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#24..Best of

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #24 vom Februar/März 2012

Vorwärts zu den Wurzeln, zurück in die Zukunft!

Das Duo Nebl & Nebl ‒ Klarinette & Akkordeon

Text: Dr. Thomas Eickhoff; Fotos: Archiv Nebl & Nebl

Professionelle klassische Besetzungen mit Akkordeon gibt es in letzter Zeit immer wieder – aber nur sehr wenige, die über Jahre erfolgreich als festes Ensemble zusammen spielen. Zu diesen Ausnahmen gehört das Duo Nebl & Nebl.

Dass es so gekommen ist, verdanken die Brüder Frank und Andreas Nebl zum einen einer fundierten solistischen Ausbildung, zum anderen ihrem offenen Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln und ihrer gleichzeitigen Offenheit gegenüber den verschiedensten Kulturzweigen. Für die beiden international ausgezeichneten Kammermusiker gehören inzwischen das klassische Repertoire, die zeitgenössische Musik, der Tango und auch weite Teile der Weltmusik zu den zentralen Ausdrucksformen ihrer Konzerte.

Trotz ihrer klassischen Bildung haben die beiden  immer jener Kraft vertraut, „aus sich eigenartig“ zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und sich einzuverleiben. Die Balance zwischen historischer Bildung und dem Glück als Musiker ‒ als Mensch überhaupt ‒ „unhistorisch“ empfinden zu können, ist seit Jahren die Maxime der beiden Ausnahmemusiker; Form und Moment, Vorbereiten und Improvisieren, sich in diesen mitunter breit angelegten Spannungsfeldern zu bewegen – darin bestand das angestrebte Ideal des künstlerischen Ausdrucks von Nebl & Nebl.

Frank Nebl ist seit vielen Jahren Soloklarinettist an der Badischen Staatsoper Karlsruhe.

Andreas Nebl gilt aufgrund seiner weitläufig bekannten Tätigkeiten als Kammermusiker – u. a. auch mit seiner Ehefrau, der ehemaligen Mundharmonikaweltmeisterin Naoko Nebl (geb. Takeuchi), – durch seine pädagogische Arbeit als Dozent am Trossinger Konservatorium sowie als Fachjuror bei nationalen und internationalen Wettbewerben seit Jahren als einer der bekanntesten und vielseitigsten Akkordeonisten im deutschsprachigen Raum. Sein Fachvortrag zur Musikästhetik anlässlich des Internationalen Akkordeonwettbewerbs in Klingenthal 2011 blieb nachhaltig in den Köpfen der internationalen Akkordeonwelt haften.

Im Gespräch mit Andreas & Frank Nebl

Eine musikalische Formation zweier Brüder – aus welchen spezifischen Konstellationen ist das Duo Nebl & Nebl eigentlich entstanden – über die biologisch gegebene „Verbrüderung“ hinaus?

F. N.: Wir hatten als Brüder tatsächlich viele Möglichkeiten, gemeinsam zu musizieren und uns dabei in den verschiedensten Stilen auszuprobieren. Die Idee mit dem Duo kam aber erst viel später. Dass wir als klassische Musiker so gut zueinander passen, hat aber weniger mit unserer „Bruderschaft“ zu tun – meiner Meinung nach mehr mit den Lehrern, die uns am meisten geprägt haben. Bei Hugo Noth und Hans-D. Klaus stand immer im Vordergrund, als Transmitter den Willen des Komponisten zum Zuhörer zu tragen. Was wollte der Komponist? Wie kann ich das am besten ausdrücken? Deshalb klingt Nebl & Nebl auch bei jedem Stück anders. Und außerdem macht es die Arbeit unheimlich interessant.

Wie verlief der jeweilige musikalische Werdegang des Akkordeonisten Andreas und des Klarinettisten Frank?

F. N.: Nachdem ich in meiner Jugend Klarinetten- und Saxofonunterricht genommen hatte, absolvierte ich meine Studien in Detmold und Stuttgart. Währenddessen war ich zeitweise Akademist bei den drei großen Münchner Orchestern – große Verbundenheit habe ich bis heute zum Bayerischen Staatsorchester, wo ich regelmäßig als Soloklarinettist gastiere; 1998 kam ich als Soloklarinettist an die Staatsphilharmonie Halle/Saale und 2003 in gleicher Position zur Staatskapelle Karlsruhe. Seit 2005 habe ich einen Lehrauftrag an der Musikhochschule Stuttgart inne.

