im Chiemgau überlieferten dörflichen Tanzformen (Volkstänze) kümmerte, um Beiträge gefragt. Schon für das erste Heft des 1. Jahrgangs lieferte er eine sehr persönliche Spurensuche über die Gföller Musi, mit deren Mitgliedern er nicht nur beruflich im Forstamt Unken zusammenarbeitete. Bei seinen Volkstanzfesten (zum Abschluss mancher Volkstanzkurse) in den Orten im Chiemgau hatte er des Öfteren die Gföller Musi als Tanzmusik dabei, die schneidig nach seinen Vorstellungen aufspielte:

»Das erste Dorf über der Grenze zwischen Bayern und Österreich saalachaufwärts von Bad Reichenhall heißt Unken. Wer die Glocknerstraße besucht hat und über die Deutsche Alpenstraße angereist ist, hat das kleine Dorf schon durchfahren. Von diesem Dorf Unken ist Gföll ein Gemeindeteil, allerdings ein recht entfernter. Der Pfarrer, der Arzt und vor allem die Schulkinder wissen ein Lied davon zu singen, wie weit sich die etwa 7 Kilometer mit den 300 m Höhenunterschied hinziehen! Wenn auch seit einigen Jahren ein kleiner kraftfahrtauglicher Güterweg im Sommer wenigstens die Verbindung mit dem Dorf erleichtert, so ist Gföll doch eine der abgeschiedensten größeren Siedlungen. Von der bayerischen Seite aus ist Gföll ebenfalls zu erreichen, entweder von Reit im Winkl – Winklmoos oder über Laubau – Heutal. Freilich, leicht zu finden ist dieser von dichten Waldungen und ausgedehnten Mahdern umschlossene Ort nicht. Umso mehr ist der Wanderer überrascht, wenn er in dem einsamen Almgelände unvermittelt auf Äcker, Wiesen und 9 große Bauernhöfe trifft, die nach fast südtiroler Art weit zerstreut im steilen, sonnigen Berghang liegen.
Man muß diese Lage Gfölls etwas umständlich erklären, damit zu verstehen ist, wie sehr die Gföller in Arbeit und Feierstund’, in Not und Freud aufeinander angewiesen sind. Ein glücklicher Zufall oder vielleicht ein himmlisches Geschenk als Ausgleich für die Einsamkeit mag es sein, daß in diesen wenigen Bauernhöfen mehr Leute mit Musikgehör und rhythmischem Empfinden wohnen, als sonst in einem Dorf. Die Gföller Musikkapelle, seit langem bestehend, ist heute mit fünf jungen Burschen besetzt. Sie ist keine Kapelle eigentlich, sondern ganz einfach die ›Gföller Musi‹, wie sie zu Väterzeiten schon bestanden hat: eine Blasmusi mit juchzendem Klang und Echowirkung. Man hört sie, wenn sie an warmen Sommerabenden draußen bläst, bis weit hinein in die gegenüberliegenden Waldhänge und Waldalmen, und auf dem Tanzboden beherrscht sie gutding die Tänzerschaft einer mittleren Bauernhochzeit. Dabei sind die Hauptinstrumente nur eine Klarinette, eine biedere messingerne Trompete und eine Posaune. Zur Unterstützung des Taktes und zur Untermalung der Melodien dient eine ›Roanl‹, eine diatonische Harmonika mit tiefen, satten Helikonbässen. Der fünfte Musikant spielt ebenfalls eine Ziehharmonika, ein modernes Akkordeon, sozusagen als Reserve. Diese Doppelbesetzung befriedigt in keiner Weise und es ist auch schon endgültig beschlossen, daß der fünfte Mann umsattelt auf eine Verstärkung des Basses oder auf eine Verstärkung der Klarinette.
Musikkapellen mit solchen Ausstattungen und auch solchen Besetzungssorgen gibt es viele. Aber jetzt kommt das Besondere: Die Gföller spielen nur heimatliches Musikgut; und sie spielen es mit einem solchen Schwung, und einer solchen Beherrschung der Tonsetzung, daß es einmalig mitreißend wirkt. Notenkenntnisse hat nur einer von ihnen. Das Zuspielen der zweiten und dritten Stimme gelingt ihnen instinktiv aus ihrem untrüglichen musikalischen Empfinden heraus ohne daß sie überhaupt recht wissen, welche Stimme sie eigentlich blasen. Es wird einfach so oft drüber gespielt, bis die richtige Tonhöhe des Stückes für ihre 3 spielbaren Tonarten gefunden ist. Bei manchen Stücken ist die Grundmelodie vor lauter drüberspielen kaum mehr erkennbar – ein Umstand, der übrigens auch bei ursprünglichen Almgesängen häufig auffällt.
Warum ich das nun alles erzähle? Am wenigsten, um die Gföller Musi bekannt zu machen oder ins Rampenlicht zu ziehen. Es gibt schon Anfechtungen genug für sie, seit Gföll mit Auto und Motorrad erreichbar ist. Eher schon, damit sich welche aus dem Freundeskreis der Volksmusik über ihr Spiel freuen können. Es ist so unvergesslich schön, wenn sie irgendwo vor einem Haus oder einer Almhütte in den Bergabend blasen oder zum Tanz aufspielen. Vor allem aber scheint es aufzeigenswert, daß auch mit Blasinstrumenten kleine Spielgruppen gebildet werden können. […]
Wir sollen unbedingt danach trachten, nach Art unserer kleinen Singgruppen auch kleine Blasmusi-​Gruppen – natürlich neben den Dorfkapellen – ins Leben zu rufen, die das Volksmusikgut eigenwillig und individuell vortragen können. Um wieviel weiter wären wir in der Volkstanzpflege, gäbe es auf den heimatlichen Tanzböden mehr solche Spielleut, wie beispielsweise die ›Gföllerer‹!
(Anm. d. Red.: Diese Schilderung sandte der volksmusik- und volkstanzkundige Forstmeister vom Bayer. Forstamt in Unken auf unsere Bitte. Nicht erwähnt hat er in seinem Bericht, wie oft er selber den beschwerlichen, himmellangen Weg hinauf nach Gföll gegangen ist, um gute Stückl, Anregungen und wertvolle Hinweise hinaufzubringen. Bei dem auch in Unken herrschenden Fremdenverkehr ist von volksmusikalischer Ursprünglichkeit bis zur Verwässerung nur ein kleiner Schritt. Forstmeister von Kaufmann hat die Gföllermusi davor bewahrt und den Musikanten die Liebe zum Angestammten neu ins Herz gelegt. […])«

