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Das „neue“ Instrument: Die Geschichte des Akkordeons

TEXT: JÖRG MANHOLD, FOTOS: CHRISTOPH WAGNER

 

Wer hat eigentlich das Akkordeon erfunden? Diese Frage ist ebenso spannend wie schwierig zu beantworten. Denn wie bei allen Erfindungen gab es auch für das Handzuginstrument etliche Vorläufer, Entwicklungsstufen und Weiterentwicklungen. Ein wichtiger Tag, vielleicht der wichtigste, für die Verbreitung des Instrumentes war der 6. Mai 1829. An diesem Mittwoch meldete der Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian in Wien ein ganz neues Instrument als Patent an, und zwar unter dem Namen „Accordion“. Das In­strument, das wir heute darunter verstehen, war es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht, aber es hatte schon einige seiner spezifischen Eigenschaften. Es war wechselchörig (bei Zug und Druck klingen auf einer Taste unterschiedliche Töne) und konnte deshalb platzsparend klein gebaut werden. Unter jeder Taste erklangen drei- bis fünfchörige Akkorde. In der kleinen Version wurde es nur mit der linken Hand gespielt; in der Form war es somit ein reines Begleitinstrument. Apro­pos „begleiten“: Das Accordion war so transportabel, dass es den Musiker überallhin begleiten konnte. Es war lange nicht so sperrig wie andere Instrumente und deshalb ständig verfügbar.

Vorgeschichte und Vorläufer

Interessant ist, dass dieses Patent zwar richtungsweisend, aber nicht ohne Vorgeschichte war. Denn zunächst hatte das beim Akkordeon wirksame Prinzip der durchschlagenden Zungen erfunden werden müssen. Nach aktueller Quellenlage wurde es erstmals beim chinesischen Cheng eingesetzt, einem Instrument, das vor 3000 Jahren im Reich der Mitte erfunden wurde und außer der Tonerzeugung wenig gemeinsam mit den Harmonikas unserer Vorstellungswelt hat. Es handelt sich dabei um ein Blasinstrument nach Art der Mundorgel, die mehrere kleine Pfeifen besitzt und durch Lungenkraft in Schwingung versetzt wird. Die Mundorgel ist eine Parallele zur Mundharmonika, die von manch einem als Vorläufer des Akkordeons angesehen wird. Tatsächlich gab es aber schon vorher in Kirchenorgeln und manchen Flügeln die durchschlagenden Zungen.

Erfindung der Popmusik

Wie dem auch sei, 1829 war das erste Akkordeon in der Welt und markierte damit eine epochale Zäsur. Der Akkordeonhistoriker Christoph Wagner nennt die Erfindung einen „Einschnitt, der die Welt der Musik von Grund auf verändern sollte“. Von der Erfindung der populären Musik ist gar die Rede. Warum so große Worte? Erstmals wurde es auch Laien möglich, ein Instrument zu besitzen und zu spielen, denn das Akkorden war finanziell erschwinglich und vergleichsweise einfach zu erlernen. Wohlgemerkt: Es war die Zeit, als es noch kein Grammofon und kein Radio gab. Die Musik, die man hören konnte, wurde immer live und vor Ort gespielt. Bis zu diesem Zeitpunkt lag die Musikausübung allerdings schwerpunktmäßig in den Händen von Profis, von Berufsmusikern und Komponisten. Jetzt wurde Musik allgemein zugänglich und transportabel. Und vor allem konnte die Weiterentwicklung des Akkordeons mit Bass und Akkorden in der linken Hand und dem melodischen Diskant in der rechten ganze Instrumentalgruppen ersetzen. Tatsächlich waren die ersten Versionen des Instrumentes, das immerhin noch teurer war als eine Gitarre, etwas für die jungen Leute in der Stadt. Sie wollten modern sein und hatten das nötige Kleingeld. So richtig in Gang kam der Siegeszug des Akkordeons in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit der Industrialisierung und der Umstellung von reiner Handarbeit auf eine Maschinenproduktion der In­strumente. Julius Bertold erfand ab 1870 Maschinen wie Stanzen und Fräsen, die etwa die Herstellung von Stimmplatten wesentlich vereinfachten. Das Akkordeon entwickelte sich nach und nach zum Symbol der Massenkultur der aufkommenden Industrialisierung. Auch auf dem Lande wurde es populär, erstmals wagten sich Hobbymusiker auf die Bühnen der Dorffeste und Tanzsäle.

