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#26..Best of

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #26 vom Juni/Juli 2012

Das gewisse „oh là là“ der Lydie Auvray

Die „Grande Dame“ des populären Akkordeons blickt nach 35 Jahren Bühne, 30 Jahren „Auvrettes“ und 20 CDs zurück auf Karriere, Wegbegleiter und außergewöhnliche Erlebnisse.

Text: Dr. Thomas Eickhoff; Fotos: Volker Neumann, Westpark Music, Archiv Lydie Auvray

Man muss sie eigentlich nicht vorstellen – ihr Name ist geläufig, weckt Assoziationen und spricht für sich. Und für ihr Instrument. Wer spätestens seit Beginn der 80er-Jahre das Akkordeon in populären Kontexten der Medien wahrgenommen hat ‒ sei es im Fernsehen, Radio, in Zeitungen oder Magazinen – ist jener fröhlichen Akkordeonistin mit dem neckischen Lockenkopf und einer durchaus körperbetonten Bühnen-Nonchalance unweigerlich begegnet; man kam an Lydie Auvray einfach nicht vorbei ... Durch ihr eigensinniges Spiel und den vibrierenden Charme des Femininen, der stets ihre Performance umweht, hat sie dem Akkordeon auf eine gewisse, wohltuende Weise eine nicht unwesentliche Portion Sex-Appeal verliehen und das Instrument damit grundlegend vom Tand der bieder vor sich hin dudelnden Quetschkommoden-Artistik befreit.

Bei Lydie Auvray atmet die Balgluft im doppelten Sinne „natürlich“ französisches Flair, ohne dass die sattsam bekannte Musette-Musik in ausgetretenen Pfaden auf der Stelle tritt, indem die Ohren mit den gewöhnlich „triolisierenden“ Klangfloskeln überstrapaziert würden. Die Auvray weiß ihre Musik mit einer wohldosierten Prise Pop zu würzen, ohne sie einem oberflächlichen Akkordeon-Pop preiszugeben, der im kommerzträchtigen Fahrwasser des Mainstreams dahinplätschert und zu versickern droht. Dafür ist die Auvray-Stilistik doch zu vielseitig.

Es ist eher die geschmackvolle Mischung wohlfeiler Sounds, die sie zur populären Grande Dame ihres Instruments adelt, welches sie im besten Sinne in musikalisch erlesene wiewohl prominente Gesellschaft gebracht hat. Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst, denn höchst bekannte Künstler säumten den Weg der Lydie Auvray zu einer Zeit, als mancher bemühte Akkordeon-Aktivist sich noch in Tagträumen erging, sein zwar heiß geliebtes, aber oftmals doch verpöntes Instrument möge in den Erfolg versprechenden Medien-Olymp der öffentlichen Anerkennung aufsteigen. Lydie Auvray hatte es zu dieser Zeit schon geschafft, viele Skeptiker davon zu überzeugen, dass ihr Instrument zu mehr taugt, als man ihm seinerzeit zutraute. Schon früh demonstrierte sie mit ihrer sensiblen Orientierung in Richtung Weltmusik: „Es geht auch anders!“ Ohne Zweifel: Die Nobilitierung des populären, klischeebehafteten Akkordeons in der Öffentlichkeit, mit dem gewissen „oh là là“, ist in einem nicht unbeträchtlichen Maße Madame Auvray zuzuschreiben.

Wie es dazu kam, wer dabei war und welche Weichen auf diesem Weg gestellt wurden, das hat Lydie Auvray in ihrer freimütigen Art dem akkordeon magazin sehr lebendig und offen erzählt.

Liebe Lydie Auvray, ich hätte da noch ein paar Fragen ...

Sie beschreiben sich selbst als Mädchen aus „einfachen Verhältnissen“ ‒ spielen Sie deshalb Akkordeon?

Im Frankreich der 60er-Jahre spielten die Kinder aus besseren Verhältnissen Geige oder Klavier. Mein Vater war zuerst Arbeiter und machte sich dann selbstständig mit einer Karosseriewerksatt. Als es meinen Eltern finanziell besser ging, fragten sie uns, meine Schwester und mich, ob wir ein Hobby „betreiben“ möchten. Ich wollte zum Ballett. Meine Schwester war unschlüssig und fing auf Anregung meines Vaters an Akkordeon zu lernen. Diese Akkordeonschule war toll, die Lehrerin sehr rührig und engagiert, und es waren Kinder „wie wir“ dort. Das Ballett war damals eine sehr elitäre Sache. Ich fühlte mich dort deplatziert und hörte bald auf, um in die nette Musikschule zu wechseln.

