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#25..Best of

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #25 vom April/Mai 2012

Mit einer Phalanx von Festival- und Wettbewerbserfolgen erweist sich der 19-jährige Matthias Matzke als einer der brillantesten Akkordeonvirtuosen seiner Generation – und damit als Hoffnungsträger seines Instruments.

Text: Dr. Thomas Eickhoff; Fotos: Archiv Matthias Matzke

„Wirbelwind an den Tasten“ nennt man ihn immer wieder – und das sicherlich zu Recht. Der 19-jährige Matthias Matzke verkörpert mit sensibler Musikalität und stupender Virtuosität jenen medientauglichen Künstlertypus, der für ein erfrischend dynamisches, modernes und ausgesprochen junges Akkordeon-Image steht. Gutaussehend, im Umgang freundlich, nie überheblich, im Gespräch eloquent und über das Musikalische hinaus intelligent ‒ durch all diese Attribute scheint Matthias Matzke das Zeug für eine werbewirksame Idealfigur des Akkordeonspielers von heute zu haben. Keine Spur von Biederkeit oder Langeweile – das durch den jungen Virtuosen verjüngte Akkordeon fegt mit frischem Wind auch das letzte Klischee der Schweineorgel hinweg und könnte selbst bei Verächtern die Lust daran neu entfachen. Da läge es gar nicht so fern, dass man Akkordeons womöglich noch auf Hochglanzseiten wohlfeiler Illustrierten bestaunen könnte, hätte man den blonden Sunnyboy Matthias als, formulieren wirʼs mal kühn, adrett juveniles „Akkordeon-Model“ zur Seite. Wenngleich Skeptiker hier vielleicht den Hautgout reißerischer Lifestyle-Phrasen assoziieren mögen, dürfte fernab des optischen Oberflächenglanzes indes außer Frage stehen: Matthias Matzke zählt zweifellos zu den brillantesten Akkordeonisten der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, deren musikalisches Talent das Licht der Akkordeonwelt in deutschen Landen erblickte. Seit Langem vermochte kein Akkordeonist aus Deutschland im internationalen Festivalbetrieb und Wettbewerbsvergleich mit einer derartigen musikalischen Vielfalt und Dichte an Höchstplatzierungen zu reüssieren. Diese mit dem Brustton seriöser Überzeugung verkündete Einschätzung wird schlichtweg durch die simple Aufzählung einschlägiger Fakten untermauert.

Erfolgsserie ‒ ohne Ende

Neben mehrfachen ersten Preisen auf Landesebene gewann Matthias Matzke 2006 den Bundeswettbewerb beim Deutschen Akkordeon Musikpreis in virtuoser Unterhaltungsmusik. Beim Bundeswettbewerb des Deutschen Akkordeon Musikpreises 2009 wurde er sowohl in der Kategorie „Virtuose Unterhaltungsmusik“ als auch in der Kategorie „Solo Altersgruppe IV“ (konzertante Musik) erster Preisträger und bekam für die höchste Punktzahl des Wettbewerbs den Ehrenpreis des damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger. 2007 und 2010 erhielt er jeweils den ersten Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Ein besonderes Erlebnis waren im Juni 2008 vier Konzerte beim Burgfestival in Ankara, zu denen er vom Goethe-Institut in Ankara und vom Deutschen Musikrat eingeladen worden war. Im Oktober 2008 gewann Matthias Matzke in der Kategorie „Klassische Musik“ den zweiten Preis beim 33. Internationalen Akkordeonwettbewerb und Festival „Città di Castelfidardo“ in Italien, einem der angesehensten und traditionsreichsten Akkordeonwettbewerbe. Als weitere Auszeichnung erhielt Matthias im November 2008 den Leonberger Jugendmusikpreis und durfte bei der Preisverleihung als Solist mit dem Landesjugendorchester Baden-Württemberg spielen. Im Juli 2009 folgte ein Open-Air-Konzert mit dem LJO im Schloss Kapfenburg in Lauchheim.

