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#15...Best of 72

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Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #15 vom August/September 2010

Drachenbändigerin mit Akkordeon

Die finnische Musikerin Johanna Juhola

Text: Klaus Härtel, Fotos: Sami Perttilä, Janne Mikkilä

„Die Musik erinnert einen an Edward mit den Scherenhänden, Vergnügungsparks, Tango-Bars in Buenos Aires, dunkle Tannenwälder und Pippi Langstrumpf im Spielzeugladen. Die Musik ist manchmal temperamentvoll, dann wieder traurig und auch mystisch.“ Die Rede ist von der aktuellen CD „Fantasiatango“ der finnischen Akkordeonistin Johanna Juhola. Und die Musik kommt offenbar gut an, denn bei Drucklegung war der Tonträger bereits in die Top Ten der World Music Charts Europe geklettert.

Johanna Juhola ist auf den ersten Eindruck ein eher fröhlicher Mensch. Auf den optischen erst recht. Ihre blonden Dreadlocks bewegen sich mal zackig, mal sanft im Takt. Ihr Gesicht erscheint mal fröhlich, mal melancholisch. Doch so anziehend die Optik wirkt – darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Diese wirkt da lediglich unterstützend. Denn das Album „Fantasiatango“ verrät schon durch den Titel, wo es lang gehen wird. Wenn man der Realität entfliehen möchte, nimmt der Phantasie-Tango einen mit auf eine musikalisch und mentale Reise. Johanna Juhola ist eine Drachenbändigerin mit Akkordeon.

Und Johanna Juholas Musik ist mehr als Tango aus den finnischen Wäldern. Sie liebt neben dem finnischen auch den Tango Nuevo und andere passionierte Musik und ist bekannt für  das Verbinden von Musik mit darstellender Kunst.

Vom Balg und den Knöpfen in den Bann gezogen

Als Johanna Juhola ein kleines Mädchen war, nahm sei einmal an einer Volkstanz-Probe teil. Plötzlich war sie in den Bann gezogen vom sich bewegenden Balg und der vielen Knöpfe des Akkordeons. Um die Klavierstunden war es damit geschehen. Von nun an musste das Akkordeon das erste Instrument sein. Schon diese Anekdote sagt einiges aus über die Spielfreude, die seitdem in der Musik Johanna Juholas innewohnt.

Als eine junge Akkordeonistin und Komponistin, die dem Instrument von den letzten Staubkörnchen der vergangenen Generationen wegbläst, wird die Finnin bisweilen tituliert. Selst wenn jüngere Zuhörer bzw. Zuschauer die Akkordeon-Revolutionen  eines Kimmo Pohjonen oder einer Maria Kalaniemi verpasst haben sollten – Johanne Juhola wird ihre Aufmerksamkeit sicherlich bekommen, denn diese hochtalentierte Musikerin mit den Dreadlocks fällt unerschrocken auch in die Popmusik ein. Genregrenzen sind ihr fremd.

Teilnehmerin beim Eurovision Song Contest

Ihre ersten öffentlichen Meriten erntete Johanna Juhola in den Anfängen dieses Jahrtausends, als sie gleich zwei erste Preise bei Astor-Piazzolla-Wettbewerben erhielt: Einen mit dem Novjaro Quintet beim Astor-Piazzolla-Wettbewerb im Jahr 2000 und in einem Duo mit Milla Viljamaa in der Astor-Piazzolla-Kategorie des internationalen Akkordeonwettbewerbs in Castelfidardo. Im jahr 2007 nahm die Akkordeonistin für Finnland beim Eurovision Song Contest teil. Sie trat mit „Fantasiatango“ auf. Gewonnen hat sie dort zwar nicht, sich aber dennoch einem Millionenpublikum ins Bewusstsein gespielt.

Tango, Tradition und elektronische Musik

Tango nuevo ist eine von Johanna Juholas größten Leidenschaften – wobei sie keinerlei Skrupel hat, von einem Genre zum anderen zu springen. Sie möchte in erster Linie als „Musikerin“ bezeichnet werden, ohne bestimmten Kategorien oder Schubladen zugeordnet zu werden. Doch natürlich spielt die Tradition eine große Rolle in ihrer musikalischen Identität.

Ihre Tango-Ensembles, abgesehen von den schon erwähnten preisverdächtigen, heißen unter anderem „Las Chicas del Tango“ (mit der  Pianistin Milla Viljamaa und der loorbeer-gekränzten Finnisch-Tango-Wettbewerberin Kukka-Maaria Ahonen). „Tango-orkesteri Unto“, das ebenso über ein recht beachtliches Lineup verfügt (mit Timo Alakotila, Mauno Järvelä und Pirjo Aittomäki), präsentiert Dauerbrenner des finnischen Tangos in neuen Arrangements, immer Bezug nehmend auf die  mannigfaltigen Hintergründe der Mitglieder.

