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Judith Brandenburg

Eine Bandoneonistin in Berlin:

 

Judith Brandenburg

In seiner Serie Clan der Harmonikas hatte unser Autor Peter M. Haas in der vergangenen Folge das Bandoneon vorgestellt, das womöglich edelste Mitglied der Harmonika-​Familie. Nun sprach er für Teil 5 mit der Berliner Bandoneonistin Judith Brandenburg über ihren Werdegang, ihre Liebe zum Instrument und ihre musikalischen Projekte vom Tango bis zur Filmmusik.

Interview und Text: Peter M. Haas Fotos: Lutz Matschke, Christian Ulrich

  • Eine Wohnsiedlung ganz eigener Art findet man in der Ostberliner Innenstadt. Regelrecht in den Wald hineingebaut, versteckt sich ein großzügig angelegtes Ensemble ein- und zweigeschossiger Häuser. Nach dem zweiten Weltkrieg waren diese Bauten als Kinderheim entstanden. Der Baustil verrät den Einfluss sowjetischer Architektur. Nur ganz hinten, am Waldrand, gliedert sich ein Neubau an den denkmalgeschützten Komplex – und hier, mit Blick direkt in den Wald, wohnt Judith Brandenburg, die Berliner Bandoneonistin.

Berlin

Wer so schön im Neubau wohnt, ist meist von anderswo zugereist, aus Wuppertal, Frankfurt, München, New York ... Judith stammt allerdings wirklich aus Berlin, war im Norden Westberlins groß geworden, in Frohnau, und ist ihrer Heimatstadt treu geblieben, so dass wir eine kurze Weile Frontstadt-​Erinnerungen austauschen können, über die S-​Bahn, die damals das etwas isolierte Frohnau mit der Westberliner Innenstadt verband, über die S-​Bahn-​Fahrt an der Mauer entlang, Geisterbahnhöfe und die Stationsansage „Letzter Bahnhof in Westberlin“.

Jetzt also am Wald. Hier lebt Judith zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn, mit einem Konzertflügel, der die durchsonnte Wohnstube beherrscht, und zusammen mit der freundlichen, sehr anhänglichen Dobermann-​Hündin Akira, die immer wieder schmusend und schubsend dafür sorgt, dass sie nicht in Vergessenheit gerät.

Pianistin

Der Konzertflügel legt bereits die Antwort nahe auf die erste Frage, die ich hatte stellen wollen: Wie bringt man den Mut und die Energie auf, mit einem Instrument zu beginnen, das so sperrig und verquer strukturiert ist wie das Bandoneon? Aber so hat sich die Frage nie gestellt, denn Judith hatte
ihr musikalisches Leben als Pianistin begonnen.
Judith Brandenburg: Ich hatte Klavier studiert, habe als Pianistin konzertiert und unterrichtet. Nebenbei hatte ich angefangen, Tango zu tanzen und diese Musik zu lieben. Ich spielte als Pianistin in einem kleinen Tango-​Ensemble. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemals für mich ein anderes Instrument so einen Raum einnehmen könnte wie das Klavier. Ein Freund, der ein Bandoneon besaß, hat mir dann eines Tages sein Instrument auf den Schoß gegeben und – „Zack!“, da war die Falle zugeschnappt. Ich hatte dieses Instrument auf dem Schoß, spielte nur einen Ton, und habe diesen einen Ton erkundet – wie man den formen kann, und wie man ihn atmen lassen kann. Dieser eine Ton, der hat das angerichtet.

Das legendäre „doble A“

  • Wo wir von der Klangqualität des Bandoneontones sprechen, manche Leute sagen ja, es müsse unbedingt ein AA-​Instrument sein, eines aus der Werkstatt des Instrumentenbauers Alfred Arnold – was Unkundige sehr in die Irre führen kann, weil Arnold für den europäischen Markt außerdem Instrumente mit Musette-​Klang gebaut hat, die fast wie Akkordeons klingen und für Tango völlig ungeeignet wären ...

Judith Brandenburg: Nein, es muss nicht unbedingt ein doble A-​Instrument sein. Diese Instrumente sind herrlich, aber es gibt verschiedene schöne. Die ELA-​Instrumente zum Beispiel . Man sagt ihnen nach, sie wären schlanker im Klang und hätten weniger Power, doch ich habe einige gute und kräftige gespielt.