Volksmusikpflege vor 65 Jahren

Der Beitrag von Georg von Kaufmann (vulgo Kaufmann Schorsch) aus dem Jahr 1958 über die Gföller Musi gibt uns heutigen Lesern einen sehr tiefen Einblick in die Gedanken der Volksmusikpflege vor 65 Jahren. Es geht u. a. um die Begeisterung für die Musik der einfachen Leute in ihrer heimatlichen Umgebung. Dieses emotionale und freie, nicht von Notenvorlagen gefesselte Zusammenspiel der Instrumente, ist ein Element der lebendigen Volksmusik durch die Generationen. Der Kaufmann Schorsch hatte in seiner Wesensart sogleich Verständnis für diese freie Spielform und schätzte die Gföller als Holzarbeiter und als Musikanten. In ihrer persönlichen Spielart haben sie viele Melodien und Stücke zurechtgespielt – auch ihr Halbe-​Fünfe-​Marsch, im Roten Notenbüchl (1953) von Georg von Kaufmann als Gföller Marsch veröffentlicht, entstand in dieser Weise.

Nach seinem Tod durfte ich in den 1970er Jahren bei seiner Witwe Marianne von Kaufmann in Giebing vertrauensvoll Einblick in seine Aufzeichnungen nehmen. Besonders wertvoll sind mir bis heute ihre Erzählungen über das Leben ihres Mannes, über die Familie, seine Arbeit und seine Aktivitäten in der Pflege der heimatlichen Lieder, Melodien und Tänze. Weitere Gewährspersonen und Weggefährten wie Sigi Ramstötter, Sepp Kammerlander oder Georg Sojer ergänzten das menschliche und musikalische Bild vom Kaufmann Schorsch. Bis heute darf ich zusammen mit seinem Sohn Georg von Kaufmann an der Dokumentation des volksmusikalischen Wirkens der Familie von Kaufmann arbeiten. Darüber wird in den nächsten Ausgaben der »Zwiefach« ausführlicher zu berichten sein: Über das Leben, die Begeisterung für die Berge und die Natur, die Heimat in ganz vielfältiger Weise, nicht nur im Singen, Musizieren und Tanzen. Es ist dabei eine große Verantwortung zu spüren für das von den Vorfahren Übernommene, das es zu bewahren und für die nächsten Generationen sorgsam weiterzuführen und weiterzugestalten gilt. Gerade in der heutigen Zeit scheint mir dieser damalige Lebensansatz in seiner Bescheidenheit und seinem Gefühl für die Menschen und ihre Heimat in Kultur und Umwelt sehr grundlegend zu sein: Damals für heute.

Bitte um Mitarbeit

Wenn Sie Erinnerungen an Georg von Kaufmann, an seine vielfältigen Aktivitäten oder die Gföller Musi haben, dann melden Sie sich bitte bei Ernst Schusser, Friedrich-​Jahn-​Str. 3, 83052 Bruckmühl (ernst.schusser@heimatpfleger.bayern).

Ihre Hinweise sind mir wichtig!

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