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“Die Musik hat mir das Leben gerettet” - Esther Bejarano

Es ist uns eine Ehre, hier ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Text und Interview: Eva Geiger-Haslbeck; Fotos: privat (entnommen aus dem Buch „Erinnerungen“, erschienen im Hamburger Laika-Verlag), Gesche M. Cordes/Jüdische Allgemeine, Microphone Mafia

Ein Montagmittag im September, kurz nach zwölf. Esther Bejarano nimmt schon nach zweimal Klingeln das Telefon ab. Ein bisschen müde klingt sie zu Anfang, aber das gibt sich schnell – ihre Stimme ist fest und klar. Mitte Dezember feiert Bejarano ihren 95. Geburtstag. Und sie ist nach wie vor aktiv: als Sängerin – mit der Rap-Band Microphone Mafia geht sie auf Tournee – und Autorin. Sie hat Bücher geschrieben, über ihre Kindheit und Jugend in Nazideutschland, ihr Leben in Israel nach 1945, ihre Rückkehr nach Deutschland. Sie war in Talkshows und auf Podiumsdiskussionen.  Ist Gründerin des Auschwitz-Kommittees, das Bildungsreisen in Konzentrationslager, Zeitzeugengespräche in Schulen und Veranstaltungen gegen das Vergessen organisiert. „Künstlerin für den Frieden“ nennt Bejarano sich im Titel ihrer 2007 veröffentlichten Autobiografie. Der Frieden, für viele von uns selbstverständlich, fühlt sich heutzutage fragil an für Esther Bejarano.

Kindheit und Jugend

1924 wird sie als Esther Loewy in Saarlouis als jüngstes von vier Kindern geboren, ein Jahr später zieht die Familie nach Saarbrücken. Esthers Vater ist Kantor in der Jüdischen Gemeinde, das Elternhaus ein offenes, musikalisches Haus. Die Kinder bekommen Begeisterung für Musik und Kultur vorgelebt. Esther lernt Klavierspielen – ein Umstand, der ihr später das Leben retten sollte.

Das Saarland wird 1935 an das Deutsche Reiche angegliedert; schon ein Jahr zuvor gibt es die ersten antisemitischen Vorfälle. Esther, damals neun, knapp zehn Jahre alt, erinnert sich: „Zuerst mussten wir aus den christlichen Schulen raus. Die jüdische Gemeinde hat eine jüdische Schule eröffnet, die meine Schwester Ruth und ich besuchten. Meine ältere Schwester Tosca und auch mein Bruder mussten vom Gymnasium abgehen und irgendeinen Beruf ergreifen. Das war nicht ganz einfach, weil Juden nichts mehr lernen durften.“ Viele, sagt Bejarano, seien damals schon ausgewandert, aber ihr Vater, der ein „deutscher Patriot“ war, war davon überzeugt, dass seiner Familie nichts geschehen könne: „Er hat im ersten Weltkrieg für sein sogenanntes Vaterland gekämpft und war sich sicher, dass die Deutschen niemals zulassen würden, dass ihm oder uns etwas passiert. Da hat er sich natürlich sehr getäuscht. Dazu kam, dass wir gar nicht die Mittel hatten, alle zusammen ins Ausland zu Reisen oder auszuwandern. Mein großer Bruder wurde schließlich von meinen Eltern nach Amerika geschickt, meine Schwester nach Palästina. Und mein Vater hat sich in einer jüdischen Gemeinde in der Schweiz beworben – wo sie ihn nicht angenommen haben, weil er laut Hitlers Rassengesetzen ein 'Mischling' war. Er hatte eine christliche Mutter. 'Mischling 1. Grades', so hat man das damals genannt.“ Esthers Vater ist nicht jüdisch genug für eine Stelle in der Schweiz – aber auch nicht 'arisch' genug, um in Deutschland sicher leben zu können. 

