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Musiker über den Lockdown

Kulturschaffende auf der ganzen Welt sind von der Coronakrise stark betroffen, darunter zahlreiche Akkordeonistinnen und Akkordeonisten. Ihre Lebensbeschäftigung besteht meist vornehmlich aus Reisen und dem Kontakt mit Menschen, etwa mit dem Publikum, Kollegen und Schülern. Wie geht man damit um, wenn all das wegen der aktuellen Einschränkungen komplett und für nicht absehbare Zeit zum Stillstand kommt? Berufsmusiker sind in der Regel Freiberufler und somit massiv in ihrer Existenz bedroht. Neben der gesundheitlichen Gefährdung machen ihnen finanzielle Unsicherheiten Sorgen. Schafft man es in diesen schwierigen Zeiten, sich auf die Musik zu konzentrieren, ohne zu wissen, wann man damit wieder auf die Bühne darf? Ist künstlerische Produktivität im Internet eine Lösung? Jeder findet eigene Wege, mit der Situation umzugehen. Im Gespräch geben Musikerinnen und Musiker ganz persönliche Einblicke.

Text: Eva Zöllner; Fotos: Sabine Jakobs, Henning Bode, privat

 

Das Duo XAMP (Fanny Vicens und Jean-Etienne Sotty) aus Paris schreibt:

„Europa befindet sich seit Wochen im Lockdown, fast so, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen. Die abrupte Veränderung hat die Art und Weise verändert, wie Menschen die Zeit wahrnehmen. Gilt das auch für die Musiker? Musik kann die Wahrnehmung von Raum und Zeit verändern. Sie kann sie beschleunigen, so dass eine ganze Symphonie wie ein Blitz vorbeizieht. Andersherum hat sie die Kraft, die Zeit auszusetzen.
Mit dem Duo XAMP sind wir Partner auf der Bühne und im Leben, so haben wir das Glück, in diesen Zeiten zusammen musizieren zu können. Es scheint uns – trotz aller damit verbundenen Sorgen – günstig, um von neuen Projekten zu träumen: Das Verhältnis zur Zeit steht im Mittelpunkt unseres Projekts “Pulse”. Mit zwei elektrischen Akkordeons üben wir amerikanische Minimal Music, die uns beim Hören in eine Art Schwindel (Steve Reich) oder in meditative Kontemplation (Pauline Oliveros) versetzt. In der Musik von Pascale Criton für zwei mikrotonale Akkordeons scheint sich die Zeit unendlich zu dehnen, um das Innenleben des Klangs zu befreien.“

 

Annette Rießner aus Dießen am Ammersee sucht nach einer Möglichkeit, live mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Dabei hat sie eine kreative Lösung gefunden:

„Für dieses Jahr hatte ich mit vorgenommen, endlich als Solistin auf die Bühne zurückzukehren. Verschiedene Konzerte standen im Kalender, vor allem Kirchenkonzerte. Mein Instrument im sakralen Raum zum Klingen bringen, das war mein Wunsch. Dann kam dieser plötzliche Stopp, von jetzt auf gleich hieß es, den Alltag umorganisieren. Und da war die Erkenntnis, dass wir Kunstschaffenden wohl oder übel die letzten sein werden, die guten Gewissens ihren „Normalbetrieb“ wieder aufnehmen dürfen. Was also tun? Beim Üben ging immer der Blick in den Garten. Und irgendwann war da die Idee zu einem humoristischen Angebot für all diejenigen, die hier ohnehin jeden Tag vorbeikommen. Also habe ich einige Stücke ausgewählt, mit einem Preisvorschlag auf Schilder gedruckt und meine kleine Livekonzert-Jukebox an den Gartenzaun geschraubt. Für mich ist das eine wundervolle Möglichkeit, dran zu bleiben. Einfach weitermachen, spielen, jeden Tag, die Menschen am Zaun begrüßen, einen kurzen Plausch halten. Dazu sind in der Regel 15 bis 20 Euro Einnahmen in der Kasse. Das ist nicht viel, aber in der Summe doch einigermaßen okay. Das mache ich, bis die Coronapandemie wieder vorbei ist, oder vielleicht sogar noch länger. Mal sehen…“

 

Claudia Buder, Professorin für Akkordeon an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT in Weimar, nutzt die Unterbrechung des Hochschulalltags unter anderem für ein großes Projekt mit ihren Studierenden. Es ist dem Komponisten Georg Katzer gewidmet, der in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden wäre. Ihre Gedanken zur lehrenden und künstlerischen Tätigkeit in Zeiten des Coronavirus formuliert sie so:

„Change is a chance

Auf einmal war sie da, die Fermate: Ton für Ton löste sich in Stille auf und plötzlich klang alles ganz anders.

