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Akkordeonbau - Eine seltene Kunst?

Akkordeonbau - Eine seltene Kunst?

Es gibt etwa 200 Menschen in Deutschland, die im Akkordeonbau ausgebildet sind. Heute wählen nur ganz wenige junge Leute diesen raren Beruf, und starten dann oft mit dem Gesellenabschluss ins Arbeitsleben. Während das mancher Geselle mit eigener Werkstatt als normale Entwicklung sieht, wünscht sich anderswo mancher Meister mehr Lehrlinge, mehr Prüfer - und wieder eine Meisterpflicht.

Text: Christina M. Bauer; Fotos: Magdalena Kaiser; Hohner Musikinstrumente; Weltmeister Akkordeonmanufaktur; Fritz Fabert.

Akkordeon spielen ist eine Sache, Akkordeons bauen eine andere, aber eines ohne das andere ergäbe keinen Sinn. In Deutschland gibt es dafür traditionell die "Handzuginstrumentenmacher", die in ihrer Ausbildung lernen, Akkordeons, Harmonikas, Konzertinas und Bandoneons zu bauen, und sie zu reparieren. Im ländlichen Wildenberg in Niederbayern hat Günther Pentenrieder seit fünf Jahren eine eigene Werkstatt. Er repariert dort alles, was ihm seine zahlreichen Stammkunden aus allen Ecken Deutschlands bringen. Sogar aus Norddeutschland reisen einige extra zu ihm, und aus Österreich. Pentenrieder sitzt zudem im Prüfungsausschuss der IHK, und er erarbeitet die Fragen für die jungen Leute, die ihre Gesellen- oder Meisterprüfung absolvieren wollen. Viele sind das nicht, seiner Meinung nach könnten es mehr sein. Er bildet jedenfalls gern aus. Früher, in seinen Arbeitsjahren bei der Firma Hohner in Trossingen hat er schon einigen Lehrlingen die Kunst des Akkordeonbaus beigebracht. Jetzt ist er guten Mutes, dass in seiner Werkstatt nächstes Jahr ein junger Mitarbeiter anfängt. Wenn alles so geht, wie sich Pentenrieder das erhofft, absolviert der Nachwuchs-Handzuginstrumentenmacher zuerst seine Ausbildung bei ihm und arbeitet langfristig weiter mit. Das ist nicht immer so. Der Meisterkollege Georg Öllerer im oberbayerischen Freilassing etwa hat zuletzt zwei Leute ausgebildet, einen Gesellen und einen Meister. Er hätte es gern gesehen, dass sie weiter in der Werkstatt arbeiten. Statt dessen aber haben beide schließlich andere berufliche Wege gewählt, nicht zuletzt aus privaten Gründen. So was kann passieren, es gibt keine Verpflichtung, nach einer Ausbildung für den Ausbilder zu arbeiten. Dazu kommt, dass sich inzwischen diejenigen, die sich für eine Ausbildung entscheiden, oft mit dem Gesellenabschluss begnügen. Meister werden nur wenige. "Das müssen Idealisten sein", sagt Pentenrieder. Für ihn war das nie ein Thema, er wollte seinerzeit unbedingt Akkordeons bauen. "Es war immer ein Kindheitstraum", erinnert er sich. Seit dem Alter von neun Jahren spielt er selbst, vor allem Oberkrainermusik. Es ist meistens so, dass Handzuginstrumentenmacher zumindest ein wenig Akkordeon spielen.

Wenige Prüflinge, wenige Prüfer

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks sind derzeit bundesweit 74 Betriebe in dem Bereich eingetragen (Stand: 2018), die meisten in Bayern (23), Sachsen (14) und Baden-Württemberg (11). Die Zahl hat sich beständig erhöht, 1998 waren es noch 45 Betriebe. Allerdings gibt es keine Angaben dazu, ob in den Betrieben nun Meister tätig sind oder nicht. Eine Auflistung für 2016 benennt insgesamt 196 Handzuginstrumentenmacher bundesweit. Bei dieser Zahl ist aber wiederum nicht klar, wer einen Meisterbrief hat, und wer Geselle ist. Es dürften aber wesentlich mehr Gesellen sein. Eines zeigen die Zahlen aber relativ eindeutig: Die Handzuginstrumentenmacher sind selbst bei den Instrumentenmachern rar. Für Holzblasinstrumente gab es 553 Leute, für Klavierbauer 1.106 und für Orgelbauer gar 1.315. So gesehen darf der Akkordeonbau wohl wirklich eine seltene Kunst genannt werden. Umso mehr bei einem Blick auf die Lehrlingszahlen. Das waren im Jahr 2018 bundesweit drei.