Esthers Schwester Ruth, ihre Eltern und sie selbst bleiben also. Aber nicht, ohne sich auf eine mögliche Flucht vorzubereiten: „Ruth ist in ein Vorbereitungslager gegangen (in den 1920er und -30er Jahren gab es die sogenannten 'Hachscharas', von der jüdischen Jugendbewegung getragene Vorbereitungscamps, die auf das Leben in Palästina vorbereiten sollten. Es wurde Hebräisch gelehrt, das Bestellen landwirtschaftlicher Grundstücke, die Grundideen des Zionismus und das Zusammenleben als jüdische Gemeinschaft, Anm. d. Red.). Ich bin ebenfalls in ein Vorbereitungslager gegangen, in die Nähe von Berlin. Aber das hat alles nicht mehr geklappt.“ Das Lager wurde von den Nazis geschlossen, Esther zur Zwangsarbeit eingezogen, zunächst nach Neuendorf bei Fürstenwalde. „Wir wurden meist zur Außenarbeit eingeteilt. Das war sehr schwere, körperliche Arbeit, die man kaum lange durchhalten konnte. Ich habe in einem Blumengeschäft gearbeitet. Da hatte ich großes Glück, denn mein Chef und meine Chefin, das waren keine Nazis. Die haben mich sehr gut behandelt – vielen Freundinnen und Freunden von mir ging es da ganz anders. Die mussten Außenarbeit in irgendwelchen landwirtschaftlichen Betrieben leisten und wurden dort oft sehr schlecht behandelt.“ Gewohnt hat Bejarano damals im Arbeitslager, es wurde täglich hin- und hergefahren, unter strenger Bewachung der Nazis.

1943 wurde das Lager geschlossen. „Alle mussten sich in Berlin einfinden, in einem Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Von dort sind wir dann, über 1000 Leute, in Viehwaggons nach Auschwitz gekommen.“ Das war am 20. April 1943.

Auschwitz

Die harte Arbeit, die sie im Lager leisten muss, treibt Esther an die Grenze ihrer Belastbarkeit. „Ich musste Steine schleppen, sehr, sehr, sehr schwere Steine, und war schon fast am Ende meiner Kräfte. Das hatten sich die Nazis ja vorgenommen: Die Menschen durch schwere Arbeit zugrunde zu richten.“ Ein glücklicher Zufall ist es, der Esther Bejarano das Leben retten soll: In Auschwitz wird ein Orchester aufgestellt. „Eine polnische Gefangene, die Dirigentin Zofia Czaikowska, hatte den Auftrag bekommen, junge Frauen zu suchen, die ein Instrument spielen können. Ich habe mich gemeldet und gesagt, ich kann Klavier spielen. Frau Czaikowska hat gesagt: Klavier gibt es hier nicht. Wenn Du Akkordeon spielen kannst, kannst Du im Orchester mitmachen. Ich war damals schon sehr schwach und habe mir gedacht, ich muss unbedingt in dieses Orchester rein, sonst ist das mein Tod. Also habe ich gelogen und gesagt, dass ich auch Akkordeon spielen kann. Das Einzige, was ich über das Akkordeon wusste, war: Da muss gezogen werden, damit ein Ton rauskommt. Die Czaikowska sagte zu mir, ich solle einen deutschen Schlager vorspielen. ‚Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami‘. Den kannte ich. Ich habe dann zu ihr gemeint, ich hätte schon sehr lange nicht mehr Akkordeon gespielt und sei ein wenig aus der Übung. Daraufhin sagte sie, ich solle mir eine Ecke in einer Baracke suchen und probieren, und wenn ich es spielen kann, solle ich wiederkommen und sie würde mich prüfen.“ Esther tut, wie ihr geheißen, und übt in einer der Baracken – an einem Instrument, das ihr so gut wie gar nicht vertraut ist. „Die rechte Seite war kein Problem, das waren ja Klaviertasten. Aber die linke Seite… ich hatte keine Ahnung, was die Knöpfe eigentlich machen, habe mir nur gedacht, das sind bestimmt die Akkorde. Ich habe die Knöpfe abgetastet und festgestellt, dass einer eine kleine Einbuchtung hatte. Dann dachte ich mir: Das ist bestimmt C-​Dur. Von da aus habe ich mir dann die anderen Akkorde abgeleitet und am Schluss die richtigen Akkorde zu diesem Lied gefunden. Mein großes Glück war, dass ich ein musikalisches Gehör hatte – sonst hätte ich das nie geschafft.“ Sie spielt bei Zofia Czaikowska vor und wird ins Orchester aufgenommen. „Dann habe ich eben Akkordeon spielen gelernt. Unter ganz schlimmen Bedingungen – man hatte ja immer Angst, dass man aus dem Orchester wieder rausgeschmissen wird, wenn man nicht richtig spielt.“