Auch die elektronische Musik fasziniert den jungen Virtuosen. Er erhielt 2009 beim Roland V-Accordion Festival für Deutschland und Österreich in Hamburg den ersten Preis in der Juniorenkategorie und wurde „Kid of the Keys 2009“ (Gesamtsieger) bei dem Kreativitätswettbewerb Kids2Keys der IFET e. V. (Initiative für elektronische Tasteninstrumente). Seither wurde er auch öfters von der Firma Roland für Auftritte, wie der „Night of Keys“ auf der Musikmesse Frankfurt, engagiert und gewann 2011 erneut das nationale Finale des V-Accordion Festivals, dieses Mal in der Erwachsenenkategorie. Beim internationalen Finale des Wettbewerbs in Rom belegte er den zweiten Platz.

2011 durfte er als einer von sechs Kandidaten aus sechs Ländern bei dem beeindruckenden Wettbewerb für virtuose Unterhaltungsmusik „Primus Ikaalinen“ teilnehmen. In einer live übertragenen TV-Show spielen hier die Teilnehmer im Rahmen des Sata-Häme Soi Festivals in Ikaalinen in Finnland mit Unterstützung einer Band. Als zweitjüngster und noch nicht professioneller Teilnehmer errang Matzke den dritten Platz.

Ebenfalls 2011 gewann er in Shanghai den ersten Preis beim 64. Coupe Mondiale der Confédération Internationale des Accordéonistes in der Kategorie „Junior Virtuoso Entertainment“. Beim selben Wettbewerb erreichte er den achten Platz von 18 Teilnehmern in der Juniorenkategorie für konzertante Musik.

Erfreulich: Trotz dieser Phalanx von Erfolgen hat Matthias Matzke stets festen Boden unter den Füßen behalten und sich vor künstlerischer Überheblichkeit oder eitler Attitüde verwahrt.

Musikalische Erkund(ig)ungen

Im Gespräch mit dem jungen Hoffnungsträger des Akkordeons hat sich das akkordeon magazin eingehender auf Spurensuche begeben – von den künstlerischen Anfängen Matthias Matzkes bis zu seinen internationalen Erfolgen ...

Matthias, unausweichlich scheint zu Beginn eines Gesprächs immer das Auskundschaften gewisser Ursprünge, Impulse und Entwicklungen bei einem Künstler zu sein. Gerade wenn jemand ‒ wie du ‒ erst 19 Jahre alt ist und mit gut sechs Jahren angefangen hat Akkordeon zu spielen, kann der Zeitraum musikalischer Entwicklungen höchstens 13 Jahre umfassen. Eine verhältnismäßig kurze Zeit, die bei dir äußerst erfüllt zu sein scheint durch mannigfaltige Aktivitäten und Erfolge. Gehen wir zurück an die Anfänge deiner außergewöhnlichen Akkordeonkarriere – wo würdest du bei der Frage nach der musikalischen Initialzündung ansetzen?

In meinen Anfangsjahren waren es mit Sicherheit mehrere Faktoren, die in mir den Funken zum Glimmen brachten; eine richtige Initialzündung gab es in diesem Sinne also gar nicht. Ich schätze, nach etwa anderthalb Jahren Unterricht war ich schon sehr vom Musizieren begeistert und hatte den Start überstanden. Zum Akkordeon gekommen bin ich durch meinen Vater, der in meiner Kindheit noch ziemlich viel Musik gemacht hat ‒ hauptsächlich Tanzmusik und Schlager. Von meinem Vater war ich in vieler Hinsicht begeistert und wollte ihm nacheifern. Also lag es für mich nahe, nach einer musikalischen Früherziehung am Glockenspiel zu der Concerto I zu greifen, die wir von Papas jungen Jahren noch auf dem Dachboden hatten. Die Romanze war nicht augenblicklich perfekt, anfangs musste man mich manchmal ein wenig zum Üben „zwingen“: Ohne eine halbe Stunde Akkordeon am Tag gab es abends kein Sandmännchen im Fernsehen. Meist um sechs ging dann das große Geplärre los und ich erinnere mich, dass ich eine Zeit lang wirklich mein Akkordeon verflucht habe. Heute bin ich mir sehr sicher, dass es wichtig ist, Kindern einen gewissen Rahmen zu setzen, den sie in ihrem Tag für die Musik reservieren müssen, und kann meinen Eltern dankbar sein, in dieser Phase etwas Geduld mit mir gehabt zu haben. Sehr bald habe ich nämlich eingesehen, dass ich mich ohnehin nicht um die halbe Stunde drücken kann, und dann dachte ich mir: „Wenn du die Zeit ohnehin absitzen musst, kannst du ja wenigstens versuchen, Spaß dabei zu haben.“ Es kamen erste Erfolge, die mir Aufwind verschafften. Bei Auftritten und Schülervorspielen entdeckte ich, dass ich mich entwickelte, dass ich mit der Musik etwas erreichen konnte. Öfters stand ich dann mit Unterhaltungsmusik auf der Bühne, die Auftritte mussten vorbereitet werden und ich verbrachte mehr und mehr Zeit mit meinem Akkordeon. In dieser Zeit – ich dürfte neun gewesen sein – hat mich dann auch der Ehrgeiz gepackt: Ich wollte besser Akkordeon spielen als mein Vater und war ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Nachdem ich „Auf der Autobahn“ im selben Tempo wie er spielen konnte, liefen in unserem Haus die „Tanzenden Finger“, gespielt von meinem Jugendidol Christa Behnke, hoch und runter  ‒ und ich saß vor der Stereoanlage und gab krampfhaft mein Bestes, die ersten zwei Zeilen (mehr war zunächst nicht von Bedeutung) mitzuspielen. Nachdem auch diese Hürde überwunden war, ging es Schlag auf Schlag; andauernd musste ich mich nach einem neuen „Kick“ umsehen, einen Tag ohne Musik gab es kaum mehr.