Spielarten des Akkordeons

Schon bald nach Demians Patentierung wurde das neue In­strument auch in anderen Ländern wahrgenommen und nachgebaut, so etwa in Paris. Eine Musikzeitschrift nennt das Jahr 1831. Und Carl Friedrich Uhlig brachte aus Wien ein Instrument mit in seine Heimatstadt Chemnitz, entwickelte es weiter und beute 1834 die erste „Deutsche Konzertina“. 

Heinrich Band erweiterte den Tonumfang seiner Knopfziehharmonika und wurde damit 1846 zum Erfinder des Bandoneons. Auch in Italien baute man die Instrumente Demians nach und entwickelte sie weiter. Paolo Soprani gründete 1863 die erste Akkordeonfabrik in Ancona/Italien. Von einem Pilger soll er eines der Wiener Instrumente gekauft haben. Übrigens: Die ersten, nur einseitig bespielbaren In­strumente wurden vertikal betätigt. Die freie Seite lag locker im linken Arm und die rechte Hand spielte, zog und drückte den Balg.

Kolonialismus und erste internationale Verbreitung

Anfang der 1830er-Jahre kursierten die ersten Spielanleitungen, die in Deutsch, Englisch und Französisch verfasst waren. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass das Akkordeon schon bald auch in Frankreich, England und Amerika Verbreitung fand. Und von dort startete es im Zuge der Kolonialisierung seine Eroberung der Welt. Der sächsische Musikalienhändler Traugott Merz schickte im Juli 1834 eine Überseekiste mit 37 Accordions an Heinrich Schatz in Philadelphia. Das ostdeutsche Städtchen Markneukirchen, wo Merz wirkte, war zu dieser Zeit ein weltweit geachtetes Zentrum des Instrumentenbaus und es existierten Exportkanäle in die Welt. Wie Christoph Wagner in seiner Akkordeongeschichte berichtet, machte die damals in Amerika populäre Ministrel-Gruppe Ethiopian Serenaders das Instrument bekannt. Viele professionelle Bands und Amateurcombos nahmen die Ziehharmonika auf.

Entwicklung in Deutschland

Der Bedarf an Nachschub steigerte sich vor allem auch in Deutschland enorm. Das Akkordeon wurde zum Exportschlager. Fabriken schossen wie Pilze aus dem Boden. Den ersten Herstellungsbetrieb auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands eröffnete 1836 Heinrich Wagner im thüringischen Gera. 1838 machte sich Friedrich Gessner in Magdeburg selbstständig. Es folgten um 1860 in Berlin die beiden Firmen Pietschmann und Kalbe. Dann kam Klingenthal ins Spiel. Der Tischler Adolph Herold, der zuvor bei Geßner in Magdeburg beschäftigt gewesen war, ging nach Klingenthal in die Werkstatt seines Vaters und baute dort ab 1852 Akkordeons nach. Einige dort ansässige Mundharmonikaproduzenten griffen diese Idee auf und erweiterten ihr Portfolio. Für das Jahr 1862 sind rund um Klingenthal 20 Akkordeonfabriken nachgewiesen. Ihre Jahresproduktion belief sich auf knapp 215.000 Instrumente.

1903, also elf Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, begann die Fertigung von Handharmonikas in Trossingen. Stichwort: Hohner. Bis dahin hatte der Firmengründer, Uhrmacher Matthias Hohner, mit seinem Kompagnon Andreas Koch erfolgreich Mundharmonikas hergestellt. Nach dem Tode des namensgebenden Gründers begannen die Erben mit dem Bau von Handharmonikas. Die Blütezeit erreichte die Firma 1939. Damals hatte sie 5000 Mitarbeiter. Besonders wertvolle und wohlklingende Instrumente entwickelten dort die italienischen Konstrukteure Venanzio Morino (bis 1961) und Giovanni Gola (bis 1972), die ihren Modellen ihre Namen verliehen. Diese Instrumente sind noch heute in der Szene geschätzt.

