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Über die Tücken des Proxonteufels...

..., die Bedeutung des Vogelkäfigs in der Akustik und heruntergekommene Diamantfeilen

Ein Kölner Akkordeonstimmer über die Geheimnisse seiner Arbeit, die irgendwo zwischen Handwerk und Psychologie angesiedelt ist

VON MICHAEL RHEINLÄNDER

Das A und O für eine gute Stimmung ist die Kopplung. Die erste Kopplung, mit der wir zu tun haben, ist die Stimmzunge auf der Stimmplatte. Dabei gilt: Je größer der Stimmstiefel, umso größer die Kopplung (Abb. 4).
Die nächste Kopplung ist die Stimmplatte auf dem Stimmstock. Meist wird die Platte mit Wachs befestigt. Frisches Wachs klebt die Platte wunderbar auf dem Stock fest. Bei altem, spröden Wachs ist die Kopplung mangelhaft. Die Platten können sich dann vom Stock lösen und halten die Tonhöhe nicht mehr. Bei französischen Instrumenten werden die Platten gerne mit Holzschrauben auf den Stock geschraubt. Als Dichtung dient eine Lage aus Leder oder Kork. Voraussetzung sind breite Stege zwischen den Kanzellen und Stöcke aus Hartholz.
Die dritte Kopplung ist die Befestigung des Stimmstockes im Gehäuse. Bei der Mehrzahl der Akkordeons wird das linke Ende des Stimmstockes unter eine Metallplatte geklemmt; auf der rechten Seite sorgt ein Riegel, der mithilfe einer Schraube angezogen wird, für den nötigen Andruck des Stockes. Darüber hinaus gibt es weitere Möglichkeiten. Gut gelöst ist der Andruck der Stimmstöcke bei den älteren Hohner-Modellen Imperator, Atlantic und Lucia. Diese Instrumente haben eine Füllung aus Metall, in der Metallhülsen mit einem Innengewinde eingearbeitet sind. In diese Hülsen werden die Stimmstöcke mittels Schrauben befestigt, was einen flächigen Andruck garantiert. Bei der Atlantic IV de Luxe sind die Stimmstöcke auch noch geteilt, sodass wir es bei einer vierchörigen Atlantic mit acht kurzen Stimmstöcken zu tun haben. Diese Art des Verschraubens finden wir heute auch bei einigen Modellserien der Firma Weltmeister.
Meine „Königskopplung“ wird bei einem meiner absoluten Favoriten verwendet: der Super-VI-Serie der italienischen Firma Scandalli aus den Sechzigerjahren. Links wird der Stimmstock in eine Aussparung im Gehäuse geschoben. Rechts ist auf dem Rücken des Stockes eine circa zehn Zentimeter lange und zwei Zentimeter breite Feder eingelassen, welche mit nicht geringem Kraftaufwand der Finger im Gehäuse untergehakt wird. Beim Stimmen der beiden Cassotto-Stöcke holt man sich daher durchaus schmerzhafte Finger, der tolle Klang lässt das aber schnell wieder vergessen! Im Bass gibt es zwei gefräste Stimmstöcke. Einer nimmt Bass und Beibass auf, der andere die erste, zweite und dritte Sekundreihe. Diese Stimmstöcke werden mittels Metallschrauben im Gehäuse befestigt. Für zusätzliche Spannung sorgen Druckfedern, die über die Schrauben gestülpt werden.
Wichtig ist auch, die Stimmstöcke untereinander zu verbinden. Damit erreicht man, dass die Stöcke nicht gegeneinander, sondern miteinander schwingen. Vom Werk aus besteht die Verbindung oft aus einer aufgeschraubten Brücke aus Alublech. Wenn diese fehlt, klemme ich einfach ein Stück Draht zwischen die Stimmstöcke. (Ich habe vor Jahren beim Sperrmüll einen alten Vogelkäfig gefunden. Von den daraus herausgeschnittenen Drähten zehre ich noch heute!) Gerade beim Tremolo kann man den Effekt, den die Verbindung der Stimmstocke hervorruft, sehr gut hören. Ich nenne das den „hinkenden Mann“. Ohne Verbindung der Stöcke klingt das Tremolo unrund. Sobald jedoch die Stöcke gekoppelt sind (Abb. 3), hört man ein wunderbar rollendes Tremolo.
Zu recht klagen viele Akkordeonspieler über das schwere Gewicht ihres Instrumentes. Doch ohne Masse keine Kopplung, und so auch kein hervorragender Klang. Nehmen wir zum Vergleich mal den Sound einer Autotür der Luxusklasse. Da entsteht ein sehr satter Ton beim Schließen der Tür. Bei Kleinwagen hört sich das viel dünner an, da es einfach an Masse fehlt.
Thema Stimmplatten (Abb. 4)
Es gibt verschiedene Qualitäten von Stimmplatten. Bei Hohner-Instrumenten sind es in der Regel T-Mensur (Concerto-, Amica-Serien), H-Mensur (Lucia-Serien), ACS-Mensur (Atlantic-, Pacific-, Imperator-Serien, bei italienischen Herstellern auch Dural genannt), Handarbeit 2 (Morino-Serien) und Handarbeit 1 (Morino-Gold- und Gola-Serien). In Italien sind die Handarbeit 1 und 2 als „a Mano“- und „Tipo a Mano“-Stimmplatten bekannt. Bei weiteren deutschen und italienischen Firmen finden wir ähnliche Kategorien.
Die Stimmplatten unterscheiden sich in der Qualität der eigentlichen Trägerplatte sowie in der Qualität des Stahls. Heutzutage bestehen die Platten aus Dur-Aluminium. Früher waren sie aus Zink hergestellt, was das Instrument aber sehr schwer machte.
Jeweils auf Vorder- und Rückseite der Platte ist eine Stimmzunge genietet. Bei einigen Converter-Modellen italienischer Herstellung und in russischen Bajan-Instrumenten sowie bei Bandonien finden wir durchgehende Stimmplatten. Bei diesen sind alle Zungen auf eine durchgehend aufgeschraubte Stimmplatte genietet. Das hat den Vorteil einer sehr guten Ansprache, da die durchgehende Platte sich beim Spiel in einer Grundschwingung befindet, die es den daraufgenieteten Zungen erleichtert, direkt anzusprechen, sobald sie angespielt werden.
Wichtig für die Ansprache ist auch der Lösabstand [Lösabstand: Abstand zwischen Zunge und Stimmplatte], d. h. der Abstand zwischen Zunge und Platte. Wäre da kein Abstand, könnte die Zunge nicht in Schwingung versetzt werden, da die Spielluft keine Chance hätte, die Zunge in den Rahmen zu ziehen. Ist hingegen der Abstand zu groß, braucht es sehr viel Luft, um die Zunge in die Stellung zu bringen, dass sie durch den Rahmen schwingt. Als Faustregel gilt: Der Abstand sollte so groß sein, wie die Zunge an der Spitze dick ist.
Bei meinen Karnevalskunden stelle ich die Abstände bewusst etwas weiter ein, weil sie immer mit voller Lautstärke spielen und eine Zunge mit geringem Lösabstand keine Chance hätte. Im Gegensatz dazu stelle ich Instrumente von Kunden, die in einer hellhörigen Wohnung leben, sehr eng ein. Dann sind die Stimmzungen auch bei wenig Luft direkt da.
Und nun zum Stimmen...