Das also ist meine Geschichte, wie ich von der seltenen chronischen Akkordeonsucht infiziert wurde. Bis dato konnte kein Gegenmittel für die Symptome, die meinen Alltag sowie mein menschliches Umfeld schwerwiegend betreffen, gefunden werden. Außer einer Amputation aller befallenen zehn Finger ...

Wenn man so will, hattest du in Anatoli Lick einen prägenden Lehrer „russischer Schule“, der dich maßgeblich auf den künstlerischen Weg gebracht hat. Was hast du bei ihm gelernt, welche spezifischen Erfahrungen, Anregungen, Inspirationen haben die musikalische Ausbildung bei ihm in charakteristischer Weise gekennzeichnet? Was hast du ihm zu verdanken?

Herrn Lick habe ich viel zu verdanken, ich zehre heute immer noch von meinem Grundstock, den er gelegt hat. Von Anfang an hat er mich fasziniert: Er war groß, immer lässig drauf und konnte einfach sein Instrument umschnallen und improvisieren – das war für mich ein Musiker aus Fleisch und Blut! Herr Lick konnte mich hervorragend motivieren. Vor meinem ersten DAM 2003 saß ich bibbernd vor dem Vorspielraum, da kam er und sagte zu mir: „Mach alle fertig da drin!“ Das hat mich angestachelt. Ich habe mindestens doppelt so schnell gespielt als jemals zuvor! Das war zwar nicht nur positiv, aber am Ende konnte ich mich über einen ausgezeichneten vierten Platz freuen. Beim DAM 2006 habe ich dann bei einem Jurygespräch zu hören bekommen: „Der Bach war kein Bach, der Scarlatti kein Scarlatti. Du machst aus allem einen Matzke, Matthias!“ Im klassischen Sinne ist es natürlich nicht gut, einen Scarlatti wie eine französische Schnellpolka zu interpretieren, aber für mich war das die richtige Strategie. Obwohl er es gekonnt hätte, nervte mich Herr Lick nicht damit, ein Stück bis zur Perfektion durchzukauen oder bis ins Detail zu interpretieren. Sein Leitmotiv war: „Jeder Mensch hat eine eigene Brille.“ Und so durfte ich alles spielen, was ich wollte und (in etwa) wie ich es wollte. Und wenn ich keine Lust mehr darauf hatte, fingen wir etwas Neues an. So kam ich rasend schnell voran und lernte wöchentlich neue Stücke. Die Abwechslung tat mir gut, denn ich fand es als kleiner Knirps reizvoller, ein neues Stück zu spielen, als ein altbekanntes besser zu spielen. Natürlich blieb meine Musikalität auf diese Weise etwas auf der Strecke, aber später, als ich etwas reifer war, konnte ich meine Versäumnisse auf diesem Gebiet viel schneller nachholen, als es mir als Kind möglich gewesen wäre. Dabei möchte ich nicht sagen, dass ich von Herrn Lick nicht gelernt hätte, schön zu spielen! Eine Lehre, die ich von Herrn Lick habe, prägt mein Spiel bis heute: Er hat mir beigebracht, in Bildern oder innerlich ablaufenden Filmen zu spielen: „Matthias, du spielst ein Butterbrot, ich brauche einen Teller Erbsen!“ Ich habe zu jedem meiner Stücke eine Story, sozusagen ein Programm, und jede kompositorische Eigenart wirkt sich auf die Handlung darin aus. Zu moderner Komposition schreibe ich heute sogar ganze Aufsätze, die allerdings bitte niemals jemand lesen darf, weil ich ansonsten befürchten müsste, dass mich keiner mehr ernst nimmt!!!