Akkordeon in Europa und der Welt

In allen Ländern Europas und der Welt, die das Akkordeon erreichte, wurde das Instrument in die bestehende Volksmusiktradition eingemeindet. Es bildeten sich nationale Eigenarten, die auch klanglich hörbar wurden. In Frankreich war es die Musette, in England, Schottland und Irland entstanden die typisch pentatonischen Melodien, in Finnland entwickelte sich deren spezifischer Tango, in Argentinien der Tango Nuevo auf dem Bandoneon. Die Klezmermusik mit ihren Wurzeln in der Musik der osteuropäischen Juden nahm das Balginstrument ebenfalls gerne auf. In Nordamerika fand das Instrument in der Country-Musik und im Cajun seinen Platz. Süd- und Mittelamerika assimilierten es ebenso wie die Staaten der Karibik. Auch in Afrika war es schon bald in jedem Land präsent. Dorthin wie auch auf den amerikanischen Kontinent kam es durch Matrosen, Kolonialherren, Händler, Forscher und Priester. 

Ein Beispiel aus Afrika beschreibt Historiker Christoph Wagner: „Hand in Hand mit den Kolonialmächten arbeitete die christliche Mission. Ihre Wirksamkeit erwies sich oft weniger an ihrem Bekehrungserfolg als an unbeabsichtigten Nebenwirkungen, wie der Vermittlung westlicher Kulturwerte. So trugen Missionare ungewollt zur Popularisierung des Akkordeons in Afrika bei. Zur Begleitung von Gesängen beim Gottesdienst erwies sich die Ziehharmonika als ideales In­strument. Sie war mobiler und billiger als ein Harmonium und konnte wegen ihres kräftigen Tons problemlos im Freien gespielt werden. ‚Wir führten das Instrument auf unseren Zeltreisen mit uns, um durch allerlei schöne Weisen die braunen Heiden herbeizulocken‘, beschrieb ein Missionar Anfang des 20. Jahrhundert die Anziehungskraft der Handharmonika.“

Bürgerlicher Widerstand gegen das neue Instrument

Dass das Akkordeon so ungemein erfolgreich war und ab etwa 1880 zum Massenphänomen wurde, rief auch Gegner auf den Plan. Denn für viele der althergebrachten Instrumente bedeutete das das Aus. Die Handharmonika war deutlich lauter als die landläufigen Klangkörper. Wenn man nun für ein Fest wie Hochzeit oder Tanzabend eine Musik brauchte, reichte ein Akkordeonist, gewissermaßen als Alleinunterhalter, wo früher eine ganze Instrumentalgruppe bezahlt werden musste. Außerdem war das Akkordeon auch für Laien recht einfach nach Gehör spielbar, sodass die sonst so unabdingbaren Notenkenntnisse nicht unbedingt Voraussetzung fürs Spiel waren. Um die Kritik, ja vielleicht den in Teilen gerechtfertigten Neid, zu rationalisieren, kritisierten Musiker den Klang des noch jungen Instrumentes. In einem Musiklexikon war im Jahre 1880 zu lesen: „Der Klangcharakter des Akkordeons entbehrt jedes Adels und jeder Schönheit, und diese Eigenschaften, sowie die Armuth an Harmonien stempeln es zum geeigneten Dolmetscher des Gassenhauers. Fertige Spieler, welche von Zeit zu Zeit hervortreten, haben vergeblich versucht es concertfähig zu machen.“ Der Verbreitung des Instrumentes schadeten die abfälligen Urteile unterm Strich wenig. Aber, so urteilt Christoph Wagner: „Diese Kommentare verpufften nicht wirkungslos. Sie schufen das negative Image, das dem Akkordeon bis heute anhaftet. Auf die Popularität des Instruments hatte die Polemik dagegen wenig Einfluss. Sie blieb ungebrochen. Die kleinen Leute spielten weiterhin Akkordeon, wenn auch vielleicht mit schlechtem Gewissen und einem latenten Minderwertigkeitskomplex. Es war paradox: Je mehr das Instrument vom Bürgertum verachtet wurde, desto stärker wurde es von den kleinen Leuten geliebt.“