 

Sie haben damals auch in einem Akkordeonorchester gespielt ...

Ich war ca. 8 bis 9 Jahre alt. Und dieses Akkordeonorchester war ganz anders als die, die man in Deutschland kennt. Wir sind ständig aufgetreten auf Blumenkorsos, Dorffesten, Weihnachtsfeiern.

Wir haben aktuelle Schlager gespielt, uns dabei verkleidet und auch dazu gesungen und getanzt. Wir hatten sehr viel Spaß dabei, die Eltern fuhren mit …

Natürlich spielten wir aber auch die klassischen Musette-Stücke und französischen Evergreens.

 

Mit 18 Jahren sind Sie nach Deutschland gekommen. Wie fühlten Sie sich als französische Akkordeonistin, die nunmehr in Berlin lebte?

Als ich in Berlin ankam, hatte man noch nie ein Musette-Akkordeon gesehen. Man kannte Musette auch nur von der Kommissar-Maigret-Filmmusik. Was für mich völlig normal war, war wohl für die anderen eine kleine Attraktion. Sehr viel später erzählten mir dann Kollegen, die damals schon berühmt waren, sie seien alle dorthin gekommen, in die Clubs, um diese Französin mit dem Knopfakkordeon zu sehen und zu hören, die ganz anders spielte als das, was man bis dahin unter Akkordeon kannte.

Man muss sich vorstellen: Es ist über 35 Jahre her! Man kannte weder Piazzolla, noch Cajun oder Zydeco, weder die nordbrasilianische Akkordeonmusik noch die Bajan spielenden russischen Studenten … Die Deutschen dachten bei Akkordeon an Volksmusik und Reeperbahn!

 

Mit dem bekannten Liedermacher Klaus Hoffmann haben Sie 1979 bei den Aufnahmen für seine LP „Westend“ zusammengearbeitet und zwei große Tourneen gemacht. Welche Eindrücke hinterließ diese Begegnung?

Die Zusammenarbeit mit Klaus war einfach nur schön und diese zwei Tourneen gehören zu meinen besten Erinnerungen. Ich liebte seine Lieder, die Band war gut und supernett, und Klaus der beste Chef überhaupt. Es war auch so, dass ich, kleine junge Folkmusikerin, damals ziemlich plötzlich in die Welt der großen Hallen und 5-Sterne-Hotels katapultiert wurde. Es war sehr aufregend. Musikalisch lernte ich in der Zeit in meinem ersten Metier, der Liedbegleitung, sehr viel dazu.

Klaus und ich sind über die Jahre hinweg immer gute Freunde geblieben. Ich war letztes Jahr bei seinem 60. Geburtstag im Friedrichstadtpalast mit dabei.

 

Sie waren immer wieder in der Liedermacher-Szene präsent – wie kam es zu dieser Verbindung?

Es fing alles damit an, dass ich meinen ersten Mann, Jürgen Slopianka, einen jungen Liedermacher, in die Berliner Clubs begleitete. Viele Kollegen aus der Berliner Szene und danach in der sogenannten „Folkszene“ wollten dann mit mir Musik machen: Stefan Stoppok, Thommie Bayer … 1979 dann Klaus Hoffmann. Bei einem Konzert von Klaus hatte mich Hannes Wader gesehen und fragte mich, ob ich auf seiner nächsten LP mitspielen wollte. Ich war ein großer Hannes-Fan, hatte Deutsch mit seinen Liedern gelernt und sagte nur zu gerne zu. Aus dieser LP wurden viele und ich spielte mehrere Jahre in Hannesʼ Band. Wir waren zusammen in Moskau, in Helsinki, Kopenhagen, Paris … Auch mit ihm verbindet mich eine langjährige Freundschaft.

Ich arbeitete u. a. aber auch mit Reinhard Mey und Georg Danzer und für Senta Berger schrieb ich sogar einige Lieder.

 

Ihre eigene Band „Die Auvrettes“ gründeten Sie 1982. Anfänge, Entwicklungen, Erfolge – wie war das damals, als alles begann?

1981 nahm ich meine erste LP „Première“ auf, ich hatte einfach Lust, meine Stücke aufzunehmen. Ich trommelte ein paar Freunde ins Studio zusammen und wir spielten drauflos. Unser Konzept: Es sollte anders sein, als das, was die französischen Akkordeonisten machten, keine „Tour-de France-Musik“, keine billige Unterhaltungsmusik. Es sollte moderner, geschmackvoller sein.

