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#10...Best of 72

Liebe AM-Freunde und Fans ... wir (er)zählen nun rückwärts, nein vorwärts ... aus 72 unglaublich tollen Ausgaben. Täglich... also 72 Tage lang. Wenn wir bei 72 angekommen sind, dann ist auch 73 erschienen und 74 und unser aller Leben findet wieder gemeinsam statt!

 

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #10 vom Oktober/November 2009.

Mika Väyrynen

 

Die Qualität ist das was in der Musik zählt – nicht das Genre.

 

Text Klaus Härtel, Fotos: www.accordion.com

Einen Weltstar so mal eben um ein Interview zu bitten, muss in der Regel scheitern. Sicher, auch ein Star braucht Publicity und Werbung, aber Akkordeonvirtuosen - und Mika Väyrynen sowieso – haben ja selten Zeit. Aber fragen kostet ja nichts. Und dann die Überraschung: die Antwort kommt noch am selben Tag. Natürlich will der 41jährige Finne das Interview. Der Haken: er hat eigentlich keine Zeit. Natürlich. „Doch ich glaube, es ist besser, Dinge sofort zu erledigen“, sagt Mika Väyrynen. Und schon ist das Interview im Kasten. Das zeigt, dass Mika Väyrynen jemand ist, der das, was er macht, richtig oder gar nicht macht. Das betrifft seine Musik genau so wie sein Hobby des Kampfsports. Das ist alles eine Sache der Einstellung und der Organisation. Und Mika Väyrynen hat noch Kapazitäten: „Es fühlt sich nicht so an, als ob ich viel zu tun habe.“

Wann kam dir zum ersten Mal der Gedanke, den ”Akkordeonisten” zum Beruf zu machen? Wann hast du Akkordeon gelernt?

Nun, ich kann dir gar kein exaktes Datum nennen, wann ich mit dem Akkordeon angefangen habe. Mit ungefähr fünf Jahren kam ich zum ersten Mal mit dem Instrument in Berührung, allerdings hat es dann noch ein bisschen gedauert, bis ich richtig angefangen habe zu spielen. Ursprünglich hat es mich gar nicht so sehr interessiert. Eines Tages aber haben sich die Dinge geändert. Und zwar an dem Tag, als ich mein erstes Stück mit beiden Händen spielte. Es war ein finnischer Walzer. Es war ein kalter, regnerischer Tag – typisch für den finnischen Herbst. Ich erinnere mich genau an diesen Tag – als wäre es gestern gewesen...

Als ich ein Kind war, hatte ich keine Ahnung davon, ob ich talentiert war oder nicht. Ich habe es einfach genossen zu spielen und habe Dinge eben schnell und einfach gelernt. Anfangs habe ich zumeist für mich selbst geübt, indem ich Stücke gehört und nachgespielt habe. Nach einer Weile bin ich auf eine private Musikschule gegangen, wo ich Noten gelernt habe. Schon nach kurzer Zeit habe ich Werke wie „Capriccio“ von Rebnikow oder die Zweite Sonate von Zolotarjow beherrscht. Von dort gings dann auf das Konservatorium in Tampere.

Ich habe mit zwölf Jahren ein Konzert gespielt und einer der Zuhörer sollte der Chef der Akkordeon-Abteilung der Sibelius Akademie, Matti Rantanen, sein. Der überzeugte mich dann, mal den Eingangstest für die Sibelius Akademie zu absolvieren, den ich bestand (damals war das die Abteilung für talentierte Kinder, heute „Junior Akademie“ genannt). Wahrscheinlich war mein Start an der Akademie der Punkt, an dem ich realisierte, dass ich ein Profi sein wollte und sein würde. Es gab einfach keine Alternative für mich.

Wie wichtig ist das Akkordeon in Finnland? Wie ist seine Geschichte?

Das Akkordeon hat starke Wurzeln in unserem Land. Es war schon immer sehr populär in der Tanzmusik, in Studios, im Zirkus usw. Heute kann Akkordeon praktisch überall in Musikschulen, Musikinstituten, Konservatorien und an der Akademie gelernt bzw. studiert werden. Es gibt eine große Zahl an Akkordeonorchestern und viele Amateurspieler. Auch viele Profi-Unterhalter und Tanzmusiker spielen Akkordeon. Geschichte... Da ich kein Historiker bin, überlasse ich dieses Thema ihnen. Die Geschichte des Akkordeons in Finnland ist so ein großes Thema – wir würden mehrere hundert Seiten brauchen um es abzudecken.

O.k. bleiben wir bei dir. Was fasziniert dich denn so am Akkordeon bzw. am Bandoneon?

Als erstes muss ich klarstellen, dass ich ein Akkordeonist bin – kein Bandoneonist. Ich habe das Bandoneon vor ein paar Jahren entdeckt und spiele es ab und zu einmal. Das ist für mich ein Hobby, auch wenn manche Leute sagen, dass ich das Instrument wie ein professioneller „bandoneonista“ spielen würde.

