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#07 ...Best of 72

Liebe AM-Freunde und Fans ... wir (er)zählen nun rückwärts, nein vorwärts ... aus 72 unglaublich tollen Ausgaben. Täglich... also 72 Tage lang. Wenn wir bei 72 angekommen sind, dann ist auch 73 erschienen und 74 und unser aller Leben findet wieder gemeinsam statt!

 

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #07 vom März/April 2009.

 

Julieta La Grande

Eine sympathische Stimme, ansprechende Melodien, moderner Pop und ein Schuss Folklore

Text: Klaus Härtel und Daniel Fürst, Fotos: Gabbanelli, pressetext

Es ist ein Heimspiel für die 28-jährige Musikerin und es ist angerichtet. Im mexikanischen Guadalajara finden die Latino-Awards von MTV statt und Julieta Venegas ist einmal mehr nominiert – diesmal für den Song des Jahres. Die Akkordeonistin, Pianistin und Sängerin hat vor der Verleihung zudem noch einen Auftritt im Rahmenprogramm, gemeinsam mit ein paar Mariachi-Bläsern. Und dann das: Den MTV Latino-Award für den besten Song bekommt eine Combo aus dem Raum Magdeburg. Tokio Hotel sahnt mit „Monsoon“ auch in Mexiko ab. Sicherlich hätte sie sich über den Preis auch gefreut, doch richtig nahe geht die Nicht-Auszeichnung Julieta Venegas wohl kaum. Die lateinamerikanische Presse  – und nicht nur die – hat sie längst geadelt. Ihr Titel: Julieta La Grande. 

Mit einem Schuss Tradition

Dass die Mexikanierin auf die MTV-Leute nicht sonderlich sauer war – zumal die Abstimmung userabhängig und internetbasiert war – konnte man dann auch daran bemerken, dass sie eine Unplugged-Tour gemacht hat, die der Künstlerin und vor allem dem Publikum einen Riesenspaß bereitet haben. Und ihre Musik ist modern aber mit einem Schuss Tradition. Es stimmt einfach alles: Eine sympathische Stimme, ansprechende Melodien, moderner Pop und ein Schuss Folklore. Dass eine solche Tour aber auch anstrengend ist, gibt sie schon auch zu: „Wir haben die Shows wirklich genossen und das Publikum. Nun mache ich eine Pause, erhole mich, lese, höre Musik und lasse mich von den Wänden um mich herum und vom normalen Leben inspirieren.“

Der endgültige Durchbruch

Im Jahr 2004 erschien die in Long Beach / Kalifornien geborene und in Tijuana / Baja California aufgewachsene Singer-Songwriter in der angesehenen New York Times, gewann den Latin Grammy für das Beste Rock Album und eroberte die MTV Latino-Awards, indem sie die Preise als  Künstler des Jahres, als bester Solokünstler und als bester mexikanischer Künstler mit nach Hause nahm.  Das war der endgültige Durchbruch. Es folgten 2006 der Latin Grammy sowie der Grammy für das „Best Latin Pop Album“.

Akkordeon-getriebener alternativer Pop

„Schuld“ daran, ist wohl „Si“, das Album von melodischem, Akkordeon-getriebenem alternativem Pop, das wohl zu einem der am meisten beachteten, modernen spanischsprachigen Tonträger wurde. Dieses Album bekam unter anderem Dreifach-Platin in Mexiko sowie Gold in den USA und Chile und rückte auch in der spanischen Hitparade weit nach vorne. Es katapultiere die Popularität von Julieta Venegas in neue globale Höhen, nachdem sie zuvor vor allem in Lateinamerika berühmt war. Es folgten das hippe Video zu „Lento“, gedreht in Tokio, ein Auftritt bei einem Carlos-Santana-Konzert mit Herbie Hancock, Dave Matthews und Rob Thomas, eine ausgedehnte Pepsi-Werbenkampagne, gecoverte Songs (unter anderem von den Black Eyed Peas “Hey Mama”) und eine Berücksichtigung auf einer Tribute-CD für den legendären chilenischen Dichter Pablo Neruda.

Sie wurde der Liebling der Massen

Als eine von Mexicos wagemutigsten und unabhängigsten Singer-Songwritern, ist Julieta Venegas der Liebling der Kritiker in den Vereinigten Staaten und in Lateinamerika, seit sie 1997 das erfolgreiche Debütalbum „Aquí“ und drei Jahre später das sehr beliebte „Bueninvento“ herausgebracht hat. Doch mit dem Erfolg von „Si“ wurde sie auch der Liebling der Massen – sie besteht allerdings schnell darauf, dass sich durch den plötzlichen Schub an Popularität ihre Art zu schreiben und zu musizieren, nicht geändert hat und sich auch nicht ändern wird. Sie entwickelt sich selbst weiter – nicht durch Einflüsse der anderen.