A. N.: Ich hatte bereits mit jungen Jahren Akkordeonunterricht, bald darauf Klavier-, später auch Kirchenorgelunterricht. Am Gymnasium folgte der Musik-Leistungskurs, später Studien am Hohner-Konservatorium, an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen sowie am Cherubini Konservatorium in Florenz (I) . Seither gab es zahlreiche pädagogische, kammermusikalische sowie auch solistische Tätigkeiten in Konzerten, Theater, Rundfunk und Fernsehen. Das vielschichtige Ausprobieren und Improvisieren in verschiedenen Formationen ‒ ob Avantgarde, Klassik oder Unterhaltungsmusik ‒ würde ich ebenso als sehr wesentlich auf dem Weg zur musikalischen Erhellung betrachten. Seit 2003 unterrichte ich am Hohner-Konservatorium in Trossingen das Hauptfach Akkordeon und Kammermusik.

Die Kriterien bei der Wahl des Instruments …?

F. N.: Andreasʼ erster Akkordeonlehrer unterrichtete neben dem Akkordeon auch Klarinette. Irgendwie hat es mich da damals hingezogen. Ein paar Jahre später lernte Andreas einen sehr guten Klarinettisten kennen, der ihn sowohl musikalisch als auch persönlich begeisterte. Eigentlich hat Andreas mich dahin geschickt ‒ worüber ich heute noch dankbar bin. Dieser Lehrer hat mich damals schon sehr tief in die Materie Musik und Klarinette eingeführt. Das Studium (mit Hauptfach Klarinette) war vorgezeichnet – ganz ehrlich: Ich hatte keine Wahl; die Klarinette ist mein Leben.

A. N.: Mein „Traumberuf“ war früher der des Kapellmeisters. Lange Zeit schwankte ich dann tatsächlich zwischen dem Klavier und dem Akkordeon. Mit 17, 18 Jahren hatte ich eine sehr gute Klavierlehrerin, bei der ich damals schon Beethoven-Sonaten, Chopin-Polonaisen und Ähnliches spielen durfte. Außerdem beschäftigten mich ganz offen gestanden lange Zeit große Zweifel daran, ob man denn mit dem Akkordeon im klassischen Sinne überhaupt „anständig“ musizieren könne! Ein Glücksmoment war für mich dann das Kennenlernen der Scarlatti/Soler-CD von Hugo Noth. Diese CD schenkte mir damals den Glauben, dass man sich auch mit dem Akkordeon an klassische Kompositionen ernsthaft annähern kann. Das „Körperliche“ des Akkordeons, die innewohnende Dynamik, war für mich immer schon faszinierend.

Was bedeutet in musikalischer Hinsicht, aus sich „eigenartig“ zu wachsen und sich menschlich „unhistorisch“ zu empfinden?

A. N.: Das wurden für mich mit der Zeit sehr zentrale Themenbereiche. Ich habe in meinem jungen Leben nach und nach bemerkt, dass Erlebnisse aus der Kindheit, aus der Jugend und auch später für meinen Kontakt zur Musik ebenso – und in gewisser Hinsicht auf eine viel fundamentalere Art ‒ prägend waren, wie meine Zeit an bestimmten Schulen, Konservatorien oder Hochschulen. Ich meine, ein verbundenes Bewusstsein für das eigene Leben ist die glückliche Basis für den Zugang zur Musik, denn der innere Prozess, das ist letztlich die eigentliche menschliche Bildung. Musik hat in meinen Augen sehr viel mit der Verbindung zur eigenen Natur, mit dem von Beginn an tagtäglichen eigenen Er-wachsen zu tun. Natürlich gehört auch das Aufsaugen von intelligentem Vorgekautem von Lehrpersonen oder Büchern zum Erwachsenwerden dazu. Frank und ich haben seit unserer Kindheit eine sehr intensive Beziehung zur Volksmusik. Wir kannten damals mindestens 50 Formationen, haben sie mit großer Liebe rauf und runter gehört, und hatten davon einzelne Instrumentalisten immer wieder in Wort-, Laut- und Körpersprache begeistert „analysiert“, und sei es den Bassisten, der bei einer Polka zwei Töne pro Takt spielt. Es war für uns im Nachhinein betrachtet ein völlig „unhistorischer“ Zugang, ohne Vorwissen, ohne von einer Schule gesetzten Maßstab ‒ es gab nichts Vergangenes „von außen“ zu beachten oder zu verleugnen – irgendwo die pure Kammermusik. So, meine ich, haben wir im musikalischen Sinne sehr starke Wurzeln bekommen, die es uns heute erlauben, uns vieles andere aus der Vergangenheit Überlieferte einzuverleiben bzw. es auch vergessen zu können,  und es nicht – im intellektuellen Sinne – unnötig zu kritisieren oder darüber zu diskutieren.