 

In Bayern gibt es alle ein, zwei Jahre eine Gesellenprüfung in diesem Handwerk, eine Meisterprüfung nur alle vier oder fünf Jahre. Ginge es nach Pentenrieder, würde die Meisterpflicht wieder in Kraft gesetzt. Das schon deshalb, da normalerweise nur Meister ausbilden dürfen. Wenn also irgendwann keine mehr da sind, kann das Handwerk im Grunde nicht weitergeführt werden. Ein inzwischen gängiger Umweg führt über eine spezielle Genehmigung zum Ausbilden. Pentenrieder sieht den Meisterabschluss zusätzlich als einen Qualitätsgarant an. Klar, gibt er zu bedenken, das alleine sei es nicht. Manche Gesellen, oder Umlernende aus anderen Berufen, seien wirklich gut darin, Akkordeons zu reparieren und zu bauen. Aber insgesamt hält er den Meisterabschluss für eine gute Orientierung. Eine Zeit lang waren in Bayern Pentenrieder und Öllerer die einzigen, die noch junge Leute ausbildeten. Viele, die im Bereich der Musikläden und Werkstätten sonst tätig sind, machen das nicht, oder nicht mehr. Immerhin, im Allgäu in Oberstdorf möchte nun Andreas Tauscher voraussichtlich ausbilden. Er sitzt seinerseits im Prüfungsausschuss der Handelskammer, ebenso wie Hans Kirchhofer aus Öllerers Betrieb. Allzu viele Meister, die prüfen, gibt es nicht mehr, so Pentenrieder. Bis jetzt haben sich zumindest immer noch genug organisieren lassen, um die anberaumten Prüfungen abzuhalten.

Einblicke: Reparatur und Fertigung in Unternehmen

Abgesehen von den praktischen Teilen müssen die jungen Leute noch die Berufsschule besuchen. Dafür war früher vor allem die Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg in Baden-Württemberg zuständig, inzwischen ist es die Berufs-  und Berufsfachschule "Vogtländischer Musikinstrumentenbau Klingenthal" in Sachsen. Die Hohner GmbH in Trossingen beschäftigt in Produktentwicklung, Fertigung und Reparatur einige Handzuginstrumentenmacher, bildet aber seit nun schon etwa fünfzehn Jahren nicht mehr aus. Ralf Tritschler, 53, leitet die Service-Abteilung des Unternehmens. Er hat damals seinen Meister bei Öllerer im Handwerk gemacht, und ist nun schon seit 1983 bei Hohner tätig. Mit acht Mitarbeitern betreut er alles, was an Hohner- und anderen Akkordeons auf den Tisch kommt. Er kann sich dabei für die Details bis hin zu den kleinsten Ersatzteilen begeistern, die manchmal schon eine eigene Historie mitbringen. "Das sind teilweise Tasten aus den 1950er Jahren", berichtet Tritschler. Solang solche Originalteile da sind, werden sie bei Reparaturen eingebaut. Ansonsten wird nachgefertigt. Zu Hause hat der Fachmann seine eigene, kleine Hohner-Sammlung, von Morino über Alpina bis Concerto. Die spielt er etwa im Volksmusik-Quartett "Volxsmusik4", und in einer regionalen Mundart-Gruppe. Einige seiner Mitarbeiter sind selbst Handzuginstrumentenmacher, die im Unternehmen gelernt und sich spezialisiert haben.

