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#16...Best of 72

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Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #16 vom Oktober/November 2010

Innovativer Vertreter des Balkan-Akkordeons
Martin Lubenov

Text: Hans-Jürgen Schaal

Fällt der Begriff „Schmelztiegel der Kulturen“, denkt man gewöhnlich an New York, Buenos Aires oder vielleicht Paris. Die Stadt Wien fällt einem da eher selten ein – völlig zu Unrecht! Das mehr als 700 Jahre überdauernde Habsburger-Reich war der sprichwörtliche „Vielvölkerstaat“. Er umfasste noch ums Jahr 1900 Gebiete, die heute in Tschechien, der Slowakei, der Ukraine, Polen, Ungarn, Rumänien, Italien, Slowenien, Kroatien oder Bosnien liegen. Daher wurde die weltoffene Donaumetropole und Residenzstadt Wien zum Sammelbecken für Menschen und Einflüsse vom ganzen Balkan, aus Galizien, sogar vom Osmanischen Reich. Nicht umsonst komponierten Mozart, Beethoven oder Gluck hier Musikstücke „alla turca“, eine Harems-Oper, eine Mekkapilger-Oper, einen Chor der Derwische. Noch heute bekommt man in Wien den besten Türkentrank serviert.

Seitdem 1989 der Eiserne Vorhang fiel, kann Wien wieder prächtig als Drehscheibe zwischen Ost und West glänzen. „Wien ist die beste Stadt für Tschuschen“, heißt es, wobei mit dem eher despektierlichen Wort „Tschuschen“ ganz verschiedene Migranten vom Balkan gemeint sind. Seit 2004 findet in Wien das größte Festival der Balkanmusik statt, Balkan Fever. Auch Martin Lubenov zog im Jahr 2000 von seinem Heimatland Bulgarien in die österreichische Hauptstadt – und er verdankt diesem Schritt seine internationale Karriere. In Wien komponiert er heute fürs Burgtheater und Volkstheater, in Wien sitzt seine Agentin, in Wien startet er seine Tourneen, die ihn in die USA und durch ganz Europa führen – von Portugal bis Finnland, von England bis Zypern. Die österreichische Presse liebt den „gemütlichen Balkanbär“ und feiert ihn als „Wiener Akkordeonwunder“. „Dieser Mann ist ein Erlebnis“, heißt es beim ORF. „Virtuosität, die einem den Atem raubt“, schreibt Concerto. 2005 erhielt Lubenov den österreichischen World Music Award, im Folgejahr auch den französischen Prix Gus Viseur.

 „...dann verliebte ich mich in das Instrument“

Ursprünglich wollte er eigentlich nur trommeln – wie sein Vater Stefan, der Schlagzeuger war in der Roma-Kapelle des Akkordeonisten Ibro Lolov. Vom Klopfen auf seine Knie und Oberschenkel hatte der kleine Martin schon lauter blaue Flecken. Die Oma fand daher, er müsse ein richtiges Instrument bekommen, aber kein Schlagzeug, sondern ein Akkordeon wie der Großvater. „So begann ich ihr zuliebe Akkordeon zu spielen“, erzählt Lubenov schmunzelnd. „Dann verliebte ich mich in das Instrument und wollte es gar nicht mehr weglegen.“ Später ging er vom kleinen Heimatort Ljeskovetz im Süden Bulgariens in die Hauptstadt Sofia, um Klassik und Jazz zu studieren, später auch in die USA und dann nach Wien. Und hier wurde der damals 24-jährige Roma schnell zum Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Balkan-Szenen und der österreichischen Folk- und Worldmusic-Gemeinde. Einen Akkordeonisten wie ihn konnten alle gut gebrauchen: Lubenov spielte in den Ensembles Klesmer, Dunja und Déjà vu, bei Mandys Mischpoche, bei der Marios & Julie Kompania, beim Sandy Lopicic Orkestar, bei der Tschuschenkapelle, quer durch die Ethnien und Stile. Lubenov, hieß es in Wien, „spielt alle Stückerln“.

„Ich unterscheide keine Genres“

Der große, kräftige Mann mit der Mütze, dem Dreitagebart und dem freundlichen Gesicht bestätigt: „Ich unterscheide keine Genres.“ Und dann zählt er auf, was er sich alles erarbeitet hat, woraus er schöpft und was er in seinem Spiel bis zur Unkenntlichkeit vermischt: Roma-Musik natürlich, Bulgarisches, Albanisches, Serbisches, Rumänisches, Mazedonisches, Bosnisches, Griechisches, Türkisches, Arabisches, dazu Musette, Tango, Klassik, Gypsy-Swing, Jazz, Bollywood... „Dass sich traditionelle Musik am Balkan immer wieder vermischt hat“, erklärt die bosnische Sängerin Natasa Mirkovic,  auch sie eine Wahl-Wienerin, „das verdanken wir den Zigeunern, die von überall alles aufsaugten und popularisierten.“ Richard Schuberth, der Begründer und Leiter des Festivals Balkan Fever, bringt es auf den Punkt: „Die reinste Musiktradition der Gypsies ist, dass jegliche kulturelle Reinheit grundsätzlich fehlt.“ Die Roma sind wie Schmetterlinge, sie flattern von Blume zu Blume.

Wer konnte schon sagen, was echt bulgarisch ist?

