Viele Knöpfe & vier Saiten

Marie Spaemann und Christian Bakanic

Viele Knöpfe & vier Saiten

 

Wenn diese beiden sich eine Playlist erstellen, begegnen sich dort Anderson Paak, Liann La Havas, Janine Jansen, Astor Piazzolla, Mozart, Bach, Kurt Elling, Esperanza Spalding, Keith Jarrett, Klaus Paier, Frank Marocco und unzählige mehr. Die klassisch ausgebildeten Musiker Christian Bakanic und Marie Spaemann haben über Jahre verschiedenste Wege auch außerhalb der Konzertsäle ausgelotet, als Solisten und mit Ensembles. Jetzt ergänzen sie die Szene der Akkordeon-​Cello-​Duos um eine sehr moderne, groovende Variante. Im Interview sprechen sie über musikalische Vielfalt, das nicht immer einfache Doppelleben zwischen Club und Konzertsaal, individuelle Sichtweisen auf Musik und gemeinsames Komponieren.

 

Text: Christina M. Bauer Fotos: Julia Wesely, Andrej Grilc, Jasmin Schuller, Max Parovsky, Lucija Novak

An diesem Ort haben sie oft geprobt: In Wien bei Marie Spaemann ist Anfang Januar Christian Bakanic zu Besuch. Sie haben einiges von ihrem Repertoire gespielt und sitzen jetzt gemeinsam für unser Videointerview vor dem Bildschirm. In lockerer Atmosphäre geben beide facettenreiche Einblicke in ihr Duoleben – und befragen sich gelegentlich gleich gegenseitig.

  • Ihr seid derzeit in Wien?

Marie Spaemann: Im achten Bezirk, das ist ein schöner Stadtteil.

  • Probt ihr immer dort bei dir, Marie?

Marie Spaemann: Meistens proben wir bei mir.
Christian Bakanic: Bei mir zu Hause sind die Kinder, die würden sonst ständig reinplatzen, und außerdem wohne ich etwas außerhalb von Wien. Da kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut hin. Ich fahre immer mit meinem E-​Lastenrad in den achten Bezirk. Da kann ich vorn das Akkordeon reinpacken. Mit dem fahre ich gern durch Wien.
Marie Spaemann: Wir haben früher beide hier gewohnt, in derselben Straße. Da hat es sich so eingespielt, dass er zu mir kommt. Damals ist er einfach rübergekommen.

  • Wann habt ihr euch kennengelernt?

Christian Bakanic: Vor vier Jahren hatten wir unser erstes gemeinsames Konzert. Kennengelernt haben wir uns vor etwa fünf Jahren in einer Band von Pepe Auer. Ihn kenne ich seit zwanzig Jahren, seit ich in Graz studiert habe. Er hat mich eingeladen, in seiner Jazzband zu spielen. Ich spielte da Akkordeon und Keyboard. Er suchte eine Cellistin und eine Sängerin. Da musste er nicht lange suchen, er fand mit Marie eine Cellistin und Sängerin in einer Person. Einige Monate danach gab es einen Auftritt von Marie, die schon oft Solokonzerte gegeben hatte. An dem Abend wollte sie nicht unbedingt solo auftreten.
Marie Spaemann: Genau, da wollte ich einfach mal ausprobieren, wie das klingt, wenn wir zusammen was machen, und einige meiner Lieder im Duo spielen. Eines unserer ersten Stücke war eines von Astor Piazzolla.
Christian Bakanic: Es war eine Tangoetüde, die zunächst für Querflöte geschrieben wurde und öfter für Violine arrangiert wird. Marie hat das als Solostück bereits gespielt, und ich ergänzte am Akkordeon zuerst akkordisch etwas. Dann haben wir es für uns arrangiert. Jetzt ist es ein gutes Duostück, das wollen wir jetzt aufzeichnen.

  • Veröffentlicht ihr es auf einem neuen Album?

Christian Bakanic: Eventuell.
Marie Spaemann: Oder als einzelne Single im Lauf des Astor Piazzolla-​Jahres.

  • Das passt wegen des 100-​jährigen Jubiläums. Nun habt ihr euer aktuelles Repertoire „Metamorphosis“, das im Herbst als Album veröffentlicht wurde, wegen Covid gar nicht so oft spielen können. Immerhin gab es einige Konzerte zwischen den Lockdowns.

Christian Bakanic: Glücklicherweise haben wir trotzdem etwa 20 Konzerte machen können im letzten Jahr.

  • Wie viele wären es ohne Lockdowns gewesen?

Christian Bakanic: Etwa 30 oder 40. Der Sommer war super, da kamen sogar wegen Covid Konzerte dazu. Denn manche Festivals haben umstrukturiert und mehr einheimische Künstler eingeladen. Die CD-​Präsentation im Gläsernen Saal im Wiener Musikverein im November wurde leider abgesagt, und weitere Konzerte ebenfalls. Jetzt für Februar kommen schon wieder Absagen. Langsam wird’s ein wenig zäh.

  • Wird das Konzert im Musikverein nachgeholt?

Christian Bakanic: Voraussichtlich im Mai. Jetzt müssen wir erst mal sehen, was wirklich stattfinden wird in nächster Zeit.

  • Für euer Duo-​Debüt habt ihr ein interessantes Repertoire zusammengestellt. Das Titelstück „Metamorphosis“ ist eine eigene Mischung mit Einflüssen von Klassik, Jazz, Soul und mehr, und sehr rhythmusbetont sowohl am Cello als auch am Akkordeon. Hat das in deinem Fall etwas zu tun mit deiner Tango-​Sozialisation, Christian?

Marie Spaemann: Musik treibt uns an, wir sind beide begeistert von Grooves. Wenn wir auf Tour sind, hören wir Barockmusik, aber auch Hip-​Hop.

  • Ok, gibt es Beispiele für solche Hip-​Hop-​Musiker?

Christian Bakanic: Anderson Paak. Wir hören außerdem Popmusiker wie Sting und Jazzsänger wie Kurt Elling. Heutzutage ist es einfach, etwa über Spotify. Der einzige Vorteil dieses Angebots ist die endlose Auswahl von Musik zur Verschönerung des Autofahrens. So viele Alben könnten wir gar nicht mitnehmen. Wenn wir vier oder fünf Stunden fahren, erstellen wir uns eine bunt gemischte Playlist.
Marie Spaemann: Das verbindet uns, dass wir zahlreiche Einflüsse mitbringen, und uns vieles an Musik gefällt. Das denke ich hört man wohl in unserem Repertoire.

  • Auf jeden Fall.

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