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Guy Klucevsek

Polyglotte Miniaturen - Guy Klucevsek

Der Amerikaner Guy Klucevsek war ein halbes Jahrhundert lang als Akkordeonist und Komponist weltweit aktiv. 2018 hat er sich von der Bühne in den Ruhestand verabschiedet. In einer Notensammlung veröffentlicht er nun 24 kurze Solostücke, welche die ganze Bandbreite seines kompositorischen Schaffens abbilden und zum Nachspielen einladen. Per Videoschalte aus seinem Zuhause auf Staten Island, New York, hat er mit unserer Autorin über seine Musik gesprochen.

Text und Interview: Eva Zöllner; Fotos: Ray Foley, Jack Vartoogian Frontrowphotos, Geneviève Leloup

Über fünf Jahrzehnte lang hat Guy Klucevsek, geboren 1947 in Pennsylvania, die Akkordeonszene der USA als Akkordeonist und Komponist maßgeblich mitgestaltet. Dem Publikum in Europa ist er hauptsächlich als Initiator des legendären Akkordeon-Quintetts Accordion Tribe bekannt, mit dem er von 1996 bis 2008 in der Welt konzertierte. Der gleichnamige Dokumentarfilm von Stefan Schwietert setzte diesem Ensemble ein Denkmal. Darüber hinaus hat Guy Klucevsek mit renommierten Persönlichkeiten wie Laurie Anderson, Dave Douglas, John Zorn, Alan Bern, Pauline Oliveros und dem Kronos Quartettgearbeitet und bei Filmmusiken zu einigen Hollywood-Produktionen mitgewirkt.

Als Komponist hat Klucevsek nicht nur Werke für den Konzertsaal geschrieben, sondern vor allem für Tanz- und Theaterproduktionen. Stilistisch ist er dabei breit aufgestellt und bewegt sich ohne Berührungsängste zwischen Minimal Music, Musette, Avantgarde und Polka. Im März diesen Jahres hat er unter dem Titel Vignettes ein Buch mit 24 kurzen Solostücken für Akkordeon herausgebracht. Sie sind in den vergangenen 30 Jahren entstanden und bilden die ganze Bandbreite seines kompositorischen Schaffens ab.

Hallo Guy. Schön, dass du Zeit hast, mit mir über dich, deine Musik und eine interessante Neuerscheinung zu sprechen. Ich erinnere mich, dass du einmal über „Accordion Tribe“ gesagt hast, dass du mit dieser Band die kreativen Möglichkeiten des Akkordeons feiern wolltest. Was ist für dich das Faszinierendste am Akkordeon?

Das Faszinierendste ist für mich das soziale Phänomen, die Art, wie Akkordeonisten das Instrument sehen und wie die meisten anderen es sehen. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen. Ich sah es im Fernsehen und liebte den Klang und das Aussehen. Das Instrument hat mich in seinen Bann gezogen. Erst als Teenager wurde mir bewusst, dass einige Leute Akkordeon merkwürdig fanden. Das ist, als ob man Briefmarken sammelt, und in den ersten zehn Jahren des Lebens bewundern einen alle dafür. Plötzlich, mit vierzehn, fächert sich das soziale Umfeld in Sportler, Streber oder Metalfans auf, und es ist gar nicht mehr angesagt, Briefmarken zu sammeln - oder Akkordeon zu spielen. Ich habe immer den Klang geliebt, das Spielgefühl und die Tatsache, dass es ein Soloinstrument ist, mit dem man ganz allein komplette Stücke spielen kann. Das Faszinierende ist bis heute die Diskrepanz zwischen der Realität und dem Image des Instruments, das sich in den letzten Jahrzehnten sicher verändert hat. Ich liebe es immer noch genauso wie als Sechsjähriger.

Es ist sehr besonders, mit jemandem zu sprechen, der über Jahrzehnte als Akkordeonist aktiv auf der Bühne gewesen ist. In diesen 60 Jahren hat sich die öffentliche Meinung über dieses Musikinstrument drastisch verändert. Wie hat diese Veränderung deine Arbeit beeinflusst? Hast Du dich angepasst, oder hast du einfach das weitergemacht, was du mit dem Instrument machen wolltest?

Ich bin bei meinem Ding geblieben, aber dieses Ding hat sich verändert. Als ich im College war, wollte ich, dass das Akkordeon ernstgenommen wird. Also war ich sehr „ernst“ damit und habe mich mit klassischer und neuer Musik beschäftigt. Ich habe meine künstlerische Vergangenheit verleugnet. Die hatte sich auf zwei parallelen Bahnen bewegt: Eine war die „leichte“ klassische Musik, die ich bei meinem Akkordeonlehrer lernte, und die zweite - für mich wichtigere - war die Volksmusik. Ich interessierte mich sehr für slowenisch-amerikanische Musik, da ich selbst slowenisch-amerikanischer Abstammung bin. Als ich begonnen habe, mehr zu komponieren, bin ich mir dieser persönlichen Geschichte und Identität wieder bewusst geworden und habe einen Weg gefunden, sie in meine Arbeit zu integrieren. In diesem Punkt lasse ich mich gern von der Schriftstellerei inspirieren. Ich habe es immer interessant gefunden, dass ein Schriftsteller im selben Buch todernst und urkomisch sein kann. Auch als Komponist kann man beides sein, nur ist das nicht so üblich. Ich habe mich nicht bewusst dafür entschieden, es ist ganz von selbst passiert, als ich begonnen habe, mit Tänzern zu arbeiten. Wenn die ein Stück von zwei Minuten Dauer brauchten - ich hatte bis dahin nur zwanzigminütige Werke komponiert - dachte ich plötzlich, ich könnte mal wieder eine Polka oder einen Walzer schreiben. Und diese Kompositionen waren ganz natürlich von der musikalischen Sprache beeinflusst, mit der ich in der Zwischenzeit in Berührung gekommen war: Minimal Music, Dissonanz, Europäische Avantgarde, verschiedene Arten von Amerikanischer Volksmusik. Also hat sich meine Musik verändert, doch ich glaube nicht, dass das durch gesellschaftlichen Druck geschah, sondern ich habe mich einfach zu mir selbst hin entwickelt. Es hat lange gedauert, bis ich meine musikalische Persönlichkeit entdeckt habe. Ich hatte erst mit Ende 30 das Gefühl, meine Stimme als Komponist gefunden zu haben.

"Es hat lange gedauert, bis ich meine musikalische Persönlichkeit entdeckt habe."

— Du hast eine Kombination aus Komponieren und selbst auf der Bühne stehen zu deinem Beruf gemacht. Möchtest du uns erzählen, wie du zum Komponieren gekommen bist?

Ich habe schon als Teenager komponiert. Ich wusste bloß nicht, was das war. Ich habe es „Sachen erfinden“ genannt.

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