„Man soll erkennen, dass ich beim Schreiben wachse.“

„Gegenüber Popularität, Ruhm und diesen ganzen Dingen bin ich sehr skeptisch eingestellt“, erklärt Venegas. „Am wichtigsten bei meiner Musik ist, dass man erkennt, dass ich beim Schreiben wachse. Dass man merkt, dass ich etwas spüre und dass das von anderen wahrgenommen wird. Ich habe ,Si' sehr genossen und mich der Öffentlichkeit sehr sehr verbunden gefühlt. Gleichzeitig komme ich mir immer wie ein Außenseiter vor. Ich kann gar nichts dagegen machen.“

Einst mischte sie in der Untergrund-Szene mit

Aufgewachsen in Tijuana, spielte Julieta Venegas Klavier und studierte klassische Musik – selbst Cellostunden hat sie schon genommen. Anfang der 1990er Jahre wurde sie zudem zur Schlüsselfigur in der aufkeimenden Untergrund-Rockszene und Mitglied der Ska-Band „Chantaje“, die sich später in „Tijuana NO“ umbenannte. Als das Medieninteresse an der Band zunahm, kam es in der Band zu einem Richtungsstreit. Manche Mitglieder forderten ein politischeres Auftreten der Band und sprachen in Interviews über Ideen, ohne diese mit Bandkollegen abgesprochen zu haben.

Julieta Venegas – Mitautorin des der Hymne „Pobre de Ti“ – verließ die Band um sich der Theatermusik in Mexiko Stadt zu widmen. Die Grenzstadt Tijuana an der Grenze zu den USA – wo sich Spanisch mit Englisch vermischt, wo amerikanische Sitcoms in mexikanischen Wohnzimmern flimmern, wo Kulturen sich tagtäglich kreuzen – diese Stadt hinterließ eine nachhaltigen Eindruck auf ihre Musik.

Das weltoffene Ohr

„Ich hatte immer einen Fuß in Tijuana und den anderen in el otro lado“, sagt Venegas, auf der anderen Seite. „Ich bin mit dem Denken meiner Eltern aufgewachsen, was sehr mexikanisch und traditionell war. Für meine Mutter war populäre Musik alles: Pedro Infante, Juan Gabriel, Jose Jose. Als ich ein Kind war, war alles, was nicht mexikanisch war, viel cooler. The Police, Madness, Culture Club. Also gab es das alles immer in Kombination. Später habe ich entdeckt, dass die Art und Weise, wie meine Mutter Musik hörte, meiner Art durchaus entsprach. Es musste einfach ein guter Song sein, den man im Auto oder im Haus singen konnte.“

Julieta Venegas hat im Laufe ihrer Karriere ihr weltoffenes Ohr stets gepflegt. Als sie „Si“ aufnahm, waren Hiphop, Electronica und Breakbeats das Größte.  Bei „Bueninvento“ stand sie gerade auf Glam-Rock a la T-Rex und David Bowie. Beim Debütalbum „Aqui“ spielte der Plattenspieler klassische Musik rauf und runter. Es folgte bei „Limón y Sal“ eine brasilianische Phase, in der ihr  Lenine, Caetano Veloso, Marisa Monte oder Adriana Calcanhotto nicht mehr aus dem Ohr gingen.

Kantige Rhythmen und ausgeklügelte Melodien

Die Künstlerin hat einfach die Begabung, ihr großes Spektrum an Geschmäckern und Einflüssen in ein kantige Rhythmen und ausgeklügelte melodische Akzente zu verwandeln. Schon mit „Aqui“ und „Bueninvento“ hob sie sich vom lateinamerikanische Mainstream ab und etablierte sich als mexikanische Königin des alternativen Rock, was ihr Vergleiche mit PJ Harvey und Tori Amos einbrachte. Mit den Popstrukturen auf „Si“ und ihrer Akkordeonkunst wurde sie von völlig neuen Publikumsschichten entdeckt. Doch Venegas sieht in dem Album nicht nur einen kommerziellen Durchbruch, sondern die organische nächste Stufe in ihrem Wachstum als Songwriter.

„Meine Songs zu schreiben und damit meine Emotionen zu transportieren ist ein konstanter Prozess“, sagt sie. „Auf ,Aqui' war ich noch sehr schüchtern und weil einige Song die ersten waren, die ich je geschrieben hatte, waren sie halt sehr introspektiv. Bei ,Bueninvento' habe ich mehr ausprobiert und alles, was an Zärtlichkeiten auf dem ersten Album war, habe ich beim zweiten weggelassen. Mit ,Si' habe ich dann meine Gefühle klar artikuliert.“  In einem Wort: fröhlich.  Es ist eine fröhliche CD, gefüllt mir Liebe und Zärtlichkeit. Es fehlen die ernsten, dunklen Töne der Vorgänger.

Es folgte „Limón y Sal“ im Jahr 2006, ein weiteres sonniges, frohes und liebenswertes Album. Die aktuelle Produktion, passend zur darauf folgenden Tour, ist „MTV unplugged“ (2008) – die  wunderbare Zusammenstellung von neu arrangierten Hits grenzt schon an ein „Best of“. Auf dieser CD ist auch der Titel „El Presente“ enthalten, für den sie beinahe einen MTV Award bekommen hätte. „El Presente“ - diese Musik ist wirklich ein Geschenk. „El Presente“ ist auch mit „Gegenwart“ übersetzbar. Und Julieta Venegas' Musik ist trotz der traditionellen Anklänge keine rückwärts gewandte, sondern absolut zeitgemäß. Und nicht nur das: Julieta Venegas und ihrer Musik gehört die Zukunft.


Hier ist ein YouTube-Video mit Julieta La Grande

Hier findest du die Digitalausgabe des Heftes