Ohne Umschweife und falsche Bescheidenheit kann man dich allein hinsichtlich deiner Wettbewerbsplatzierungen als ausgesprochen erfolgreich bezeichnen – das Wettbewerbsszenario ist für dich weltweit gegenwärtig, du spielst Akkordeon auf internationalem Parkett. Wie erlebst du diese Erfolge, welche Erfahrungen haben sich bei dir vor allem eingeprägt?

Wettbewerbe motivieren mich, Erfolge wie auch ... halt, Stopp! ‒ Ich glaube, es gibt bei einem Wettbewerb keine Misserfolge! Wenn ich es recht weiß, waren gerade die Wettbewerbe, die ich nicht gewonnen habe (dazu zählen nicht nur die frühen), diejenigen, welche mich am meisten motiviert haben. Man geht dann nach Hause und sieht, dass es doch noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Man fühlt, dass man nicht alleine ist, dass es Gleichgesinnte gibt, die genauso ticken und Zeit in ihr Instrument investieren, anstatt Stunden vor dem Bildschirm zu sitzen. Und man sieht als Wettbewerbsteilnehmer, was die anderen aus ihren Investitionen machen und dass es gut ist. Auch wenn für mich der 14. Platz bei meinem ersten internationalen Wettbewerb in Castelfidardo kein Gewinn war, hat er mich in den letzten Jahren vermutlich am meisten motiviert, weil ich erkannt habe, dass alle vor mir keinesfalls unerreichbar oder übermenschlich sind. Zwei Jahre darauf wurde ich beim selben Wettbewerb Zweiter, das war eine enorme Motivation: So nah am Ziel und doch noch nicht die Gelegenheit, um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen! Jetzt, als Gewinner des „Coupe Mondiale“ in der Kategorie „Junior Virtuoso Entertainment“, sehe ich eine große Verantwortung, diesem Titel alle Ehre zu machen und auch als Erwachsener Schritt zu halten. Allerdings hat sich meine Einstellung zu Wettbewerben geändert. Während ich früher noch sehr sportlich dachte: „Ich will der Beste werden!“, gehe ich heute auf Wettbewerbe, um Kontakte zu knüpfen und Bekannte aus der ganzen Welt wiederzusehen, die mir durch ihr Spiel wiederum Anregungen verschaffen. Ich finde, wir können uns in der Akkordeonszene sehr glücklich schätzen, denn wir haben eine wundervoll familiäre Atmosphäre unter Konkurrenten. Anstelle einer „Ellenbogen-Eminenz“ haben wir eher das Gefühl, alle zusammenzugehören und für unser Instrument zu spielen. Vielleicht liegt das daran, dass wir eine eher kleine Szene repräsentieren. Jedenfalls macht es riesig Spaß, nach jedem Wettbewerb wieder nach Hause zu kommen und sich über eine Menge neuer musikalischer, zwischenmenschlicher und interkultureller Erfahrungen zu freuen.

Es ist schon sehr, sehr lange her, wenn ich mich überhaupt daran erinnern kann, dass sich ein deutscher Spitzenakkordeonist – zumal deiner Altersklasse ‒ derart versiert auf den Brettern internationaler Bühnen bewegt hat und mit solch einem brillant dargebotenen Virtuosen-Repertoire auftrumpfen konnte. Zahlreichen jungen Kollegen bei Festivals und Wettbewerben zu begegnen bedeutet für dich auch immer eine Begegnung mit verschiedenen Nationen. Wie erlebst du dich als deutschen Akkordeonisten im internationalen Vergleich?

