Musik, Kunst, Reflexion

Andreas Hermeyer

Musik, Kunst, Reflexion

Andreas Hermeyer ist Akkordeonlehrer und steht gern als Künstler auf der Bühne. Er konzertiert als Solist, ist Teil eines Akkordeonduos und verschiedener Ensembles, Chanson- und Liedbegleiter und hat manches Mal in großen Orchestern mitgemischt. Für eine Hommage an Marlene Dietrich spielte er mit dem WDR Rundfunkorchester und Gesangssolisten 2013 den Akkordeonpart ein. Zusammen mit Thomas Eickhoff brachte er 2017 ausgewählte Highlights des Unterhaltungsmusikers Hubert Deuringer heraus. Relativ ruhig geht es dagegen zu, wenn er am Akkordeon Vernissagen und andere Kunstevents um Musik erweitert. Aus einer solchen Vernissage entstand eine Kooperation mit Psychologin Lioba Werth und Filmemacher Holger Künemund, in der sich Musik, Kunst und Anregungen zur Reflexion begegnen. Und: Seine häufigen Besuche in Kiel brachten dem Musiker zuletzt trotz Lockdown ein neues Trio ein, mit Wolfram Nerlich und Kalle Mews.

Text: Christina M. Bauer Fotos: Archiv ­Andreas Hermeyer , Holger Künemund

Einmal mehr ist der Westfale in Kiel wegen seiner Fernbeziehung. Dort hat er vor Kurzem ein noch junges Trio formiert. Über diese und andere neue Kooperationen sowie die schwierige Situation für Kultur und Kulturschaffende im Lockdown sprach er im Videointerview.

  • Du hast musiziert in verschiedensten Stilen und Besetzungen. Nun hast du Akkordeonmusik eingespielt in einer Kooperation mit Psychologin Lioba Werth. Musik begegnet dabei Kunstwerken und Anregungen zur Reflexion. Wie seid ihr euch begegnet?

Das war Zufall. Es gibt in Münster, wo ich in der Nähe wohne, eine relativ neue Galerie im Hafenviertel. Dort war ein guter Freund von mir, Thomas Eickhoff, involviert. Durch ihn war ich öfter in der Galerie, und wurde schließlich angefragt, bei Vernissagen zu spielen. Das hab ich getan. Eine solche Vernissage besuchte Lioba, und das hat ihr gut gefallen. Sie sprach mich an, ob wir so etwas zusammen machen könnten, in Kombination mit Texten.

  • Wann war das?

Das war Ende 2018. Sie dachte, das ist was Besonderes, dass man einen Akkordeonisten in einem solchen Zusammenhang hört. Sie meinte, das könnte man doch ausprobieren. Dann ging es bald auf dieses Vorhaben mit den Filmen zu. Zeitweise hatte sie Thomas mit dabei, er koordinierte das ein wenig mit der Musik. Wir sprachen öfter, ich bekam die Infos zu den Kunstobjekten und die Texte. Es ging darum, welche Musik dazu passt. Ich machte mir Gedanken, spielte etwas ein und sandte es den beiden. Sie fanden das meistens gut, und bei manchen Teilen meinten sie, ob nicht ein anderes Stück ausgewählt werden könnte, damit dieser oder jener Aspekt mit berücksichtigt werden könnte.

  • Es sind einzelne Kompositionen von dir und solche aus der Klassik oder klassiknahen Bereichen, wie Grieg, Händel oder Piazzolla. Wie hast du das ausgesucht?

Ich hab auf Sachen zurückgegriffen, die ich sonst ebenfalls spiele. Außerdem habe ich zu fünfzig Prozent Werke speziell für diese Produktion arrangiert, um sie am Akkordeon zu spielen. Da dachte ich mir etwa: ,Dieses Stück habe ich in dem Zusammenhang schon gehört, das ließe sich hier eventuell einsetzen.‘ Ich höre überall gleich, wie sich etwas für Akkordeon anhört und ob es geeignet ist.

  • Also hast du einige Stücke komplett neu gespielt. Wie ist es bei Griegs Solveigs Lied?

Das ist eines, das ich vorher nie gespielt habe.

  • Wie kamst du darauf, dass das passt zu Benno Werths Werk „Weibliche Figurine“ und dem Thema des Textes „Fesseln Sprengen“?

Von der Stimmung, dem Kunstwerk und dem Text passt das. Franz Liszts Kreuzweg oder Chopins Mazurka habe ich vorher auch nie gespielt.

  • Wie ist es mit Mussorgsky „Das alte Schloss“ aus „Bilder einer Ausstellung“?

Das war ebenfalls neu, es waren insgesamt viele.

  • Es sind Stücke von Hubert Deuringer dabei, zum Beispiel Traum einer Nacht.

Genau. Ich war sein Schüler und mit ihm, so lang er lebte, gut befreundet. Er war ein toller Melodienerfinder, und man hört in dieser Aufnahme, wie schön sich diese Sachen anhören. Sie haben oft, selbst wenn man das sonst mit Deuringer nicht verknüpft, etwas Medidatives.

  • Jedenfalls so, wie du diese Stücke interpretiert hast.

Genau.

  • Es ist offenbar Musik, die du heute noch gern spielst.

So ist es. Mit Deuringer wird sonst sofort Tanzmusik und jazzinspirierte Unterhaltungsmusik verknüpft, das hätte hier nicht gepasst. In diesem Fall ging es mehr um Ruhe und Meditation im weitesten Sinn. Es sind entsprechend sehr ruhige Stücke.

  • Die produzierten Kunstfilme laufen unter der Bezeichnung Innehalten. Ist das etwas, das aus deiner Erfahrung heraus heutzutage zu kurz kommt?

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