142 Töne

  • Insgesamt scheinst du alte Instrumente einem Neubau vorzuziehen.

Judith Brandenburg: Ja, meistens finde ich fabrikneue Instrumente weniger überzeugend.

  • Vom Klang her gibt es wohl keinen Unterschied zwischen dem deutschen 144-​tönigen System und der 142-​tönigen Griffweise, die in Argentinien verwendet wird, nicht wahr?

Judith Brandenburg: Doch, da gibt es Klangunterschiede. Die 142er sind schwerer gebaut, die Druckverhältnisse sind anders. Sie haben deshalb mehr Power, wenn der Balg sich öffnet. Sie sind brillanter, schneidiger und voluminöser. Das Instrument meines Freundes, auf dem ich das erste Klangerlebnis hatte, war ein 144-​töniges Instrument. Ich lieh es mir von ihm, holte mir eine Grifftabelle. Da ich wusste, dass ich möglichst bald ein 142-​töniges Bandoneon besitzen wollte, lernte ich auf eigene Faust erst einmal ausschließlich alles, was bei beiden Modellen übereinstimmt. Von Rocco Boness in Hamburg kaufte ich mein erstes Arnold Premier, ein prächtiges Modell von 1929. Ich fragte ihn nach Material, das ich üben könne, und er gab mir einen Stapel Tango-​Originale im Sextett-​Arrangement mit den Worten: „Hier, dies ist mein Part, und dies ist das zweite Bandoneon, schau dir das an, dann kommst du demnächst wieder, und wir spielen das zusammen.“ Ich nahm ihn beim Wort, übte drei Wochen zu Hause und kreuzte wieder bei ihm auf. Wir spielten die Arrangements zusammen, und er war total verblüfft: „Du hast ja nicht nur die Themen gelernt, sondern die ganzen Variationen, den kompletten Text!“ – „Ja“, sagte ich, „das hast du doch gesagt.“ „Für dich gibt es nur eines: Du musst mit dem Bandoneon richtig einsteigen“, sagte er darauf. „Ich rufe mal den Carel Kraayenhof an, den musst du kennenlernen.“

Rotterdam

Carel Kraayenhof lehrte am CODARTS in Rotterdam, kurz darauf gab es ein Telefongespräch, und er sagte: „Wir erwarten dich schon hier in Rotterdam, komm her und mach die Aufnahmeprüfung bei uns.“ Dann habe ich von einem Tag auf den anderen acht Stunden am Tag geübt, ich habe sonst nichts mehr gemacht, das war echt wie eine Sucht. Mitten in dieser Zeit bekam ich die Nachricht, dass ich schwanger war – das war sehr, sehr crazy. Ich war voll gefordert in Rotterdam. Sie wollten, dass ich sofort im Orchester mitspiele. Extrem frustrierend empfand ich, dass ich ja auf dem Klavier alles machen konnte, und mit diesem Bandoneon, auf dem ich klanglich wirklich etwas aussagen wollte, so intensiv ringen und kämpfen musste. Es war sehr, sehr schwer, dieses erste Jahr. In dieser Zeit habe ich ja auch mein Kind geboren, nachher sind wir ein Jahr lang zu dritt zwischen Berlin und Rotterdam gependelt, die ganze Familie. Einzelunterricht am Bandoneon habe ich damals kaum genommen. Vor allem war es die Orchesterarbeit, und ich nahm Kompositionsunterricht bei Gustavo Beytelmann.

Täglich Tango

Danach – wieder in Berlin – waren es vor allem CD-​Aufnahmen, an denen ich mich weitergebildet habe. Ganz wichtig für mich war die Solo-​CD von Leopoldo Federico, traditionelle Themen in seiner Bearbeitung. Das ist so wunderschön, es sind richtige kleine Orchesterwerke auf dem Bandoneon. Diese Aufnahmen habe ich richtiggehend studiert, habe sie mit Kopfhörer durchgehört, habe beispielsweise erforscht, bei welchen Passagen er das Bandoneon schließt (Warum wechselt er an dieser Stelle die Balgrichtung, ich hätte bereits früher gewechselt ...), habe so Stunden mit den Kopfhörern und dieser CD verbracht. Damals war es ja noch nicht so leicht, an Tonaufnahmen heranzukommen, so etwas wie diese CD, das war ein richtiger Schatz. Später waren es die Videos von Ruben Juarez. Sein expressiver Stil und seine Art, innerstes Erleben auf dem Bandoneon darzustellen, haben mich sehr beeinflusst.