Ich finde, wir deutschen Akkordeonisten brauchen uns auf keinen Fall zu verstecken! Das Niveau, das zum Beispiel unsere ersten Preisträger von „Jugend musiziert“ aufbringen, kann ohne Zweifel im internationalen Vergleich bestehen. Einen Nachteil sehe ich für uns höchstens in der musikalischen Ausbildung. Viele junge Akkordeonisten aus anderen Ländern beginnen schon viel früher mit ihrem Musikstudium, als es uns in Deutschland möglich ist, und haben schon von klein auf Unterricht an der Hochschule. Dafür fühle ich mich vielleicht etwas freier; wenn ich zu einem Wettbewerb fahre, tu ich das, um meinem Hobby nachzukommen, nicht weil ich darauf angewiesen bin, um später Karriere machen zu können, und weil ich von allen Seiten her den Erfolgsdruck habe. Dabei muss ich Vorurteilen entgegen aber hinzufügen, dass in China oder Russland auch nicht kleine Kinder im Alter von sechs Jahren auf ein Internat kommen, um vom Staat acht Stunden zum Üben gezwungen zu werden und Wettbewerbe zu gewinnen, zumindest ist mir davon kein Fall bekannt. Auch in anderen Ländern geht man zur Schule und hat außer der Musik noch andere Hobbys. Wobei ich finde, dass die deutsche Schulbildung und auch die Möglichkeit, bei uns hervorragend Sprachen zu lernen, sehr dazu beiträgt, internationalen Anschluss zu finden! Dass man häufiger Akkordeonisten aus Osteuropa an der Spitze sieht, liegt eventuell daran, dass sich von denen viel mehr zu solchen Wettbewerben trauen, beziehungsweise von vornherein eine größere Auswahl an Akkordeonisten aus dem Land vorliegt. Also, werte Freunde der Musik – raus aus den Federn!

Gibt es für dich Idole? Welche Akkordeongrößen legendären Kalibers zählen zu deinen Vorbildern, wer inspiriert dich, wem möchtest du nacheifern?

Natürlich gibt es für mich Idole, ich bin mir sicher, dass jeder – ganz egal was er tut ‒ ein Vorbild braucht, das ihn inspiriert und motiviert. Meine größten Idole sind jedoch weniger die richtigen Stars wie Richard Galliano oder Frank Marocco, sondern vielmehr die Menschen aus meinem direkten Umfeld. Meine größten Vorbilder sind meine Lehrer, Hans-Günther Kölz und Frédéric Deschamps am Akkordeon und Martin Rosengarten am Klavier. Ich sehe sie oft und kann mich mit ihnen identifizieren; außerdem ist es realistischer, mich zunächst an „greifbaren“ Zielen zu orientieren, denn nur über diese kann der Weg zu den Legenden, die auch Vorbilder meiner Lehrer sind, führen. Sehr inspirierend finde ich aber auch viele andere Akkordeonspieler, die in etwa auf meinem Niveau spielen. Fast jeder hat eine persönliche Stärke, die man insgeheim beneidet und an der man sich orientieren kann. Ich habe auf meinem Weg eine enorme Menge beeindruckender Musiker getroffen, denen ich in einer Eigenschaft nacheifere. Selbstverständlich beschränken sich meine Vorbilder nicht nur auf die Akkordeonszene, sondern schließen Musiker auf anderen Instrumenten oder ganz unmusikalische Menschen, die einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, mit ein. Ein einziges Idol, von dem ich sagen kann, ich möchte am liebsten eine Eins-zu-eins-Kopie davon werden, gibt es für mich nicht; ich picke mir von jedem die Rosinen heraus! Wobei spontane Musiker auf mich eine besondere Anziehungskraft haben. Frank Marocco zieht sich Improvisationen und Arrangements in einer Perfektion aus der Nase, dass man sie sofort aufschreiben oder auf eine CD brennen könnte und selbst Laien und keine Jazzer damit begeistern kann. Ich selbst bin noch ein totaler Anfänger in Sachen Improvisation. Musiker, die das können, verdienen meinen Respekt und ermuntern mich, so zu werden wie sie.

Nun zur unvermeidlichen Literaturfrage: Wie und wo bewegst du dich im Spannungsfeld von Klassik, Pop, Jazz, Unterhaltungsmusik? Welche Wünsche würdest du an Komponisten herantragen, die dir ein Werk auf den Leib schreiben wollen?