Aus dem Nichtsein formte sich ein Fragezeichen: Was zählt noch? Was ist essentiell?

Ein staunendes Ich schaut das Du nun anders an: Wie gehen Wir miteinander um? Wie verhalten wir uns zueinander?
Maßstäbe werden neu gesetzt. Wir üben Veränderung. Leben bedeutet Veränderung!
C’est la vie.

Aber dann musste ich doch an die Matrix denken. Plötzlich wurde das Leben komplett auf die digitale Ebene gestellt. Nun haben wir sie alle ausprobiert, die Plattformen für neue Abstraktionen: Doozzoo, Jitsi, Skype, Cisco Webex, Zoom …Konferenzen, Meetings, Online-Unterricht.

Und? Was bedeutet Lehre? Form follows function?

Es gilt, die Entsprechung im neuen Medium zu finden. Und es gilt, Präsenz zu erkennen. Es gibt da noch etwas zwischen 0 und 1, dass wesentlich für unser Leben ist.

Wer sucht …

Der Geist kann fliegen, doch der Körper ist immer noch hier auf der Erde. Und wieviel Zeit benötigt er zum Lernen! 300 000 ....?  Aber nichtsdestotrotz: Vom Gewohnheitstier zum Geistkämpfer. Das ist die Chance.

Jetzt!!“

 

An der Basis, bei den vielen Akkordeonschülern im ganzen Land, geht es ebenfalls weiter, per Onlineunterricht. Michael Wagner, Akkordeonlehrer an der Kreismusikschule in Altenkirchen, macht damit momentan Erfahrungen, die neben den offensichtlichen Einschränkungen einiges Potential erkennen lassen. „Die Schüler sind konzentriert bei der Sache, gut vorbereitet und sehr dankbar. Sie sitzen spielbereit und pünktlich vor den Bildschirmen. Anfängern helfen die Eltern“, sagt er im Gespräch. „Einen Vorteil bietet Literatur mit CD. Bei den jüngeren Schülern sind Stücke mit Text zur Orientierung hilfreich. Unterstützt wird der Unterricht mit Grafiken und Aufnahmen, die per Email zu den Schülern gelangen. Natürlich kann ein Videochat das gemeinsame Musizieren nicht auf Dauer ersetzen. Aber es ist eine Möglichkeit, die Arbeit fortzuführen.“ Als engagierter Pädagoge braucht Michael Wagner den Austausch mit seinen Schülern, das ist ihm in den letzten Wochen bewusst geworden. Immerhin: Der Akkordeonunterricht von zu Hause aus lässt auf beiden Seiten für einen Moment die Pandemie vergessen.

 

Die Klangkünstlerin Anja Kreysing aus Münster macht sich musikalische Gedanken für die Zeit danach: „Für mich kam die Coronakrise fast schon passend. Ich habe zum Glück keine Existenznöte dadurch. Es sind zwar ein paar spannende Konzerte verschoben worden, aber nach einer sehr erfüllten Zeit mit vielen Auftritten hatte ich ohnehin das Bedürfnis, mich mal wieder in Ruhe im Studio der Klangforschung zu widmen. In mir brodelten schon länger Ideen, für die ich nie Zeit fand. Die ruhigere Welt jetzt hat mir den Fokus auf diese Ideen erleichtert. Es wird kein spezielles Coronaprojekt geben, aber ich entwickle gerade neue Klangwelten aus Geräuschen, E-Gitarren und verrückten Effekten, in die ich mein geliebtes Akkordeon platzieren kann. Ich möchte daraus ein Album machen und damit dann quasi postapokalyptisch live auftreten, wenn das wieder möglich ist.“

Die Krise ist global. Für Beto Jamaica aus Kolumbien, einen der Vallenatostars des Landes, steht das Leben gleichermaßen still. Gerade hat er seine lange geplante Tournee in die USA abgesagt. Er nutzt die Zeit, um seine fünf Musikinstrumente zu reparieren, seine Aufnahmen aus den letzten 20 Jahren zu sortieren und einige neue Lieder zu komponieren. Er möchte Pläne machen, denn die Krise ist - so hofft er - nicht das Ende der Welt, selbst wenn jetzt in seinem Land die strengen Ausgangsbeschränkungen mehr Menschen in Hunger und Armut drängen. Er wünscht sich Zusammenhalt in der Welt, und dass die Pandemie uns lehrt, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

 

Und Viviane Chassot aus Basel nutzt die Pause in ihrem regen Konzertleben, um über die Zeit nachzudenken:

Oasen von Zeit

Erst der Schock.