 

Die Firma Weltmeister im sächsischen Klingenthal hat noch heute immer wieder einige Lehrlinge. Für sie ist die zuständige Berufsschule nun am selben Ort wie das Unternehmen. Für Auszubildende aus anderen Bundesländern bedeutet das eine etwas weitere Anfahrt. An der Westsächsischen Hochschule in Zwickau gibt es mittlerweile einen Studiengang Musikinstrumentenbau, bisher aber nur für Streich- und Zupfinstrumente. Bei Weltmeister bauen derzeit etwa sechzig Mitarbeiter Akkordeons. Viele von ihnen sind Handzuginstrumentenmacher, einige mit Meisterbrief. Chantal Valentin ist 23 Jahre alt und arbeitet schon seit fünf Jahren im Unternehmen. Sie hat dort gelernt, vor zwei Jahren ihren Gesellenabschluss gemacht. Die Berufswahl fiel ihr leicht. "In meiner Familie gab es einige Instrumentenmacher", berichtet sie im Gespräch. Sie führt diese Tradition nun speziell fürs Akkordeon weiter. Anfang 2020 steht bei der Handwerkskammer in Plauen die Meisterprüfung an. Eine Auszubildende, die nun bei Valentin als Ausbilderin das Handwerk lernen wird, hat inzwischen im Unternehmen angefangen. Möglich ist das, da die angehende Meisterin schon eine entsprechende Eignungsbescheinigung erhalten hat. Die Fertigung der Firma ist aktuell gut besetzt, die Mitarbeiterzahl ausgewogen. Wenn sich aber in den nächsten Jahren abzeichnet, dass mehr Modelle anzufertigen sind, würde das Unternehmen personell erweitern.

Werkstatt-Einblicke: stimmen, reparieren, bauen

Der niederbayerische Meister Pentenrieder hat in seinem langen Arbeitsleben schon einiges erlebt, und nicht alles war so, wie er es sich gewünscht hätte. Vierzehn Jahre arbeitete er für das Unternehmen Hohner. Als erklärter Hohner-Fan, der schon früh mit Begeisterung ein Morino-Modell spielte, war er dafür prädestiniert. Dann gab es einige Umstrukturierungen in der Firma. Mit mäßiger Begeisterung hatte er noch mitverfolgt, dass nach und nach immer mehr Akkordeon-Teile in anderen Ländern angefertigt wurden. In Trossingen wurde vor allem noch neu entwickelt, repariert, und geprüft. Für Pentenrieder war das nicht dasselbe wie unmittelbar alles selbst bauen. Ausgebildet wurde ebenfalls nicht mehr. Der Akkordeonbaumeister hätte im Bereich Mundharmonika weiter mitarbeiten können, das aber wollte er nicht so gern. Für ihn muss es ein Akkordeon oder eine Handharmonika sein. Also reiste er über mehrere Jahre noch mit einem Kollegen für Hohner auf Service-Tour durch die deutschen Musikläden. Dort reparierte er Akkordeons und erstellte Kostenvoranschläge für größere Reparaturbedarfe. Dann beschloss er, es wäre Zeit für eine eigene Werkstatt. Die hat sich gut entwickelt, nicht zuletzt bekommt Pentenrieder bis heute regelmäßig Hohner-Akkordeons zur Reparatur.

 