Ich wollte die Platte selber rausbringen. Die Plattenfirma von Hannes, PLÄNE, wollte sie jedoch gerne in Vertrieb nehmen und sie verkaufte sich schließlich zu meiner eigenen Überraschung sehr viel mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte. Plötzlich war ich im Fernsehen, im Radio und einige Veranstalter wollten Konzerte mit mir machen. So entstanden 1982 „Die Auvrettes“. Dann kam, auf Wunsch von PLÄNE, die zweite LP, dann die dritte ...

Wir spielten viel, ich lernte immer dazu, durch die Arbeit mit anderen und durch Ausprobieren von verschieden Stilen und Genres. Ich entdeckte immer mehr Möglichkeiten und Facetten meines Instrumentes. Kurz überlegte ich auch, Melodie-Bässe zu lernen, ließ es jedoch sein; mir wurde klar, dass ich das populäre Akkordeon liebe, so wie es ist, mit seinem Basssystem.

 

Und Ihre eindringlichsten, intensivsten musikalischen Erlebnisse – gibt es da interessante Anekdoten?

1989 habe ich bei einer Jacques-Brel-Retrospektive-Tournee mitgemacht. Verschiedene Interpreten sangen Brels Lieder in verschiedenen Sprachen, jeder auf seine Weise. Joana war dabei, natürlich Klaus Hoffmann, der große deutsche Brel-Interpret, Anna Egerova sang auf Tschechisch, Eva-Maria Hagen ... und der große Mort Schumann, der in meiner Jugend schon ein Star in Frankreich gewesen war, der schon Lieder für Elvis geschrieben hatte ... und der ein paar Jahre später viel zu früh starb.

Mort war nicht nur ein großartiger Künstler, sondern auch ein so netter Mensch. Wir haben uns auf Anhieb prächtig verstanden. Klaus, Mort und ich haben bei dieser Tournee viel gelacht und Spaß gehabt. Ich war stolz, ihn zu begleiten und bin glücklich, ihn gekannt zu haben.

Auf Martinique zu spielen, wo die Menschen mit der Musik regelrecht leben, war auch ein großartiges Erlebnis. Die Reaktionen waren überwältigend. Bevor ich das erste Mal dort war, hatte ich schon „Cré au lait“ geschrieben, ein Stück, das sehr an den „Biguines“ aus den französischen Antillen erinnert. Alle waren erstaunt und begeistert, dass eine Europäerin diese Musik, ihre Rhythmen, spielen kann!

Ja und dann natürlich Rio, dort war ich mit Stefan Remmler. Durch unsere Arbeit dort wir drehten die Videos zu seiner LP „Lotto“ hatten wir eine ganz andere Annäherung an das Land, besuchten Orte und lernten Menschen kennen, die ein Tourist nicht zu Gesicht bekommt. Die Zeit war intensiv, die Menschen und die Stadt beeindruckend. Ich habe viele tolle, aber auch nachdenkliche Erinnerungen daran. Nach der Reise schrieb ich zum Beispiel „Le paradis“ ein Lied, in dem es um die Straßenkinder von Rio geht und darum, dass dieses „Paradies“ eben nicht für alle eines ist, die dort leben ...

 

Pop, Jazz, Folklore, Klassik, Chanson oder Folk? Wo positioniert sich Lydie Auvray eigentlich musikalisch?

Irgendwo dazwischen, vielleicht im weitesten Sinne Weltmusik. Ich komme von Musette, Tango und Chanson, bin mit Pop und Rock aufgewachsen, höre Jazz und Klassik. Ich sammle überall, auch auf Reisen, Eindrücke, die ich nachher in eigenen Stücken unbewusst verarbeite.

Auf jeden Fall habe ich das Glück, dass ich immer die Musik gemacht habe, die ich wollte. Ich kann auch nur das vertreten, was ich wirklich bin und fühle. Authentizität und Lockerheit bei dem, was man tut, sind sehr wichtig. Wenn man zu verkrampft an was rangeht, kann es nicht klappen. Ich verstehe mich mit meinen wunderbaren Musikern so gut, dass wir entspannt spielen. Das merken die Zuhörer.

 

Welche Verbindung haben Sie zu Ihrem Instrument, dem Akkordeon? Was bedeutet es für Sie, wohin trägt es Sie, wohin gehen Sie mit ihm?