Desto lächerlicher war es, dass den Gypsies in Bulgarien noch in den 80-Jahren verboten wurde, ihre Musik zu spielen, weil sie nicht bulgarisch genug sei. Man verbot ihnen auch ihre Sprache, ihre Tänze, ihre Instrumente, ihre Pumphosen, ihre Zeitungen, ihr Theater. Nur echt Bulgarisches durfte noch erklingen – oder aber die Musik des Großen Bruders Russland. Wenn die Geheimpolizei kontrollierte, stimmten die Roma-Kapellen daher schnell „Kalinka“ an – das war am sichersten. Denn wer konnte schon sagen, was echt bulgarisch ist? „Wir haben vielleicht 10 echt bulgarische Wörter“, sagt der Jazzpianist Milcho Leviev listig, „und welche der 12 Töne sind die echt bulgarischen? Das C vielleicht – oder doch eher das Cis?“ In Bulgarien unterscheidet man zwischen „weißer“ Musik und „schwarzer“, d.h. Roma-Musik. „Vielleicht sollte man uns Indo-Bulgaren nennen – analog zu Afro-Amerikanern“, sagt Leviev.

Leviev war einer der Allerersten, die die raffinierten, ungeraden, ekstatischen Tanzrhythmen seines Landes im Westen bekannt machten. 1971 ging er in die USA und wurde der Pianist im Jazz-Orchester von Don Ellis, der damals mit verrückten Metren wie 33/4 oder 85/8 experimentierte. Da war Leviev mit seinen Bauerntänzen in 11/8 oder 13/8 eine ideale Ergänzung. Lange Zeit waren solche Tänze in Bulgarien selbst unterdrückt: Hochzeits- oder Tauffeiern galten dem sozialistischen Regime als zu religiös. Als man die schnellen Tänze endlich wieder spielen durfte, spielte sie niemand besser (und schneller) als die offiziell diskriminierten Roma-Kapellen. Das Musizieren war für die Gypsies immer der einzige Weg zu gesellschaftlicher Anerkennung: „Wir brauchten uns nur für ein Foto zu versammeln“, erinnert sich Martin Lubenov, „dann tanzten die Leute schon, ohne dass wir einen Ton gespielt haben.“ Heute sind die bulgarischen Rhythmen weltweit ein Renner: Selbst amerikanische Jazzbands wie Pachora oder Paradox Trio machen sie zur Basis ihrer Musik.

Eklektizismus der Roma-Tradition

Natürlich hat Martin Lubenov in Wien bald seine eigene Band gegründet. In seinem „Orkestar“ singt der blinde Vokalist Neno Iliev, dessen stimmliche Autorität an den großen Saban Bajramovic erinnert. Daneben leitet Lubenov aber auch eine kleine Besetzung, ein instrumentales Quartett aus Akkordeon, Saxofon, Bass, Schlagzeug: Er nannte es zunächst Orfej, inzwischen heißt es Jazzta Prasta. Der bulgarische Ausdruck „jasta prasta“ bedeutet so viel wie Durcheinander – ein passendes Wort für den Eklektizismus der Roma-Tradition. Die von Lubenov gewählte Schreibweise „Jazzta“ verweist aber zudem auf den wichtigen Einfluss, den der Jazz für sein Quartett hat: Der Schwerpunkt liegt hier auf Improvisation und freier Ausgestaltung. Dabei spielen Bass und Schlagzeug natürlich keinen geraden Swing, sondern meist vorkonzipierte Rhythmusfiguren. Die Soli bilden auch selten Spannungsbögen wie im Jazz, sie erinnern eher an das ausbreitende Improvisieren im türkischen Taksim. Hochvirtuos sind die Soli dennoch: temporeiche Tongewitter, verblüffende Eskapaden.

Stilzitate kullern Hals über Kopf übereinander

Die Debüt-CD von Jazzta Prasta erschien 2005 und heißt „Veselina“. Vor allem in den von Lubenov komponierten Stücken – und die häufen sich gegen Ende des Albums – regieren die rasanten Tempi, schlagen die Phrasen Purzelbaum, kullern die Stilzitate Hals über Kopf übereinander. Fast scheint es, als wolle sich Lubenov über den Hochgeschwindigkeits-Rausch vieler Roma-Kapellen ein wenig lustig machen. Humor hat die Musik auf jeden Fall: Sie spielt mit Balkan-Klischees und Jazzfiguren, durchkreuzt die Konventionen durch chromatische Finessen, sucht bizarr-schrille Zusammenklänge von Sopransax und Akkordeon, ironisiert das akademisch Richtige. Ein Stück im Fünfvierteltakt heißt ausgerechnet „16/8“. Saxofonist Vladimir Karparov spielt sein Instrument mal jazzig, mal auf die balkanische Weise, wie man sie von Klarinetten, Oboen und Flöten kennt. Die Gadulka, die bulgarische Volksfiedel, unterstreicht als Gast-Instrument den ethnischen Aspekt der Musik, streicht aber hochkarätige, heiße Soli. Alles geht also ein wenig durcheinander. Jugo-Rumba und Musette-Horo. Jasta Prasta eben.

Und Martin Lubenov lächelt dazu. Gleichmütig scheint er ins Publikum zu schauen, während seine Finger auf der Klaviatur des Scandalli-Akkordeons ein Eigenleben führen und die unglaublichsten Sachen anstellen. Tonumspielungen werden zu Tonknäueln, Finger-Hummelflüge flutschen durch die Oktaven, immer wieder setzen Lubenovs improvisierte Phrasen dort an, wo man sie am wenigsten erwartet. Dann platziert er ein paar pointierte Läufe, lässt Pausen dazwischen oder legt Akkordblöcke quer wie Bigband-Riffs. Der Mann ist originell, stilistisch nicht festzulegen, raffiniert und unterhaltsam, von schalkhafter Eleganz. Er legt seine Seele in die Musik, das schon, aber auch seinen Witz. Denn das eingeschliffene Balkan-Pathos, das hat er längst durchschaut. Anstatt einzustimmen, jongliert er lieber damit. Das ist ja auch viel interessanter.

 

Hier ist ein YouTube-Video mit Martin Lubenov

Hier findest du die Digitalausgabe des Heftes