Inzwischen baut er zusätzlich wieder eigene Musikinstrumente, zusammen mit dem Musiker Quirin Kaiser im oberbayerischen Niklasreuth. Seit etwa drei Jahren arbeiten die beiden zusammen, dieses Jahr hat sich Pentenrieder von Kaiser anstellen lassen. Die Produkte sind Steirische Harmonikas, aber auch Akkordeons. Wenn man Pentenrieder so zuhört, gehen sie wohl weg wie warme Semmeln. Nicht nur werden sie überall in Deutschland gekauft, sondern sogar in Tirol, und in anderen europäischen Ländern. Es scheint beim Umschauen in der Szene, als hätten sich hier einige kleine Hersteller neben den größeren Unternehmen, wie etwa Hohner und Weltmeister, gut etabliert. Diese bauen neben Akkordeons ihrerseits Harmonikas. Für Pentenrieder war das eine Menge learning by doing, erinnert sich der Spezialist. Kaiser und er bieten individuelle Einzelanfertigungen an. Jedes Modell wird auf Anfrage erst gebaut. Eingebaut werden unter anderem Stimmplatten aus Italien. Es sind Modelle des Herstellers Voci Armoniche aus Castelfidardo. "Das sind derzeit die besten auf dem Markt", so Pentenrieder. Sie sind alle, wie es in der Stimmplatten-Klassifikation heißt, "a mano" hergestellt, also handgefertigt. Der Meister hat in Sachen Stimmplatten einige Hersteller und Modelle ausprobiert. Damit ist ein ganz wesentlicher Aspekt für den Klang schon mal gesichert. Alle anderen der zahlreichen Bauteile werden ebenfalls sorgfältig ausgewählt und geprüft, oder selbst hergestellt. Bei der Gestaltung ist Platz für individuelle Wünsche. Das gilt für Verzierungen, Lackierung, und für das verwendete Holz. Nicht nur haben Kaiser und Pentenrieder eine große Auswahl an Hölzern vor Ort. Zusätzlich können Kunden ihr eigenes Holz mitbringen. Da kann aus einem Apfelbaum in einem baden-württembergischen Dorfgarten schon mal eine Steirische werden. Pentenrieder baut inzwischen vier Tage pro Woche bei Kaiser neue Modelle, zwei Tage repariert er in der eigenen Werkstatt. Gefragt, ob er jungen Leuten seinen Arbeitsbereich heute empfehlen würde, stimmt er sofort zu. "Es ist der schönste Beruf der Welt."

Geselle, Werkstatt - und Meister?

Bei Handwerksveranstaltungen wie der Internationalen Handwerksmesse in München sind Musikinstrumentenhersteller relativ selten anzutreffen. Speziell für das Kunsthandwerk sollen die europäischen Kunsthandwerkstage dazu beitragen, jungen Leuten Einblicke in solche Berufe zu geben. Sie finden in verschiedenen Ländern Europas statt, zeigen Schmuck, Design, Mode oder Grafik. In Deutschland stellen sich vom 3.-5. April 2020 wieder in einigen Regionen Kunsthandwerker vor. Sie laden für ein Wochenende in ihre Werkstätten und Galerien ein, zeigen ihre tägliche Arbeit, organisieren Workshops oder ähnliche Formate. In Brandenburg hat Handzuginstrumentenmacher Andreas Sommer bisher zwei Mal teilgenommen. Insgesamt haben sich in Deutschland ab 2014 vor allem Regionen im Osten und der Mitte an den Kunsthandwerkstagen beteiligt. Wie Sommer anmerkt, braucht es aber nicht unbedingt eine solche Veranstaltung, um Interessierten die Werkstatt zu zeigen. Er hat solche Besuchstage selbst schon organisiert, mit Kollegen aus Geigen-, Trompeten- und Gitarrenbau. Es habe eine Menge interessierte Besucher gegeben, die sich anschauen wollten, wie Musikinstrumente entstehen, und wie sie repariert werden können. Jemand, der diesen Beruf selbst ergreifen wollte, war laut Sommer aber nicht dabei. Trotzdem ist er überzeugt, dass dieses seltene Handwerk Zukunft hat. Einen Meisterabschluss hält er dabei nicht für unbedingt notwendig. "Mir ist das einfach zu teuer", stellt er dazu im Gespräch fest. Meisterkurs, Fahrten, Zeit, das müsse erst mal bezahlt sein. Er selbst hat sich andere Fortbildungsoptionen ausgesucht, arbeitete jeweils einen Monat in Werkstätten in Finnland und Norwegen mit. In Brandenburg ist seine Werkstatt nun weit und breit die einzige. Die ist nachgefragt, der Handzuginstrumentenmacher viel am reparieren. Auch er baut eigene Diatonische Harmonikas. So ist dem einen der Meisterbrief "Pflicht", dem anderen "Kür", und der Beruf jedenfalls eine Nische, aber, so ist zu hören, eine schöne.

 

 

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