Fester Platz für die finnische Volksmusik

Die finnische Volksmusik-Tradition hat in der Musik der 32-Jährigen einen festen Platz - vor allem in den Ensembles „Troka“ und „Spontaani Vire“; Improvisation ist ein Schlüsselelement im letztgenannten. Den eher experimentellen Ansatz verfolgt sie in den Ensembles, die ihren namen tragen: das „Johanna Juhola Trio“ und „Johanna Juhola Reaktori“. In beiden Combos ist elektronische Musik eine wichtige Komponente. Und als wäre das noch nicht genug, spielt sie noch Musik, die sich eigentlich jeder Beschreibung entzieht – mit dem Geigenvirtuosen Pekka Kuusisto hat sie das erfindungsreiche und gefeierte Duo „Kraft“ ins Leben gerufen.

Piano- und Harmoniumspieler Timo Alakotila ist ein wichtiger Duopartner für Johanna Juhola, vor allem wenn es darum geht, Improvisationsmöglichkeiten in der traditionellen Pelimanni-Musik, der finnischen Volksmusik zu erkunden. Sie hat außerdem Timo Alakotilas „Concerto for free-bass accordion and chamber orchestra“ aufgenommen und mit zahlreichen Ensembles aufgeführt.

Egal, welches Genre gerade auf dem Programm steht, Johanna Juhola bleibt ihrem eigenen Stil treu. Sie ändert nicht ihre Art zu spielen oder adaptiert irgendeine Spielweise, sondern sie hört ihren Partnern zu und reagiert dann darauf, improvisierend mit der Lebendigkeit der Musik.

Verspielt auf der Bühne

Johanna Juhola und ihre Musik gehören zusammen. Nur selten spielt sie Musik anderer Leute, genau so wenig,m wie sie Musik für anderen schreibt. Eine der wenigen Ausnahmen ist das das bereits erwähnte Konzert von Timo Alakotila. Aber ebenso interessiert sie sich für die Bühne. Theater und Zirkus spielen eine große Rolle in ihrer musikalischen Laufbahn, weshalb sie schon einige Produktionen geschrieben hat. Ihre Musik ist in bestimmtem Maße visuell und verspielt – was  zum Zirkus passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

In all ihrer Verspieltheit ist Johanna Juhola aber eine ernsthafte Musikerin. Hier wird er wieder deutlich, der Unterschied zwischen ernst und ernsthaft. Und Experten prophezeien ihr einen rasanten Aufstieg in die oberste Liga der internationalen Akkordeonisten. Ihre charismatischen Auftritte und die sichtbare Freude, Musik zu machen, ziehen das Publikum in ihren Bann. Dass dabei auch der optische Eindruck nachhaltig Aufsehen erregt, ist da nicht von der Hand zu weisen.

Da passiert es schon einmal, dass sie ihren Ensemblekollegen die Schau stiehlt. Damit hat sich für den So hat sich für den bewegenden Balg und die vielen Knöpfe des Akkordeons ein Kreis geschlossen. Nun aber ist es Johanna Juhola, die Zuhörer und Kollegen begeistert.

 

Die finnische Volksmusik speist sich aus zwei Quellen. Die ältere stellen die heute oft als Kalevala-Musik bezeichneten Volksweisen dar, in denen schon in vorchristlicher Zeit die Mythen der Finnen rezitiert  wurden.

Die zweite Traditionslinie ist die so genannte Pelimanni-Musik (schwedisch spelman, „Spielmann“), die sich beginnend im 17. Jahrhundert von Mittel- und Osteuropa über Schweden nach Finnland verbreitete. Die Pelimanni-Lieder sind tonal, die Texte in den üblichen europäischen Strophen- und Reimformen gehalten. Instrumentiert wird diese Form der Volksmusik mit der Fiedel, später auch mit Akkordeon und Klarinette, doch auch die Kantele wurde teils um mehrere Saiten ergänzt, und so dem neuen Tonsystem angepasst.

Mit der Gründung eines alljährlichen Sommerfestivals in Kaustinen begann 1968 die bis heute anhaltende Renaissance der finnischen Volks- und Folkmusik. Musiker wie Konsta Jylhä machten die alten finnischen Musiktraditionen auch in der jüngeren Generation populär. In den 1990er Jahren gelang es Folkbands wie Värttinä, Loituma und JPP, im Rahmen der „Weltmusik“ auch ein internationales Publikum zu erreichen. In diesem Kontext ist mit Interpreten wie Nils-Aslak Valkeapää, Angelit und Wimme auch der gutturale Joik-Gesang der Samen, ein eigenständiges und von den finnischen Liedformen grundverschiedenes Idiom, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

 

Hier ist ein YouTube-Video mit Johanna Juhola

Hier findest du die Digitalausgabe des Heftes