Für Esther, ohnehin am Ende ihrer körperlichen Kräfte, hätte das erneute Zwangsarbeit bedeutet. Als eine studierte Akkordeonistin ins Lager kommt, droht Esther der Verlust des rettenden Orchesterpostens – schließlich steht nur ein einziges Akkordeon zur Verfügung. Diesmal rettet ein anderes Instrument die junge Frau: Sie kann Blockflöte spielen und übernimmt den Posten als Flötistin im Orchester. „Ungefähr ein halbes Jahr lang habe ich in dieser Formation gespielt. Dann gab es eine neue Bestimmung der Nazis, in der es hieß, dass alle Juden, die sogenannte Mischlinge sind, nicht in einem Vernichtungslager sein dürfen. Ich habe mich gemeldet als ‚Mischling‘, weil ich eine christliche Großmutter hatte.“ Wieder hat Esther Glück im Unglück: Gemeinsam mit 70 anderen Frauen wird sie vom Vernichtungslager Auschwitz ins KZ Ravensbrück verlegt.

Ravensbrück

„Das war eine große Entscheidung für mich. Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ich weggehe von Auschwitz.“ Sie bekommt die Häftlingsnummer 23139 und wird zuerst zu schwerer Zwangsarbeit eingeteilt. „Ich musste in den Kohlen arbeiten. Kohlenloren aufladen, woanders hinschleppen, von dort wieder zurück. Das war eine unheimlich schwere Arbeit, das hätte ich nicht lange geschafft.“ Nach vier Wochen bekommt Esther die Möglichkeit, sich bei der Firma Siemens zu melden, die während des Krieges in Ravensbrück ein Zwangsarbeitslager unterhält. „Ich habe einen Test bestanden und durfte als Fabrikarbeiterin anfangen, in Halle 4, dort wurden Schalter hergestellt für Unterseeboote. Kriegsmaterial, natürlich. Ich kam an einen ‚Russentisch‘ mit vielen Russinnen und Ukrainerinnen, die kein Deutsch sprachen und nicht verstanden haben, was sie arbeiten sollten. Die Vorarbeiterin hat zu mir gesagt, ich solle Russisch lernen und den Russinnen zeigen, was sie machen sollen. Ich habe dann mit den Frauen gesprochen und ihnen zu Verstehen gegeben, dass ich keine Vorarbeiterin sein will, dass sie mir aber beibringen sollen, was ich sagen soll – damit sie arbeiten können und nicht wieder fortgeschickt werden. Sie haben mir also auf Russisch beigebracht, was ich ihnen auf Deutsch sagen soll.“ Bejarano lacht bitter. Eine verrückte, schwere, eine unbarmherzige Zeit.

„Irgendwann habe ich von der Vorarbeiterin eine Anleitung bekommen, wie die Schalter zusammenzubauen sind. Statt einzelner Teile sollte ich ab jetzt die ganzen Schalter zusammensetzen. Ich habe gesagt: Ja, dann müssen Sie das aber kontrollieren und Ihre Unterschrift draufgeben. Ich wollte nicht schuld sein, wenn irgendwas falsch ist. Sie hat meine Schalter am Anfang immer kontrolliert, das hat gut geklappt. Und als ich gesehen habe, dass sie manche Schalter nicht mehr kontrolliert, habe ich mir gedacht: Jetzt versuch ich mal, die Schalter falsch zu setzen. Sie hat einfach weiter unterschrieben.“ Tausende von Schaltern, erzählt Esther Bejarano, kamen nach ein paar Wochen zurück. „Eine richtige Sabotage haben wir da gemacht, die Russinnen und ich. Das hat uns wahnsinnig gefreut. Abends, wir haben alle in einem Block gewohnt, haben wir zusammen gesungen und getanzt, weil uns das gelungen ist. Es war natürlich sehr naiv, zu denken, dass es irgendwie helfen würde, wenn die Schalter nicht richtig zusammengeschraubt sind. Aber für uns war es ein kleiner Akt der Rebellion.“

