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#30..Best of

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #30 vom Februar/März 2013

Klassisch schön

Die Variationen des Denis Patkovic

Text: Klaus Härtel; Fotos: Archiv Denis Patkovic

Denis Patkovic ist nicht nur ein wagemutiger und eigenwilliger Arrangeur, sondern auch ein brillanter Techniker und einfühlsamer Interpret. Seine „Goldmine Variations“ werden von der Presse bejubelt, und zwar nicht nur von der Akkordeon-Fachpresse. Dass man die Goldberg Variationen so noch nie gehört hat, ist definitiv ein großes Lob. Als „ein Meisterstück“ wird das Werk von den Fans bejubelt. Was den in Calw (Baden-Württemberg) geborenen Künstler aber auch ausmacht: Er ist ein Typ. Und auf Typen dieser Art hat die Szene gewartet. Dass er dazu auch noch optisch „etwas hermacht“, mag das Lob der Konzertbesucher und der Medien vielleicht verstärken – ohne Inhalte wäre das alles aber kurzlebig. Patkovic hebt das Akkordeonspiel in mehrfacher Hinsicht in höhere Sphären.

Patkovics Familie stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, was auch die Verbindung zum Instrument erklären könnte. Ein Faible hat der Akkordeonist für Fernost entwickelt ‒ für Japan, um genau zu sein. In Helsinki hat er studiert. Grenzen existieren für ihn nicht, vielmehr machen Grenzen den Musiker neugierig darauf, was hinter ihnen stecken möge. Klaus Härtel sprach mit dem Musiker über seine Variationen, seine Ziele und natürlich sein Instrument.

 

Vom Sheng zum Akkordeon

 

Herr Patkovic, Sie waren vor Kurzem in Japan und auf Twitter habe ich gelesen, dass Sie Japanisch lernen. Was verbindet Sie mit diesem Land? Was ist die Geschichte dahinter?

 

Zu Japan habe ich eine sehr spezielle Bindung. 2005 war ich das erste Mal dort und habe mich vom ersten Moment wie zu Hause gefühlt. Durch mein Doctor-of-Music-Studium in Helsinki und ein studentisches Austauschprogramm hatte ich die Möglichkeit, ein Jahr lang an der renommierten Universität Tokyo University of Fine Arts and Music das traditionelle japanische Instrument Sho zu studieren. Das Sho, im Chinesischen auch Sheng genannt, gilt übrigens als Mutterinstrument des Akkordeons. Ich wollte versuchen, die kulturellen Welten, die diese Instrumente verbinden, auch in meiner Arbeit zueinander finden zu lassen. Tatsächlich gibt es sogar Originalliteratur für Akkordeon, welche durch die traditionelle japanische Musik inspiriert wurde. Und natürlich war mein Aufenthalt in Japan auch jenseits meines akademisch-künstlerischen Auftrags eine unvergessliche Zeit, in der ich viele Freundschaften knüpfen konnte, die bis heute Bestand haben und mich immer wieder für Konzertreisen nach Japan führen.

 

Wie sind Sie eigentlich zum Akkordeon gekommen? Denn – etwas provokant ausgedrückt – das Instrument gehört ja nicht zwangsläufig zu den Dingen, die als „in“ gelten, oder?

 

Das würde ich gar nicht mal so sehen. Als Fünfjähriger fand ich es schon verdammt „cool“ Akkordeon zu spielen. Auf dem Balkan ist das Akkordeon das Hauptinstrument, es wird auf jedem Fest, jeder Hochzeit gespielt und verbindet alle Generationen. Für mich gab es seit dieser Zeit nur einen Wunsch: Ich wollte lernen Akkordeon zu spielen – und nichts anderes! Natürlich wächst mit den Jahren auch der musikalische Horizont. Und so führte es mich schließlich von den verhältnismäßig einfachen Strukturen der Musik des Balkans hin zu Meistern wie Bach, Piazzolla und Komponisten Neuer Musik.

 

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie mit dem Instrument anfingen? Und können Sie sich noch daran erinnern, was Stefan Hussong als Erstes zu Ihnen sagte?

 

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich mein erstes, altes, verrostetes rotes Akkordeon bekommen habe. Mir war der äußere Zustand ganz egal, ich war stolz auf dieses Instrument. Mir war von Beginn an bewusst, dass mich dieses Instrument mein Leben lang begleiten würde. In der Grundschule sollten wir einmal einen Fragebogen ausfüllen und aufschreiben, was wir später einmal werden möchten. Meine Antwort lautete schon damals: Akkordeonist. Mein Gott, wie langweilig, wenn alle um dich herum Rennfahrer und Astronauten werden wollen!