Die Literaturfrage habe ich für mich selbst noch nicht eindeutig geklärt. Mit der Musik geht es mir noch schlimmer als mit dem Essen: Mir schmeckt einfach alles ‒ und wenn es am Anfang noch nicht schmeckt, dann komm ich nach ein paarmal daran riechen ziemlich schnell auf den Geschmack! Ich höre jede erdenkliche Art von Musik und spiele auch wirklich alles, ohne dabei Vorlieben für eine bestimmte Stilistik zu haben. Da ich aber, wie schon gesagt, beim Spielen sehr viel in Bildern denke, liebe ich Filmmusik und Romantik, vor allem beim Hören. Technisch mag ich Stücke, die an mein Limit gehen und mich beim Üben herausfordern. Auf der Bühne liebe ich Musik, mit der ich meine Zuhörer mitreißen kann; egal ob mit spritziger Unterhaltungsmusik und schiefer Grimasse oder tieftraurigen Werken, die unter die Haut fahren. Ich liebe es, Emotionen in meiner Musik unterbringen zu können und vollkommen in ihr einzutauchen. Bei guter Konzertatmosphäre verausgabe ich mich daher auch gerne und komme komplett nass geschwitzt von der Bühne! Derzeit ist einer meiner Lieblingskomponisten Franck Angelis – unter seiner Musik kann ich mir sehr viel vorstellen, er komponiert modern und doch im Rahmen der traditionellen Harmonik und verbindet Elemente aus Jazz und Latin mit konzertantem Akkordeon. Seine Komposition „Impasse“ steht auf meiner Hitliste ganz oben; mit einer Komposition, die sich daran orientiert und auch gerne eine Fusion von Popular- und Konzertmusik ist, könnte man mich sofort fangen!

Seit geraumer Zeit exponierst du dich auch als virtuoser Spieler digitaler Instrumente mit großem Erfolg; beim ROLAND V-Accordion-Bundesentscheid in Berlin 2011 konntest du dich für das internationale Finale in Rom qualifizieren, wo du schließlich einen hervorragenden zweiten Platz einheimsen konntest – mit nur 0,6 Punkten Abstand zum Erstplatzierten! Welche Möglichkeiten, Perspektiven siehst du in der Verbreitung des Digital-Akkordeons?

Nach einem Solokonzert, das ich üblicherweise in der ersten Hälfte mit meinem akustischen, in der zweiten mit meinem V-Accordion gestalte, kommen häufig Konzertbesucher zu mir und meinen: „Diese elektronische Musik fasziniert Sie, richtig? Das merkt man Ihnen an, das macht Ihnen mehr Spaß!“ Dann kann ich immer nur eingeschränkt zustimmen. Witzigerweise spiele ich in der zweiten Halbzeit meistens leichtere „Sonnenscheinmusik“ und sitze eine Dreiviertelstunde grinsend auf der Bühne, was zu diesem Trugschluss führen kann. Tatsächlich kann man mit Digital-Akkordeons eine große Vielfalt und eine Menge unterhaltender Effekte in seine Performance packen, das macht riesig Spaß! Gleich vorweg muss ich aber sagen, dass mir ein Digital-Akkordeon auf dem derzeitigen Stand der Technik noch nicht das Spielgefühl bieten kann, dass mir ein akustisches gibt. Daher kann ich auch nicht so sehr damit verschmelzen und meine Gefühle in feinsten Nuancen ausdrücken. Außer abends, wenn ich wegen des Kopfhöreranschlusses damit übe, würde ich aber auch niemals auf die Idee kommen, für diesen Zweck ein Digital-Akkordeon zu verwenden. Es hat einen komplett anderen Verwendungszweck und kann für mich kein natürliches Instrument ersetzen. Dafür kann mir aber auch kein akustisches Instrument mein V-Accordion ersetzen! Ich mag es sehr, Arrangements auf dieses neue Instrument zuzuschneidern und damit die Möglichkeiten des Akkordeonspiels elektronisch noch weiter auszureizen. Auf einmal habe ich die Möglichkeit, Stücke zu orchestrieren. Als Akkordeonist denkt man ja ohnehin sehr orchestral, am V-Accordion kann man sich in dieser Hinsicht austoben! Auch ganz klassische Akkordeonliteratur verstehe ich oft besser, wenn ich sie just for fun einmal auf dem Digital-Akkordeon gespielt habe und mir überlegt habe, an welcher Stelle welcher Effekt und welche Soundwahl passen würden. Im letzten Jahrhundert wurde das Akkordeon durch die E-Orgel und Keyboards leider aus der Popmusik zurückgedrängt – warum? Weil man in unterschiedlichen Besetzungen möglichst flexibel sein muss und kurzfristig auf eine große Vielfalt von Sounds zurückgreifen muss. Das wird nun sehr transportabel ermöglicht und durch den Balg erhält man das ausdruckstärkste Keyboard, das ich mir vorstellen kann! Zuhörer und vor allem Akkordeonlaien schätzen die Abwechslung, die durch die Klangvielfalt dieses Instruments meine Konzerte bereichert. Ich habe beobachtet, dass einige Akkordeonanfänger nach kurzer Zeit auf Keyboard umsteigen, um nach ca. zwei Jahren das Musizieren dann völlig aufzugeben. Ich denke, durch Digital-Akkordeons kann man einen Teil dieser Jugend, die gerne „fetziger“ und farbenfroher musizieren möchte, abfangen und in reiferem Alter eventuell wieder zum klassischen Akkordeon zurückführen.