Wie sieht der Akkordeonist sein eigenes Instrument? Wird das eine Liebeserklärung ...?

A. N.: Ein Musikinstrument selbst hat ja doch zunächst auch nur eine Liebeserklärung verdient! Beim Akkordeon ist das atmende Moment des Balges, das nahe am Körper Liegende für mich tagtäglich die wesentliche Inspiration zum Spielen. Die ganzkörperlichen komplexen Bewegungsabläufe erlauben sehr viel Differenzierung. Die stärkste Wirkung hat das Akkordeon für mich tatsächlich in der Verbindung mit anderen Instrumenten. Sein Grundklang hat etwas Offenes, Ergänzendes, er verhält sich in der Kammermusik manchmal wie ein Chamäleon, so unterschiedliche Farben können plötzlich entstehen. ‒ Allerdings, die akkordeonistische Gesellschaft selbst ist mir ehrlich gesagt manchmal ein bisschen zu eng. Das so verbindende gemeinsame „leidende Außenseitertum“ steht mir immer wieder zu sehr im Vordergrund, das penetrante Ringen um Anerkennung quer durch alle Verbände ist in meinen Augen eine regelmäßige Sackgasse ‒ denn wer findet schon Sympathie für Leute, die sich ständig anbiedern …? – Nein, ich glaube an sehr persönliche Visionen, an unabhängige Gedanken, an Aufbruch, an einen persönlichen Weg, der möglichst uneitel und konsequent, auch manchmal (!) ohne nach links und rechts zu schauen, einfach gegangen werden muss. Davon bin ich nach meinen bislang gemachten Erfahrungen zutiefst überzeugt.

Auf welche Weise „funktioniert“ ein Klarinette-Akkordeon-Duo? Worin bestehen die klanglichen Eigentümlichkeiten dieser Instrumenten-Mischung?

F. N.: Da beide Instrumente eine relativ ähnliche Tonerzeugung haben (Zunge/Blatt wird durch einen Luftstrom in Schwingung gebracht), besteht die Möglichkeit, in bestimmten Lagen (und bei geeigneter Registrierung) sehr ähnlich zu klingen. Da gibt es ganze Werke, die diesen Aspekt im Vordergrund haben, wo der Hörer nicht genau weiß, welches Instrument gerade spielt. Das ist ein tolles Spiel zwischen Verschmelzung und, im Gegensatz dazu,  totaler Abgrenzung – man muss schon jederzeit wissen, welche Rolle man gerade hat. Die klanglichen Möglichkeiten unseres Duos sind unbegrenzt; jederzeit die richtige Mischung, den richtigen „Ton“ zu treffen – dieses Suchen und Finden erfüllt mich sehr.

Nebl & Nebl ist ein Kammermusik-Duo. Welchen Stellenwert hat das Akkordeon überhaupt in der Welt der Kammermusik?