Aber so hatte ich die tolle Gelegenheit, mit sechzehn an der Hochschule für Musik aufgenommen zu werden. An seine ersten Worte kann ich mich nicht mehr erinnern, doch vor Kurzem habe ich Stefan Hussong mal gefragt, was er damals gedacht hat, als er mich das erste Mal sah und spielen hörte. Seine Worte waren: „Es gibt einiges bei diesem Jungen zu verbessern, doch er hat etwas Spezielles. Was es genau ist, muss herausgefunden werden.“ Naja, ich war zu dieser Zeit wirklich etwas speziell; lange Haare, Ohrringe und breite Baggypants. Man hätte nie erraten können, dass ich klassisches Akkordeon spiele.

 

Alt und Neu Image, Faszination, Vielseitigkeit

 

Ist es heute auch ein bisschen Ihr Anliegen, für das Image des Akkordeons zu „kämpfen“ oder als „Anwalt“ aufzutreten?

 

Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn nach meinen Konzerten überraschte Zuhörer auf mich zukommen und sich bedanken, weil sie Akkordeon so noch nie gehört haben. Ich sehe mich nicht als Kämpfer, eher als Künstler, der neue Wege geht, um das musikalische Verständnis seiner Zuhörer für dieses einzigartige Instrument zu gewinnen.

 

Worin liegt in Ihren Augen die Faszination?

 

Für mich kann ich es in einem Wort zusammenfassen: Vielseitigkeit! Ich finde noch heute nach all den Jahren neue musikalische Ausdrucksformen mit dem Akkordeon. Für die Menschen im Publikum kommt oft hinzu, dass das Akkordeon für sie noch exotisch ist. Jeder von ihnen kennt Stargeiger, Starpianisten, Starsänger, ja vielleicht sogar Starflötisten. Aber Starakkordeonisten? Wie erwähnt haben viele Menschen bei meinen Konzerten das erste Mal ein Akkordeon in einem Konzertsaal erlebt. Und es ist schön zu sehen, dass viele daraufhin auch immer wieder kommen. Ich denke, vor allem in Verbindung mit Orchester kann das Akkordeon sich heute noch ein viel breiteres Publikum erschließen. Gerade erst hatte ich das große Vergnügen, mit Michael Hofstetter und den Bremer Philharmonikern ein Symphoniekonzert zu geben. Eine Zusammenarbeit, die sich sicher fortsetzen wird.

 

Ihr Repertoire zeigt, dass mit dem Akkordeon immens viel möglich ist – Alte wie Neue Musik. Worin besteht für Sie der Reiz der jeweiligen Musik?

 

Speziell bei der Musik des Barocks liegt der Reiz darin, dass es zu dieser Zeit das Akkordeon noch nicht gegeben hat. Durch die beiden Manuale des klassischen Akkordeons ist es aber möglich, polyphone Musik darauf zu spielen, da es wie ein zweimanualiges Cembalo funktioniert, jedoch durch den Balg getrennt wird und somit auch eine Art Stereoeffekt erzielt werden kann. Aber ich will wirklich niemanden mit technischen Details langweilen. Nur der Eindruck, dass das Akkordeon der Musik des Barocks scheinbar zu einer erweiterten Dimensionalität verhilft, wird vom Publikum immer wieder geäußert. Nun, das ist zumindest von technischer Seite eine mögliche Erklärung dafür.

In der Neuen Musik kann das Instrument natürlich noch gezielter an seine Grenzen geführt werden. Schließlich wissen zeitgenössische Komponisten um die verschiedenen Balg- und Artikulationstechniken, Tonglissandos, Vibratos, Beeinflussung des Tones während der Klangphase, Cluster etc. Viele moderne Komponisten verwenden daher zunehmend das klassische Akkordeon und es zählt unter ihnen inzwischen sogar zu den wichtigsten Instrumenten des 21. Jahrhunderts.

 

Variationen über das Suchen und Finden

 

Gibt es – für Sie – Grenzen?

 

 

Kreative Grenzen gibt es mit diesem Instrument in meinen Augen eigentlich keine. Jeder Akkordeonist muss seinen eigenen Weg finden und versuchen, mit seiner Musikrichtung glücklich zu werden, sei es Volks-, Pop-, Unterhaltungsmusik oder eben, wie in meinem Fall, die Klassik. Das klassische Akkordeon selbst verfügt jedoch sehr wohl über Grenzen. Zum Beispiel ist Beethovens Musik auf dem Akkordeon leider nicht umsetzbar, da der Ton beim Verlassen der Taste aufhört zu klingen und wir keine Möglichkeit haben, ihn künstlich zu verlängern, wie es z. B. am Klavier durch das Betätigen des Pedals möglich ist.

 

 

Vor Kurzem ist nun Ihre neue CD „Gold Mine Variations“ erschienen. Stolz?