Hast du ein künstlerisches Credo? Welche musikalischen Ziele hast du vor Augen und Ohren? Oder scheint es gar übertrieben, einen 19-jährigen Akkordeonvirtuosen zu fragen, ob er bereits Visionen hat?

Ich glaube, für Visionen und Träume ist man niemals zu jung. Ich hatte von Anfang an immer bestimmte Ziele vor Augen und habe auch nie an der Möglichkeit gezweifelt, diese umsetzen zu können. So saß mein Vater abends häufig noch am Keyboard und ich habe im Bett die Tasten klappern hören und mir vorgestellt, wie ich eines Tages selbst mit meinem Instrument vor dem Publikum stehen und für Stimmung sorgen kann. Ich habe kein endgültiges Ziel vor Augen; in der Musik kann man niemals von sich behaupten, sich zu Ende entwickelt zu haben. Außerdem verändert man gerade im jungen Alter am laufenden Band seine eigenen Vorlieben und Visionen. Wenn ich heute noch ein Bühnenmusiker sein möchte, könnte es sein, dass ich es bald schon weit interessanter finde, vor einem Orchester zu stehen oder Werke für Akkordeonorchester zu arrangieren. Meine nächsten Ziele sind erst einmal, meine musikalische Spontaneität zu verbessern und Improvisationserfahrung zu sammeln. Höchstwahrscheinlich werde ich nächstes Semester mein Studium am Hohner-Konservatorium beginnen, danach würde ich gerne so aktiv wie möglich von der Musik leben, eventuell eine private Musikschule eröffnen, aber hauptsächlich mit Auftritten und Bandprojekten meinen Alltag bestreiten. Von einer eigenen Band träume ich schon länger, aber weil ich solistisch so viel unterwegs war, hatte ich bisher nie Zeit dafür. Ich möchte immer vielseitig bleiben, mich nicht auf eine Stilistik festnageln müssen, denn diese Abwechslung macht das Musizieren für mich interessant! Und eigentlich möchte ich auch lieber ein Musiker bleiben, der mehr vor Laien spielt als vor Fachpublikum, denn hier liegt die große begeisterungsfähige Masse, die zugegebenmaßen zwar weniger kritisch ist, aber dennoch sehr spezielle Anforderungen gerade an Vielseitigkeit hat und doch auf eine gewisse Weise schwerer mit Instrumentalmusik in den Bann zu ziehen ist. Das Akkordeon, noch mehr das V-Accordion, sorgt in diesen Kreisen ohnehin immer wieder für Überraschungen und ich liebe es einfach, mit längst abgetragenen Klischees aufzuräumen. Alles in allem ist mein großer Wunsch für meine musikalische Zukunft, dass ich immer die Art von Musik spielen kann, die mich bewegt, und niemals den Spaß am Akkordeon verliere, auch wenn ich einmal finanziell davon abhängig sein sollte. Ich möchte dazu beitragen, gerade junge Musiker wieder mehr für das Akkordeon zu begeistern und dabei vielleicht ein Vorbild zu werden, aber immer auch einer von ihnen zu bleiben. Ich möchte vielen den Spaß am Akkordeon zugänglich machen und ihnen meine Philosophie vorleben können!