Wir sind ein Paar seit bald 50 Jahren. Es ist mein „dicker Bauch“, ich halte es in den Armen ... Wir haben eine intensive Beziehung. Oft sagen Zuschauer zu mir, wir würden Eins sein auf der Bühne; wenn ich mit ihm tanze, würde man auch nicht merken, wie schwer so ein Akkordeon ist! Ich liebe es, weil ich gerade mit diesem Balg, der Seele des Akkordeons, so viel ausdrücken kann. Dazu ein Auszug aus meinem Lied „Java en --on“, eine Art Hommage an mein Instrument, wo ich dies ausdrücke:

 

Il sait crier quand nous pleurons                  Es weiß zu schreien, wenn wir weinen,

Séduire ou rire comme nous voulons            Zu bezirzen und zu lachen wie wir wollen

C’est un vrai caméléon,                                 Es ist ein wahres Chamäleon,

Un bouffon fanfaron, un gai luron,               Ein prahlerischer Spitzbube, ein lustiger Bursche,

Un fripon, qui vous donne des frissons         Ein Schelm, der euch mithilfe seiner Halbtöne

A grand renfort de demi-tons                        Gänsehaut verursachen kann.

 

Wie stellen Sie sich Ihre eigene Zukunft und die des Akkordeons vor?

Ich hoffe, dass ich noch lange spielen und auftreten kann, denn ich liebe diesen Beruf nach 35 Jahren immer noch so. Die Menschen mit meiner Musik offensichtlich zu erfreuen und glücklich zu machen, ist für mich das Schönste. Ich sehe mich allerdings nicht nur als Instrumentalistin, sondern mehr als Musikerin und Komponistin. Es ging mir immer um die Musik, nie um Technik oder Virtuosität.

Die Stärke des Instrumentes liegt, wie ich schon sagte, in seinen immensen Ausdrucksmöglichkeiten; der Balg fasziniert mich, er erzeugt nicht nur die nötige Luft, um den Ton zu bilden, sondern er lässt den Ton leben. Ein Akkordeon kann einen wirklich zum Weinen bringen oder fröhlich einstimmen ... Was könnte besser sein?

Wenn es nur nicht so schwer wäre! Ich habe ja das Glück, dass die Firma PIGINI mir dieses wunderbare Einzelstück gebaut hat, bei dem versucht wurde, es so leicht wie möglich zu machen ... trotzdem bleibt es „Arbeit“, Akkordeon zu spielen!

Ich glaube schon, dass das Akkordeon eine Zukunft hat. Es gibt so viele junge, talentierte Akkordeonisten, in jedem Bereich: ob Popularmusik, Jazz oder Klassik. Es kommen auch viele junge Leute in meine Konzerte und kaufen meine Notenhefte. Es freut mich immer besonders zu merken, dass ich ein klein wenig dazu beigetragen habe, dass das Akkordeon auflebt.

 

Die Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin und Moderatorin Elke Heidenreich,  widmete ihrer Freundin Lydie Auvray folgenden Text:

Mädchen mit Akkordeon.

Über Lydie Auvray

Die einfachen Verhältnisse, aus denen wir beide stammen, Lydie und ich, erlaubten es nicht, dass musikalische kleine Mädchen ein Klavier bekamen. Ein Klavier war zu teuer und hätte in der Wohnung gar keinen Platz gehabt. Also bekamen wir jede ein Akkordeon, ich im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre ein diatonisches, sie in den 60ern an der französischen Normandieküste ein chromatisches, ohne dass wir damals gewusst hätten, was genau das ist: diatonisch und chromatisch. Heute wissen wir es: mit meinem kann man gar nichts Rechtes anfangen, mit ihrem alles. Es tanzt und perlt und schluchzt und singt, aber das tut es natürlich auch, weil ich immer nur eine Dilettantin war und Lydie immer schon eine Meisterin. Ich mache ein bisschen Musik, Lydie ist Musik, Musik ist ihr Leben, sie ist Künstlerin durch und durch, und das habe ich neidlos anerkannt und gespürt, als ich sie zum allerersten Mal traf, vor fast zwanzig Jahren. Ich kenne all ihre Stücke, ich habe sie und ihre Band oft im Konzert erlebt, und immer wieder sitze ich da und staune, was sie alles kann, wie sie Herzen brechen und wieder reparieren kann mit ihrer Musik, ich wundere mich darüber, wie diese zarte Person so einen Haarschwall und so ein schweres Instrument derart leicht tragen kann und wie sie sich biegt und wiegt und uns glücklich macht. Ihre Musik ist sehr französisch und sehr kreolisch, sehr melancholisch und sehr frech und heiter, und neulich traf ich einen ganz berühmten, sehr klugen und erfolgreichen Mann und fragte ihn, was sein größter Wunsch wäre. Er schloss die Augen und sagte, ohne zu wissen, dass Lydie und ich uns überhaupt kennen: „Ich wünschte, ich könnte Akkordeon spielen wie Lydie Auvray!“

Das wünschte ich mir auch!