Nach 2002 war eine interessante Zeit, wegen der Krise in Argentinien kamen eine Menge Künstler aus Argentinien nach Europa. Die Tango-​Tanzszene entdeckte gerade die Livemusik, es fing an, dass jeden Abend irgendwo in Berlin ein Tanzabend, eine Milonga stattfand. Teilweise haben wir jeden Abend gespielt. Ich trat in wechselnden Besetzungen auf, ein wundervoller Spielpartner war damals der Gitarrist Quique Sinesi, ein großartiger Musiker und ein ganz toller Mensch.

Eigene Ensembles

2009 gründete ich gemeinsam mit dem Pianisten Javier Tucat Moreno und einer Violinistin unser Trio La Bicicleta. Das hat bis heute Bestand, auch wenn die Besetzung gewechselt hat. Die Auftritte gaben für mich einen besonders wichtigen Moment, als ich feststellte, wie sehr es dem Publikum gefällt, wenn ich meine eigene Musik spiele. Vorher hatte ich überwiegend Titel aus der Tangomusik gecovert, die mir besonders gefielen. Ich entdeckte nicht nur meine persönliche Freude, eigene Musik zu schreiben, sondern außerdem, dass meine Musik den Leuten besser gefiel als die Coverversionen. Dadurch, dass wir früher Tanzmusik gespielt hatten, habe ich außerdem einen Sinn dafür entwickelt, was funktioniert, und was man im modernen Tango schreiben kann.

Tango Nuevo, Jazz, Filmmusik

  • Das heißt, was du komponierst, orientiert sich am klassischen Tango ...

Judith Brandenburg: Damals. Inzwischen ist das viel weiter geworden, ich kann das gar nicht genau eingrenzen. Wenn jemand mich bittet, einen Tango zu schreiben, schreibe ich einen Tango, aber ich bekomme davon abgesehen andere Kompositionsaufträge. Da bin ich nur ich selbst, und das ist eine Sprache zwischen Tango Nuevo, Jazz und Filmmusik, das bin halt ich. Man wird wahrscheinlich die Rhythmik des Tango oft durchscheinen hören, allerdings sind die Harmonien jazzy.

  • Ich hörte, du hast Filmmusik auf dem Bandoneon aufgenommen, für den Film Die Bücherdiebin.

Judith Brandenburg: Ja, das habe ich, das ist schon etwa sieben Jahre her. Es war Bandoneonmusik, die im Film scheinbar vom Schauspieler Geoffrey Rush gespielt wurde. Es waren überwiegend einfache, traditionelle Lieder, die ich ein wenig verfremdet habe. Ich erinnere mich an mein Gespräch mit dem Regisseur Luc Perceval. Er besaß selbst eine Bandonika, das ist eine Art kleines Bandoneon, und wollte, dass die Musik im Film auf der Bandonika gespielt wird. Am Ende seines Drehtages hatten wir ein langes Gespräch, er interessierte sich für viele Dinge, den Unterschied zwischen Akkordeon, Bandoneon und Bandonika, wie diese Instrumente funktionieren, die Knöpfe, der Balg, … als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Das fand ich sehr beeindruckend.

Judith Brandenburg: Dieses Konzert war lange voraus geplant gewesen. Es sollte ein Livekonzert im Tonstudio werden, als Auftakt zu unserer gemeinsamen Tournee. Wegen des Virus musste die gesamte Tour ausfallen, und aus dem Livekonzert im Studio wurde notgedrungen ein Internet- Livestream.

Freie Kommunikation zu zweit

  • Die technische Qualität des Videos ist super, das Studio hat das sehr aufwendig gefilmt und umgesetzt. Empfehlung an alle Leserinnen und Leser, dieses Konzert anzusehen!  Vor allem macht es musikalisch eine Menge Spaß, euch beiden zu folgen. Das sind ja überwiegend eure beziehungsweise deine Eigenkompositionen, nicht wahr?