Im Januar 1945, nach zwei Jahren Zwangsarbeit. wird Esther arisiert. Der Judenstern wird durch einen roten Winkel ersetzt, sie gilt jetzt offiziell als politische Gefangene. Das verschafft ihr ein paar Freiheiten im Lager – bewahrt sie aber nicht davor, im Frühjahr 1945, knapp vor Kriegsende, auf einen der berüchtigten Todesmärsche geschickt zu werden.
„Im Lager gab es kommunistische Gefangene, die in der Ecke von einer Baracke ein Radio hatten. Die wussten ganz genau, wie die politische Lage draußen ist und haben uns gesagt, passt mal auf, die Russen sind schon fast vor unserer Tür und werden uns wahrscheinlich sofort aus dem Lager herausholen.“. Esther bereitet sich vor – sie besorgt sich Zivilkleidung, einen Pullover, einen Rock, und zieht beides unter ihrer Sträflingskleidung an, um notfalls schnell fliehen und ihre Identität als Häftling vertuschen zu können. Kurz bevor die Soldaten der russischen Armee das Lager Ravensbrück erreichen, werden die Insassen losgeschickt, mit ungewissem Ziel. „Wir liefen zu siebt in einer Reihe und wussten nicht, wohin es geht. Neben uns gingen die SS-​Leute mit ihren Gewehren, und wer hingefallen ist und nicht mehr aufstehen konnte, der wurde gnadenlos erschossen. Es war furchtbar. Als wir durch Mecklenburg gelaufen sind, dachten wir, die bringen uns an die Ostsee, und dort werden sie uns dann ertränken, uns einfach irgendwie umbringen. Aber plötzlich haben wir gehört, dass ein SS-​Mann zu einem anderen gesagt hat, es dürfe nicht mehr geschossen werden.“
Die Alliierten sind da. Die Lager werden befreit. „Und wir haben gesagt: Wenn die nicht mehr schießen dürfen, dann versuchen wir, zu flüchten. Wir waren sieben Mädchen, alles Freundinnen von mir, die auch schon in Auschwitz meine Freundinnen waren. Wir haben besprochen, dass wir, sobald wir durch einen Wald gehen, uns alle einzeln hinter dicken Bäumen verstecken. Und das hat geklappt! Alle sieben Mädchen sind rausgekommen. Später haben wir uns im Wald getroffen, haben unsere Sträflingskleidung ausgezogen – die Zivilkleidung hatten wir ja drunter – und sind gemeinsam weiter.“
Sie treffen russische Soldaten, die die völlig abgemagerten und verängstigten Mädchen mit Essen versorgen und ihnen eine Unterkunft suchen. Später kommen amerikanische Soldaten in Panzern; sie nehmen die Mädchen mit in die nächste Stadt. Das war am 3. Mai 1945. „Das Städtchen hieß Lübz; dort haben die Amerikaner und die Russen sich getroffen, sich umarmt und geküsst. Wenn man heute daran denkt, kann man es gar nicht glauben. Die Russen haben gesagt, Hitler ist tot, Deutschland hat kapituliert. Und von den Leuten, die in dem Städtchen wohnten, hat man niemanden gesehen. Die haben sich alle verkrochen, anstatt sich zu freuen, dass der Krieg endlich zu Ende ist.“ Es gab trotzdem ein großes Fest. „Einem Amerikaner hatte ich erzählt, dass ich in Auschwitz Akkordeon gespielt habe. Er hat mir dann ein Akkordeon geschenkt, ich weiß auch nicht, woher er das hatte. Mitten auf dem Marktplatz haben ein amerikanischer und ein russischer Soldat gemeinsam ein riesengroßes Hitlerbild angezündet. Die Mädchen aus dem KZ und die Soldaten haben sich um das Bild gestellt und angefangen, zu tanzen. Und ich stand da mit dem Akkordeon und habe Musik gemacht. Nicht diese schrecklichen Märsche, die ich in Auschwitz spielen musste. Sondern alles Mögliche, was ich noch von früher kannte. Das hat gut geklappt.“

Palästina

Der Krieg ist aus. Esther ist frei. Aber – was nun? Ein zu Hause, das gibt es nicht mehr. „Wir waren alle jüdische Mädchen, meine Freundinnen und ich. Wir wollten auf keinen Fall in Deutschland bleiben, im Land der Täter. Ich habe mich also entschlossen, nach Palästina auszuwandern.“ Zuerst macht sich Bejarano auf die Suche nach ihren Angehörigen. Zu Fuß erreicht sie das Lager Bergen-​Belsen, wo sie erfährt, dass ihre Eltern nach Litauen verschleppt und dort erschossen wurden. Auch ihre Schwester Ruth hat den Krieg nicht überlebt: Sie war zunächst nach Holland geflohen und hatte von dort aus versucht, mit ihrem Mann, einem ungarischen Juden, in die Schweiz zu flüchten. An der Grenze wurde sie abgewiesen und zurückgeschickt, ihr Mann erschossen und Ruth nach Auschwitz deportiert, wo sie am 1. Dezember 1942 ermordet wurde. Esther hat keine lebenden Verwandten mehr in Deutschland. Sie ist auf sich allein gestellt.