... LESEN SIE WEITER IN AUSGABE #63

 

Über Michael Rheinländer

Geboren 1960 in Kirn an der Nahe. Von 1977 bis 1980 arbeitet Michel Rheinländer als Koch, danach geht er drei Jahre ins Ausland. Von 1983 bis 1985 wirkt er als Zirkusclown an der Ufafabrik in Berlin mit und lebt in einer Großkommune. Dort beginnt er mit dem Akkordeonspiel. 1985 siedelt er nach Köln über und ist dort als Straßenmusiker unterwegs, unter anderem mit Klaus der Geiger. Als sein Akkordeon kaputt geht und in Köln niemand in der Lage ist, es zügig und günstig zu reparieren, geht er auf den Troisdorfer Cantulisten Reinold Meffert zu. Der ist Akkordeonstimmer und zeigt ihm die ersten Handgriffe. Rheinländer kauft Instrumente auf dem Flohmarkt, baut sie auseinander und wieder zusammen. So lernt er im Selbststudium, wie man Akkordeons repariert. Auf einmal hat er viele Anfragen, auch von den Bläck Fööss. Er belegt Weiterbildungskurse bei Hohner, merkt, dass er mehr will, fährt in mehreren Sommern mit dem Motorrad nach Castelfidardo, dem italienischen Zentrum für Akkordeon. Dort lernt er Fachleute kennen und kann bei der Firma Victoria mitarbeiten. Zurück in Köln erhält er 1989 vom Regierungspräsidenten eine Ausnahmegenehmigung zur Eröffnung einer Werkstatt für Akkordeonreparatur. Die Genehmigung ist nötig, weil er keinen Meistertitel hat. Mit einem Kompagnon führt er ab 1994 seine Werkstatt, 1998 holt er seinen Meistertitel nach. Zwischendurch bildet er auch Lehrlinge aus. Mittlerweile arbeitet Rheinländer alleine in seiner Werkstatt. Er verbringt seit 29 Jahren keinen Tag ohne Arbeit am Akkordeon.