Judith Brandenburg: Wir haben uns in den Proben viel Raum dafür genommen, dass die Dinge gemeinsam zwischen uns entstehen. Es sind Titel dabei, bei denen man gar nicht mehr sagen kann, hier ist die Melodie von mir, hier von dir ... Wir waren sehr glücklich mit diesem Prozess. Ein Prozess mit viel gegenseitigem Vertrauen und Einverständnis. Ja, es ist eine tolle musikalische Sprache dadurch entstanden.

Streicher, Chor und Bandoneon

  • Gerade als der Shutdown begann, kam für dich die Gelegenheit, für ein Hörbuch Musik zu komponieren und aufzunehmen ...

Judith Brandenburg: Eine große audible-​Produktion, Die juten Sitten – Teil 2 wird das voraussichtlich heißen. Es soll im Dezember erscheinen. Den Teil1 hatte ich im letzten Jahr gemacht. Das war ein neunstündiges Hörbuch-​Epos, und der zweite Teil wird wieder so eines. Das Berlin der 1920er-​Jahre, das ist ja gerade sehr in Mode. Es geht um die Lebensgeschichte einer Prostituierten, sehr deftig geschildert, da konnte ich in der Musik die Charaktere sehr intensiv, expressionistisch und grell zeichnen. Für den ersten Teil hatte ich beides gespielt, Bandoneon und Klavier, und hatte Klarinette und Bassklarinette dabei. Im zweiten Teil spiele ich nur Klavier, und eine Bratsche ist dabei.

  • Du hast einen Kompositionsauftrag für ein Chorwerk bekommen, arrangiert für gemischten Chor, Mezzosopran Solo, Streichorchester, Bandoneon und Klavier ...

Judith Brandenburg: Gerade jetzt, wo es keine Konzerte gibt, bin ich besonders glücklich über diese Arbeit. Im Augenblick nimmt dieses Chorwerk alle meine Zeit ein. Das Collegium vocale Kirchberg ist der Auftraggeber, eine Kantorei in der Nähe von Gießen. Wir werden es uraufführenbeim ökumenischen Kirchentag, falls er denn stattfinden kann. Es ist ein Klimaschutz-​Chorwerk (lacht).

  • Wird da zwischen den Sätzen immer gelüftet?

Judith Brandenburg: Ja, das wahrscheinlich sowieso. Nein, im Ernst: Der Text ist ein Appell. Er hat natürlich einen gewissen kirchlichen Kontext, beschreibt erst die Schönheit der Schöpfung, dann kommen die zerstörerischen Elemente – das Feuer, das die Erde verbrennt, das Wasser, die Seuche – sehr akut. Diesen Satz habe ich gerade in der letzten Woche fertiggestellt, das war sehr bewegend. Mit der Seuche ist auch die Gier gemeint, als Seuche, die von innen kommt, die Gier nach immer mehr Besitz und Wachstum… Den Abschluss der sieben Sätze bildet ein Agnus Dei, der letzte Gesang aus dem Messtext, mit dem Appell, etwas zu ändern. Die ganze Komposition wird etwa 40 Minuten dauern, und ich bin gerade mittendrin in der Arbeit. Es ist toll, Wege zu finden, wie der Chor neue Wege gehen kann, das ist sehr, sehr spannend.

  • Im Jahr 2017 hattest du ein Chorwerk komponiert ...

Judith Brandenburg: Das war mein Pater Noster Tango. Dieses wurde ebenfalls für das Collegium vocale geschrieben, eine Tango-​Messe. Ich bin sehr glücklich, dass es von einigen Chören von der Nordsee bis in die Schweiz aufgeführt wurde, mit mir als Solistin. Es ist toll, Leute mit dieser Musik bewegen zu können, mit dem Chor dabei – sehr, sehr beglückend. Bei dieser Komposition hatte ich mich wirklich noch sehr auf den Tango bezogen, beziehungsweise auf den Tango Nuevo. Im neuen Chorwerk ist es keine Tango-​Messe mehr, diesmal ist es einfach Judith Brandenburg.

  • Dann nehmen wir das als Schlusswort und wünschen dir weiterhin kreatives und erfolgreiches Schaffen!