Per Autostopp gelangt sie weiter nach Frankfurt und kann die Adresse ihres Bruders recherchieren, der auf der Seite der US Army im Krieg gekämpft hat und mittlerweile in den USA lebt. Ihre Schwester Tosca befindet sich mit ihrer Familie in Palästina. „Meine Freundinnen und ich haben dann gehört, dass es wieder sogenannte Vorbereitungslager gibt zur Auswanderung nach Palästina, auf dem Gehringshof in der Nähe von Fulda. Meine beste Freundin und ich sind dort hin gegangen, bis wir Mitte 1945 zunächst mit dem Zug nach Marseille und von dort aus mit dem Schiff nach Palästina gefahren sind. Am 15. September 1945 sind wir angekommen – aber es war kein guter Empfang. Wir sind direkt wieder in ein Auffanglager gekommen, mit Stacheldraht und allem möglichen Kram. Und ich habe gesagt: Was? Jetzt kommen wir wieder in ein KZ? Da mach ich nicht mit. Ich will raus, endlich. Ich will frei sein. Aber Palästina stand ja damals unter britischem Mandat, die wollten gar nicht, dass irgendwelche Leute einwandern. Und sie waren sehr unfreundlich zu uns. Anstatt sich zu freuen, dass irgendjemand überlebt hat, haben sie uns beschuldigt, mit den Nazis kollaboriert zu haben, nur damit wir aus den Lagern herauskommen. Das war für mich das Schlimmste, was mir je passiert ist, dass diese Leute nicht eingesehen haben, dass die meisten Leute dort umgekommen sind. Und wenn man schon das Glück hatte, zu überleben und dann als Kollaborateur bezeichnet wird – das war eine ganz schlimme Sache, die ich nicht begreifen konnte.“ Esthers Schwester und deren Mann bürgen für die junge Frau, ihre einzige Chance, aus dem Lager herauszukommen. Sie nehmen auch ihre Freundin Miriam auf, die keine Verwandten in Palästina hat. Nach ein paar Tagen beschließen die Freundinnen, gemeinsam in den Kibbuz Afikim im Norden von Israel zu reisen, in dem offenbar Juden aus Deutschland aufgenommen werden. „Dort haben wir Arbeit gefunden und konnten erstmal leben. Aber ich wollte ja unbedingt Musik studieren. Ich wollte meine Stimme ausbilden lassen, das hat man mir im Kibbuz verweigert. Es hieß, ich müsse erst zwei Jahre arbeiten, dann hätte ich das Recht, zu studieren. Das war mir viel zu lang – ich war damals schon 21 Jahre alt, es war schon fast zu spät, um die Stimme zu entwickeln. Also bin ich zurück zu meiner Schwester gegangen, habe mir dort ein Zimmer gemietet und eine Arbeit gesucht.“
Esther arbeitet im Akkord in einer Zigarettenfabrik, nebenher nimmt sie Gesangsunterricht. Ihre Lehrerin rät ihr, sich eine andere Arbeitsstelle zu suchen – das Klima in der Zigarettenfabrik reize die Stimmbänder. Außerdem steht Esther dort mit Anhängern der radikal-​zionistischen Gruppe Lechi am Fließband. „Das waren extrem rechte Leute, Leute, die Anschläge gemacht haben auf das britische Mandat. Richtige Terroristen. Ich habe denen einmal gesagt: Das hat keinen Sinn, was ihr da macht, deswegen wird doch die Lage nicht besser. Darauf meinten die: Dich hat Hitler vergessen, zu vergasen. So etwas haben sie zu mir gesagt. Mit solchen Leuten wollte ich nicht mehr zusammenarbeiten. Ich habe in der Fabrik gekündigt, aber ich hatte ja nichts gelernt. Also habe ich im Haushalt gearbeitet bei verschiedenen Familien. Schwer gearbeitet.“ 1947 schließt sich Esther dem Ron-​Chor an, einem international erfolgreichen Arbeiterchor, und reist zu Konzerten nach Prag und Paris. Und 1948 wird sie zum Militärdienst eingezogen.
„Ich habe großes Glück gehabt; ich musste nicht mit dem Gewehr in der Hand dienen, sondern wurde einer Kulturabteilung zugeteilt. Zwar war ich noch nicht fertig mit der Gesangsausbildung, konnte aber doch schon ganz gut singen. Ich hab einen Koloratursopran. Wir traten dann als Gruppe auf: Ein Akkordeonist, der auch Klavier spielen konnte, ein Querflötist und ich.“ Während des Unabhängigkeitskrieges tritt die Gruppe in Soldatencamps auf, und 1949 wird Esther von der Armee beurlaubt, um mit dem Ron-​Chor in Budapest aufzutreten.
Nach dem Krieg versucht sie, Mitglied des israelitischen Künstlerverbandes zu werden und eine professionelle Karriere als Sängerin zu beginnen. „Man musste beim Verband eine offizielle Prüfung machen, damit man die Möglichkeit hatte, als Sängerin aufzutreten. Ich habe die Prüfung toll hinter mich gebracht, bin aber trotzdem nicht aufgenommen worden. Man sollte dort etwas ausfüllen, und ich habe wahrheitsgemäß geschrieben, dass ich im Ron-​Chor war. In dem Rahmen hatte ich schon ganz viele Konzerte gegeben, ich war nicht mehr so unbekannt. Da der Chor aber als kommunistischer Chor galt, war es aus politischen Gründen nicht möglich, mich in den Künstlerverband aufzunehmen. Das war ganz großer Schwachsinn, schließlich sind wir ja auch in der Armee aufgetreten, in ganz Israel. Aber ich hatte keine Wahl und musste irgendwas anderes machen.“ Der Traum, ihren Lebensunterhalt mit der Musik zu verdienen, rückt so in die Ferne. Esther jobbt nebenbei als Kellnerin.