 

 

Diese CD ist für mich in der Tat etwas Besonderes. Das Programm „Gold Mine Variations“ hat mich inzwischen rund um den Globus geführt. Als noch Ehrungen wie der Europäische Solistenpreis hinzukamen, haben sich mir durch dieses Programm schließlich Möglichkeiten ergeben, von denen ein Akkordeonist für gewöhnlich nicht zu träumen wagt. Umso glücklicher bin ich, das Programm nun auf meinem eigenen Label wiederveröffentlichen zu können.

 

 

Erzählen Sie unseren Lesern doch kurz den Hintergrund dieser Aufnahme.

 

 

Das Hauptwerk der Aufnahme sind die Goldberg Variationen von J. S. Bach. Seit ich sie das erste Mal gehört hatte, ging mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, die Goldberg Variationen auf dem Akkordeon einzuspielen. Ich habe das Privileg, mit einigen der besten Akkordeonisten der Welt zusammenarbeiten zu dürfen. Also suchte ich ihren Rat, wie ich den Variationen begegnen sollte. Doch die meisten waren schon ob der Realisierbarkeit des Vorhabens skeptisch. Und in der Tat ist es ein mentaler wie physischer Kraftakt, die Goldberg Variationen auf dem Akkordeon zu interpretieren. Während meiner Konzerte verliere ich gut und gerne zwei Kilo … und während die Kollegen nach gelungenen Auftritten gerne einmal feiern gehen, nehme ich meist mit dem Hotelzimmer vorlieb. Doch ich will nicht jammern!

 

Es gibt bereits unzählige Aufnahmen von Bachs Variationen. Das Werk wurde von Cembalisten, Pianisten, Streichtrios und sogar Bläser-Quartetten aufgenommen. Und einige dieser Aufnahmen sind wirklich ausgesprochen gut. Doch das Letzte, an das Bach vor über 250 Jahren gedacht haben kann, als er die Goldberg Variationen schrieb, war deren Interpretation  auf dem Akkordeon. Immerhin gab es das Instrument zu seinen Lebzeiten ja noch gar nicht. Und doch sind seine Variationen wie geschaffen für das Akkordeon.

 

Schließlich lernte ich während eines Workshops Jukka Tiensuu kennen, verriet ihm mein Vorhaben und bat ihn, für mich Zwischenstücke zu Bachs Goldberg Variationen zu entwickeln. Es war in jeder Hinsicht ein Anflug von Größenwahn. Nicht nur, dass ich mich am Werk eines der größten klassischen Komponisten vergreifen wollte ‒ ich wollte mit Jukka Tiensuu auch noch einen der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Finnlands zu meinem Komplizen machen! Doch Jukka willigte ein. Die Arbeiten waren ein kreatives Fest; das Ergebnis webt sich heute in 14 Teilen zwischen Bachs Variationen und bildet eine Brücke zwischen der Musik Bachs und der Gegenwart. Wir waren uns nicht sicher, ob uns die Klassikwelt der Gotteslästerung bezichtigen würde oder ob zumindest ein paar Leute unser Ansinnen, die Adaption eines klassischen Werks auf einem zeitgenössischen Instrument durch die Kombination mit zeitgenössischer Komposition konsequent fortzuführen, erkennen würden. Nun, das Ergebnis ist bekannt und wir sind heute stolz und glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein. Unserer Neuauflage der „Gold Mine Variations“ haben wir übrigens eine Bonus-CD spendiert. Für all jene, die Bach gern auch pur und unberührt, ohne Jukkas Zwischenstücke, genießen wollen.

 

 

Was sind Ihre künftigen Projekte?

 

 

Auf meinen Konzertreisen habe ich erleben dürfen, wie offen die Klassikwelt für das Akkordeon ist und wie die Menschen dafür zu begeistern sind. Im Moment genieße ich meine Arbeit als Solist im Rahmen von Kammer- und Symphoniekonzerten. Es ist für alle Seiten – die Musiker, die Dirigenten, das Publikum – eine so bereichernde Erfahrung, das Akkordeon im Dienst eines Orchesters zu erleben, dass daraus sicher ein neues Kapitel meiner Arbeit erwachsen wird. Zudem hoffe ich, dass ich mir im kommenden Jahr einen gemeinsamen Wunsch mit Christopher Alder (neunfacher Grammy-Gewinner für seine Produktion für Künstler wie Anna Netrebko, Lang Lang und Jonas Kaufmann, Anm. d. Red.) erfüllen kann und gemeinsam mit ihm ein Album aufnehmen werde. Und außerdem ist es mir noch sowohl eine moralische Pflicht als auch ein großes Vergnügen, Stefan Hussongs Aufforderung nachzukommen, in Finnland endlich meinen Doctor of Music abzuschließen. Bitte schreiben Sie das, dass ich das gesagt habe, damit wir es bei unserem nächsten Treffen schwarz auf weiß haben! Nur damit nicht wieder ein einjähriger Abstecher nach Japan dazwischenkommt ...