Es gibt so viele einzigartige Aspekte beim Akkordeon. Technisch ist es eins der reichhaltigsten Instrumente: Es hat geradezu keine Limits. Sein Klang hat viele Dimensionen, ebenso seine Dynamik. Auf diesem Instrument kann man so viele Arten von Musik machen – sogar innerhalb der sogenannten Kunstmusik kann man so viele Dinge spielen: Von Scarlatti bis Paganin und Liszt, von Zolotarjow bis Gubaidulina, von Schmidt und Lundquist bis Lindberg und Ligeti... Die zeitgenössische Bewegung ist sehr aktiv mit dem Akkordeon verbunden und deshalb gibt es immer wieder neue Werke. Für mich ist Spielen gleich Lernen: denn was ist ein besserer Weg zu lernen, als Musik zu spielen, die niemals vorher gespielt wurde?

Du spielst Orchestermusik, Kammermusik und auch Tango – hast du ein Lieblingsgenre?

Nein. Für mich ist die Auswahlmöglichkeit des Repertoires sehr wichtig. Egal, welchem Genre das Stück zugeordnet ist, das Auswählen ist immer ein langer und schmerzhafter Prozess. Aber wenn ich dann am Ende das Stück ausgewählt habe, dann bin ich zu 100 Prozent sicher, dass das das Stück ist, das ich spielen will. Ich spiele gerne zeitgenössische Musik, egal ob das ein Konzert ist oder Kammermusik oder Solo. Ich mag Tango, ich mag Barock. Die Qualität ist das was in der Musik zählt – nicht das Genre.

Gibt es bei deinen zahlreichen Weltpremieren, die auf deiner Homepage erwähnt werden ein spezielles Werk für dich? Wie ist der persönliche Kontakt zu den Komponisten?

Ich arbeite ständig mit Komponisten zusammen. Sogar in diesem Moment warten einige Stücke auf ihre Premiere. Wenn ich ein Werk in Auftrag gebe, dann denke ich sehr sorgfältig darüber nach, wen ich darum bitte. Ich höre mir die Musik der Komponisten an und achte sehr auf deren Ausdruck und Sprache. Danach kontaktiere ich sie einfach. Heutzutage bin ich schon recht bekannt im finnischen Musikleben und praktischerweise scheinen mich alle Komponisten zu kennen und auch ich kenne die meisten von ihnen persönlich. Auch hatte ich viele erfolgreiche Premieren, was sich dann natürlich herumspricht: Komponisten kennen meine Fähigkeit und meine Reputation. Das macht die Sache heute einfacher. Mit vielen Komponisten verbinden mich heute Freundschaften, durch die künstlerische Zusammenarbeit entstanden. Musik ist mit der beste Weg, Freunde zu finden und zu kommunizieren!

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, mit einigen der besten Komponisten arbeiten zu dürfen. Ich kann da kein Lieblingsstück aufzeigen, denn ich liebe jedes Stück, das für mich geschrieben wurde. Es ist wie mit den Kindern – ich selbst habe drei. Was antwortet man, wenn jemand fragt: „Welches ist dein Lieblingskind?“

Du hast mehr als 20 CDs aufgenommen. Was ist dir wichtiger: Konzerte oder CDs? Wie wichtig ist die Reaktion des Publikums?

Mein musikalisches Leben hat viele Gesichter. Aufnahmen, Konzerte, Lehre, Schreiben...  das sind alles Teile des selben Phänomens, genannt Musik. Ich mag Aufnahmen, denn dann bin ich alleine mit mir und der Musik – auf der Suche nach meiner Interpretation. Ich nehme meist nachts auf in einer bestimmten Kirche, zusammen mit einem Techniker, mit dem ich das seit fast 20 Jahren mache. Er stört mich nicht, wenn ich spiele. Ich kann mich total auf meine Musik konzentrieren.

In meinen Konzerten mache ich keine künstlichen Dinge. Keine Show, kein bisschen. Mir kommt es darauf an, meinem Publikum Musik zu vermitteln. Ich möchte, dass die Zuhörer zuhören und vielleicht durch die Musik ihr eigenes Leben und ihre Emotionen reflektieren. Ich mag es, wenn die Halle komplett still ist und das Publikum zuhört – ich möchte dass es in eine Art Hypnose fällt... Diese Reaktion ist die beste, sie ist die ehrlichste und aufrichtigste. Applaus – natürlich ist das schön, wenn es verdient ist, aber das ist nicht der Hauptaugenmerk. Ich mag keine künstlichen Dinge.

Du hast das Akkordeon schon in vielen Ländern gelehrt: in Serbien, in Österreich, in Frankreich und in England – und in Finnland natürlich. Was sind die Unterschiede in den verschiedenen Ländern?

Ich war in noch viel mehr Ländern als in denen, die du aufgezählt hast. Aber wie auch immer, Musik ist eine Weltsprache. Ich vergleiche nicht oder denke über die Unterschiede der Nationen nach. Wenn ich unterrichte, lautet mein Motto „Helfen, nicht Stören“: Jeder ist ein Individuum und mein Job ist es, den Schülern zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit, ihre musikalische Identität zu finden. Ich zeigen ihnen, was man mit harter Arbeit und Talent vollbringen kann. Diejenigen, die engagiert und talentiert sind und hart arbeiten, haben alle die gleiche „Nationalität“ – egal was in deren Pässen steht...