Was eben noch so fern in China und Italien sich abspielte, wurde über Nacht auch in der Schweiz, auch für mich zur Realität.

So viele Fragen, Unsicherheiten, Ängste.

Der einzelne Atemzug,

der Moment als einzige Sicherheit.

Unmittelbares Sein.

Die Situation ist nicht zu ändern. Also Annehmen und das Beste daraus machen.

Ich habe plötzlich Zeit.

Oasen von Zeit.

Zeit, mich zurückzubesinnen aufs Wesentliche.

Zurückgeworfen auf mich selbst.

Rausgeworfen aus der Rast- und Ruhelosigkeit des Alltags.

Bewegung in der Natur.

Jetzt erst lerne ich meine eigene Stadt und Umgebung so richtig kennen.

In stundenlangen Spaziergängen auf neu entdeckten Pfaden.

Zeit, zu musizieren ohne Ziel.

Nichts müssen, nur dürfen.

Es zieht mich zu Bach.

Die Kraft und Klarheit von Bachs Musik hilft in Krisenzeiten.

Ich erarbeite Werke von ihm,

doch mir fehlt das Publikum.

Die Resonanz.

Der Wunsch, etwas beizutragen in diesen schwierigen Zeiten,

den Menschen Hoffnung zu geben.

Ich entschliesse mich, Aufnahmen von Bachs Werken bei Facebook zu posten.

Die Resonanz ist groß. Menschen brauchen die Musik, die Kunst in diesen Zeiten mehr denn je.

Das wird deutlich spürbar.

Und wir Musiker sind gefordert, uns dieser neuen Form der Vermittlung zu stellen.

 

Ich selbst schreibe diesen Beitrag Ende April. In dieser Saison wäre ich auf mehreren großen internationalen Festivals aufgetreten. Aktuell sind alle Projekte bis Oktober abgesagt, Tourneen nach Großbritannien, Dänemark, in die Niederlande und nach Kolumbien storniert. Das schmerzt. Ich vermisse die Bühne. Und sorge mich um mein Auskommen. In den Momenten, in denen ich mich nicht gelähmt fühle von diesen Gedanken, versuche ich, Auswege zu finden, für mich und die Musik. Erster Schritt: Minikonzerte für zwei Zuhörer. Es gilt, die Beschränkung zum Konzept zu machen, die zeitgenössische Musik trotzdem unter die Leute zu bringen. Das wirkliche Liveerlebnis kann nicht durchs Internet ersetzt werden, aber das Leben geht weiter.

Wenn die Krise vorbei ist, wird die Welt eine andere sein. Die Musik bleibt, und die Musiker hoffentlich ebenfalls. Dafür müssen alle sorgen, Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Die Akkordeonwelt ist bunt und vielfältig. Es ist zu hoffen, dass all diese wundervollen Künstler gut durch die Krise kommen. Wer die Musikszene unterstützen möchte, kann das auf vielfältige Weise tun: CDs direkt beim Künstler kaufen, bezahlte Eintrittskarten nicht erstatten lassen, Streaming-Aktionen nutzen, welche die Künstler per Bezahloption teilhaben lassen, und digitale Aufnahmen bei Bandcamp kaufen. Wertschätzung ausdrücken und dabei auf Gratis-Onlineangebote verzichten, denn mit Likes bezahlt niemand seine Miete... Und: Ins Konzert gehen, sobald das wieder möglich ist. Dann werden wir alle zu schätzen wissen, was uns lange gefehlt hat.

 

 

Fotos und BU:

1 BU: Duo XAMP, Paris (Foto: privat)

2 BU: Annette Rießner, Dießen (Foto: Sabine Jakobs)

3 Eva Zöllner, Wirges (Foto: Henning Bode)

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