Hamburg

1950 heiratet sie Nissim Bejarano, 1951 kommt ihre Tochter Edna und 1952 ihr Sohn Joram zur Welt. Privat sind es glückliche Jahre – aber die politische Situation in Israel verschärft sich. Nissim Bejarano engagiert sich gewerkschaftlich und kommunistisch und verliert deswegen seine Arbeit als Fernfahrer. 1956 wird er wieder in die Armee eingezogen und dient im Sinaikrieg. „Eines Tages kam er nach Hause und sagte: Ich werde nicht mehr kämpfen. Das sind keine gerechten Kriege. Als Kriegsdienstverweigerer wäre er in den Knast gewandert, das wollten wir natürlich nicht. Dazu kam, dass ich das Klima in Israel nie richtig vertragen habe. Ich war andauernd krank und hatte Kopfschmerzen. Also haben wir gesagt, wir haben keine Wahl, wir müssen aus Israel wieder weg.“ Freunde der Familie leben damals in Hamburg uns versichern den Bejaranos, dass alles ganz anders sei als früher. „Die haben Briefe geschrieben, in denen sie erzählt haben, dass es so schön ist. Dass es keine Nazis mehr gibt und die Bevölkerung ganz anders ist als früher. Dann habe ich gesagt, okay, ich werde nach Deutschland gehen, aber unter einer Bedingung: Ich werde nicht mehr in den Städten leben, in denen ich mit meinen Eltern gelebt habe. 1960 bin ich also mit der ganzen Familie nach Hamburg gekommen. Und da lebe ich jetzt schon mehr als 50 Jahre.“ Da sie die deutsche Staatsangehörigkeit nie verloren hatte, ist es leichter, wieder Fuß zu fassen – trotzdem dauert es ein paar Jahre, bis alles beruflich „auf Spur“ läuft. Die Bejaranos haben eine Wäscherei, leiten eine Discothek, schließlich eröffnet Esther ein Modegeschäft, Nissim findet Arbeit als Feinmechaniker.