Firma Hohner und das Akkordeon-Orchester

Die Firma Hohner in Trossingen wuchs ab 1829 durch Zukäufe stetig und steigerte ihren Marktanteil an den deutschen Akkordeons auf 37 Prozent. Mit einer Belegschaft von 4500 Beschäftigten galt sie als der größte Instrumentenhersteller der Welt. Hier produzierte man mit modernen Maschinen und Techniken im großen Stil, während die Konkurrenz in Klingenthal aus kleinen und mittelständischen Betrieben bestand. Viele Teile der Instrumente wurden dort in Heimarbeit gefertigt und zugeliefert. Hohner hatte sich dagegen schon lange zum Branchenprimus gemausert, als Anfang der 1930er-Jahre die Weltwirtschaftskrise mit dem Börsencrash einsetzte. Dass die Firma den Gang durch dieses tiefe Tal weitgehend unbeschadet überstand, hatte mit der Strategie zu tun, durch die Gründung von Akkordeonspielvereinigungen und -orchestern die Popularität des Instrumentes hoch zu halten. Erklärtes Ziel war es, „das Ansehen der Handharmonikas zu heben“. Man wollte sich von der wilden Wirtshaustradition distanzieren und „durch eine Kultivierung des Spiels das Akkordeon zum Kunst- und Kulturinstrument machen, das auch vom bürgerlichen Publikum akzeptiert wurde.“ (Zitat aus: Christoph Wagner, „Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik“, siehe Literaturempfehlung unten.)Hohner initiierte ein Musterorchester, das vom damaligen Akkordeonvirtuosen Hermann Schittenhelm geleitet wurde. Die meisten Mitglieder waren Werksangestellte und erhielten während der Arbeitszeit ihren Unterricht. Es entwickelte sich ein Gründungsfieber, und schon 1931 gab es 100 Handharmonika-Orchester, 1932 dann 200, später 400. Der Erfolg brachte die Firma Hohner dazu, das Thema weiter zu forcieren. Sie richtete eine Ausbildungsstätte für Handharmonikalehrer ein und gründete einen eigenen Musikverlag.

Renaissance des Akkordeons

Abgesehen von den Akkordeonorchestern hatte das In­strument auch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg in der Breite der Bevölkerung ein zwiespältiges Image. Das änderte sich nachhaltig in den 1970er-Jahren. Und das in allen Musiksparten. Die Beatles hatten Indien besucht und neue musikalische Einflüsse mitgebracht. Das war kein Einzelfall. Die sogenannte Weltmusik hielt Einzug ins abendländische Musikleben. Ironischerweise hatte das auch Einfluss auf das Ansehen des deutsch-österreichischen Instrumentes. Die hermetischen musikalischen Grenzen fielen und neue Instrumente hielten Einzug ins europäische Repertoire. Die sonst so gepflegten Grenzen zwischen Unterhaltungsmusik (= U-Musik) und ernster Musik (= E-Musik) wurden aufgeweicht. Auch das Akkordeon wurde anerkanntes Mitglied des Instrumentenrepertoires von Popmusik, Jazz und sogar Klassik. Sicher blieb die Handharmonika weiterhin Träger ihres lange entwickelten Images. Sie wurde nur selten zum Hauptinstrument. Wenn sie eingesetzt wurde, dann um klanglich an eine bestimmte Tradition anzuknüpfen, eine bestimmte Stimmung anzuschlagen: Volkslieder, Folk, ­Country. In den 1980er-Jahren gewann für einige Jahre die Entwicklung der elektronischen Instrumente wie Synthesizer, E-Drums und Sampler die Oberhand. Schnell entwickelte sich daraus aber eine starke Gegenbewegung, die wieder auf authentische und akustische Klänge setzte. So nutzte die Rockgruppe The Hooters in ihren Songs das Akkordeon, weil „wir nichts langweiliger finden, als den Sequenzer anzuschalten und die Drum-Maschine machen zu lassen“ (Bob Hyman, Hooters-Akkordeonist). 

Und so hat sich das Akkordeon einen festen Platz in der heutigen Musikwelt erobert. Es hat seine eigenständige Berechtigung auch in den modernsten Musikströmungen, ohne dass es zu einem Mainstream-Phänomen wie Gitarre, Klavier, Keyboard oder Saxofon geworden wäre.

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Literaturempfehlung: Christoph Wagner, Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik; ISBN-13: 9783795723613

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