A. N.: Der Kontakt mit anderen Instrumenten ist aus meiner Sicht der Hauptweg aus der Isolation der Akkordeonmusik. Die von so vielen Institutionen hochgehaltene zeitgenössische Musik wird dies allerdings alleine nicht richten können, dafür ist ihr Zirkel zu klein. Aus politischen Gründen ist das Bekenntnis zur Neuen Musik sicherlich unerlässlich, denn zumindest in Deutschland wäre das Akkordeon ohne sie an kaum einer Musikhochschule vertreten. Darüber hinaus aber brauchen wir aus meiner Sicht viel mehr neue, unerhörte Instrumentierungen mit Akkordeon von gesellschaftlich relevanter, längst gewachsener Musik. Es braucht intelligente Köpfe, die vor allem die Kunst der kreativen Instrumentation können. Ich meine schon, dass wir bislang zu eindimensional denken, indem wir uns meist nur Stücke für Orgel oder Klavier aneignen. Deshalb sollte der verständliche Ruf nach der Zusammenarbeit mit Komponisten um ein Vielfaches ergänzt werden, durch die Zusammenarbeit mit Instrumentieren bzw. Bearbeitern, die in vorhandenen Meisterwerken die Klangquelle Akkordeon in geschickter Weise mit anderen Instrumenten verbindet. Aktuelle Beispiele sind Hans Zenders kammermusikalische Instrumentierung bzw. Re-Komposition von Schuberts „Winterreise“, Manuel Hidalgos Bearbeitung von Ludwig van Beethovens Hammerklaviersonate, bei der er aus dem 5. Satz „Introduktion und Fuge“ ein faszinierendes Instrumentalkonzert für Akkordeon und Orchester gemacht hat. Ich denke auch an das Ensemble Amarcord Wien, oder – in aller Bescheidenheit – auch an unser Duo: Wir spielen seit ein paar Konzerten mit großer Resonanz ein größeres Bachʼsches Präludium aus einer Englischen Suite mit einer hinzugefügten Solostimme für Klarinette.

 Wo sind für Andreas und Frank Nebl außerhalb des Duo-Spiels die zentralen Wirkungsfelder, welche Projekte üben einen besonderen Reiz aus?

F. N.: Mein zentrales Wirkungsfeld ist meine Arbeit am Staatstheater Karlsruhe; einen besonderen Reiz verspüre ich, dort in der Kammermusikreihe Werke aufführen/erarbeiten zu dürfen, von denen ich früher im Studium geträumt habe. – Im März 2012 spiele ich das Sextett von Penderecki und im April 2012 als besonderes Highlight das Klarinettenquintett von Johannes Brahms.

A. N.: Die musikalische Zusammenarbeit mit meiner Frau hat für mich sicherlich einen sehr großen Stellenwert. Ein besonderer Reiz ist für mich die pädagogische Vermittlung von Musik. Bei meiner Tätigkeit in Trossingen, aber auch bei vielen anderen Kursen hat der Umgang mit Studierenden, im Solounterricht, in der Kammermusik bzw. im Ensemblespiel für mich fundamental wichtige Bedeutung. Akkordeonisten zu vermitteln, dass es beim täglichen Umgang mit der auf dem Schoß liegenden Holzkiste Akkordeon nicht in erster Linie um das Akkordeon geht, sondern um etwas Übergeordnetes: die Musik ‒ dies ist gewissermaßen mein tägliches Mantra ... ‒ Jüngst habe ich auch wieder das Dirigieren für mich entdeckt. Es entsteht gerade eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem französischen Akkordeonpädagogen Frédéric Deschamps. Neben solistischen und kammermusikalischen Projekten haben wir mit unseren motiviertesten Studenten ein Orchester gebildet, das WHAO (World Hohner Accordion Orchestra), dessen erster großer Auftritt vor Kurzem beim Coupe Mondiale in Shanghai stattfand. Mit 15 Akkordeonisten einen transparenten Klang zu formen, ist aufs Neue eine große Herausforderung, die mir selbst, gerade mit diesen begabten Solisten, große Freude und auch neue Erkenntnisse bereitet.

Was wünscht der Klarinettist dem Akkordeon – und was der Akkordeonist seinem eigenen Instrument? Ein Schlusswort mit Ausblick …

F. N.: Ich denke, das Akkordeon ist auf einem guten Weg – natürlich wünscht man sich, die Entwicklung würde schneller gehen. Eigentlich möchte ich, dass andere Instrumentalisten offener und selbstverständlicher mit dem Akkordeon umgehen. Da habe ich aber gute Hoffnung, weil die sogenannte „Neue Musik“ nicht so sehr in Schemen und festen Formen denkt wie der gesamte Rest der Musikgeschichte.

A. N.: Ich wünsche dem Akkordeon auf Dauer, dass es mehr Spieler geben wird, die zu dem, was sie mit ihrem Instrument anstellen, stehen können. Ich wünsche dem Instrument vor allem aber auch Instrumentenbauer, Spieler, Komponisten und Pädagogen, die es verstehen, jeder in seinem Bereich und seinem Bereich entsprechend, natürliche Resonanz zu erzeugen.

  Hier ist ein YouTube-Video mit Nebl & Nebl

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