„Als ich nach Hamburg kam, wollte man sofort, dass ich in den Opernchor gehe. Das habe ich damals abgelehnt, weil meine Kinder noch so klein waren. Damals hat die Hamburger Oper sehr viele Tourneen gemacht, da hätte ich immer wegfahren müssen. Mein Mann und meine Kinder haben zunächst kein Wort Deutsch gesprochen. Ich musste mich um meine Familie kümmern.“
Alles, so sagt Esther Bejarano heute, hat trotzdem irgendwie geklappt. „Meine Kinder sind beide Musiker geworden. Mein Sohn ist Bassgitarrist, meine Tochter war Sängerin bei den Rattles, hat eine wunderbare Stimme. Jetzt singt sie gar nicht mehr, aber sie ist ja auch schon über 60 Jahre alt. Wenn ich mir vorstelle, meine Kinder sind schon so alt… und ich bin die Älteste und mache immer noch Musik. Allerdings nicht mit dem Akkordeon, ich singe nur.“
„Nur“ – das ist eine sehr bescheidene Umschreibung für das, was Esther Bejarano musikalisch und politisch auf die Beine stellt, bis heute.
1982 tritt sie als eine der zweihundert „Künstler für den Frieden“ im Ruhrstadion auf, steht mit Harry Belafonte, Hannes Wader, Udo Lindenberg, André Heller und vielen anderen auf der Bühne und ist auf der Doppel-​LP zum Konzert mit zwei Liedern vertreten. Seit 1986 gibt es auf Initiative Bejaranos das Auschwitz – Komitee, das sich anfänglich jeden Samstag in ihrer Wohnung trifft. Bis heute organisiert das Komitee Bildungsreisen, Zeitzeugengespräche und Veranstaltungen gegen das Vergessen des Holocaust. Mit verschiedenen Formationen singt und spielt Bejarano antifaschistische und jüdische Lieder, sie veröffentlicht CDs und schreibt Bücher. 1999 stirbt ihr Mann Nissim, den sie zu dieser Zeit schon jahrelang pflegt, an den Folgen einer Parkinson-​Erkrankung. Esther Bejarano bleibt engagiert. „Die Musik hat mir das Leben gerettet. Ich kam aus einem musikalischen Haus und habe niemals Angst davor gehabt, auf der Bühne zu stehen oder vor Leuten zu singen. Bis heute mache ich Musik, allerdings mit einer Rap-​Band, der Microphone Mafia. Als erstes lese ich bei den Konzerten aus meinem Buch, den ‚Erinnerungen‘, über Auschwitz. Und hinterher singe ich antifaschistische Lieder, auf Hebräisch, auf Jiddisch, Englisch, Französisch, auf allen möglichen Sprachen. Die Leute im Publikum sind begeistert und unsere Konzerte immer überfüllt. Wir sind drei Generationen von Musikern auf der Bühne, mit drei verschiedenen Religionen. Die Botschaft ist selbstverständlich: Musik eint uns, unabhängig von Sprache und Herkunft.“ Esther Bejarano erzählt ihre Geschichte, unermüdlich, eindringlich. Weil es, gerade heute, notwendig ist, ihre Geschichte zu hören. „Es ist wirklich furchtbar, was sich gerade hier tut. Diese Brutalität. Dieser Egoismus. Das ist sowas von entsetzlich. Alle wollen noch mehr haben, alle haben Angst, dass Flüchtlinge ihnen etwas wegnehmen. Es muss sich etwas ändern, und darüber reden wir. Es darf nicht so weitergehen, nicht in Deutschland, nicht in der Welt. Die Jugend hat das erfasst. Darüber muss man sich freuen.“ Beim Erzählen spürt man, wie sehr diese Themen Esther Bejarano bewegen und erschüttern. Wie nah dran sie am Geschehen ist, trotz ihres hohen Alters. Eine engagierte Jugend, sagt Esther Bejarano, kann etwas ändern. Und sich dafür einsetzen, dass Krieg und Verfolgung, dass Rassendiskriminierung und Verfolgung nicht mehr passieren können.
Nach eineinhalb Stunden endet unser Telefonat. Nicht, weil es nichts mehr zu erzählen gäbe – der nächste Termin ruft. Leider. Ich bin zutiefst berührt von der unglaublichen Geschichte, die ich gerade gehört habe. Von der Klarheit und Bestimmtheit, mit der Esther Bejarano für ihre Überzeugungen eintritt. Ein Gefühl der Dringlichkeit nehme ich mit. Weil es viel zu tun gibt.
Es gibt Begegnungen und Gespräche, die sind wie ein Geschenk. Es gibt Geschichten, die bereichern und verändern. Die Eindringlichkeit, mit der Bejarano erzählt, minutiös, schonungslos, wach und ohne ein Detail auszulassen, hat mich tief beeindruckt. Noch mehr beeindruckt hat mich aber der Lebenswille, den ich spüren konnte, der Wille zur Versöhnung und die Entschlossenheit, dazu beizutragen, dass so etwas nie wieder passiert. Viele Zeitzeugen sind uns nicht geblieben. Erzählen wir also, als nächste Generation, ihre Geschichten weiter.

 

 

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