Natürlich gibt es Unterschiede in der Methodik, im Repertoire usw. unterschiedlicher Länder, aber ich denke, dass die nicht so wichtig sind, dass wir anfangen sollten, diese zu analysieren.

Aber treten diese Unterschiede denn im alltäglichen auf? Sind die Menschen anders? Beschreibe doch einmal deine Zeit dort.

Jedes Land hat seine eigenen Traditionen und Verhaltensregeln. Heute bin ich sehr gelassen, was im Ausland auf mich zukommen mag. Wahrscheinlich bin ich über die Jahre selber international geworden. Ich mag die entspannte Einstellung der Menschen in Spanien, Italien, Frankreich und Portugal. Sogar das oftmals hektische Gefühl in deutschen Großstädten stört mich nicht mehr. Japan und China sind immer Abenteuer, du weißt nie, was hinter der nächsten Ecke kommt. Ich genieße es, in Moskau Freunde zu treffen und die Wärme und Gastfreundschaft in Serbien ist sehr rührend. Überall sind die Menschen gleich – und anders...

Momentan denke ich darüber nach, ins Ausland zu gehen – in ein paar Jahren. Mal sehen, wann eine Möglichkeit kommt, dass ich an einer Institution in einem anderen Land unterrichten kann.

Was ist das wichtigste an deinem Unterricht? Gibt es da eine Art Philiosopie?

Natürlich. Ohne Philosophie und Methodik würde das Unterrichten im Chaos enden. Ich finde die technische Entwicklung des Studenten sehr wichtig: Wenn die Technik nicht perfektioniert wird, wird in der Interpretation immer irgendetwas grundlegendes fehlen. Auch muss jeder Student bestimmte Werke und Stile bearbeiten, um fundamentales Repertoire zu beherrschen. Danach geht es an die zeitgenössische Musik, die einer der wichtigsten Aspekte von modernen Akkordeonisten ist. Ich verlange meinen Studenten auch viel Wissen über die Geschichte der Musik, die Geschichte der verschiedenen Künste und der Gesellschaften und Nationen ab.

Du bist auch Ausbilder und Schwarzer-Gürtel-Träger im Haedong Kumdo, einer koreanischen Schwertkampfkunst. Mein erster Gedanke war: das passt nicht zu einem Musiker. Was haben Martial Arts und Musik gemeinsam?

Nun, Kampfsport mache ich bereits seit über 25 Jahren. Ich habe mehrere Disziplinen ausprobiert. In “WonHwaDo“ hatte ich den Titel “Master" inne. Nachdem ich meine Knie ruiniert hatte, habe ich mit Haedong Kumdo angefangen. Das ist nicht so hart für die Beine.

Ich glaube nicht, dass musikalisches Können andere Fähigkeiten limitiert. Was ich durch mein Kampfsport-Training gelernt habe, ist eine Menge. Zum Beispiel sind meine Gesundheit und meine muskuläre Verfassung sehr gut geblieben. Seit ich vor 22 Jahren meinen Militärdienst abgeleistet habe, ist mein Gewicht gleich geblieben dank der ständigen körperlichen Aktivitäten. Martial-Arts-Training hat viel mit Konzentration zu tun, den Körper und den Geist in Einklang zu bringen. Versuchen wir das nicht auch ständig zu erreichen, wenn wir Musik machen? Die korrekte Atmung zu lernen, kann sehr hilfreich für einen Musiker sein. Ich habe auch viel über die menschliche Anatomie gelernt, die richtige Position der Gliedmaßen und die Entspannung usw. Das hat auch meine Spielweise beeinflusst und mir geholfen, meine Technik zu perfektionieren. Einige dieser Aspekte kommen auch dem Unterrichten zugute: Körperposition, Entspannung, Atmung. Am Ende führen alle Wege nach Rom!

Du merkst: ich habe viele Interessen und nur ein Leben, das alles zu verwirklichen. Ich spiele Akkordeon, unterrichte es, reise zu Konzerten, arbeite mit Komponisten zusammen. Ich spiele zudem Bandoneon. In den vergangenen Jahren habe ich das Stimmen des Akkordeons gelernt, was ich jetzt schon recht gut beherrsche. Ich habe sogar gelernt, Zungen selber herzustellen und kann gebrochene nun selber ersetzen. Ich mag es auch zum Haedong Kumdo-Training zu gehen, ich unterrichte das auch selbst. Und ich habe immer noch Zeit für meine Familie, ich habe Zeit für meine Freunde. Es fühlt sich nicht so an, als ob ich viel zu tun habe. Das ist alles Einstellungssache. Für mich ist das Leben ein Abenteuer, eine einmalige Gelegenheit, Erfahrungen zusammeln und zu lernen.

 

Hier ist ein YouTube-Video mit Mika Väyrynen

Hier findest du die Digitalausgabe des Heftes