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#22..Best of

Dieser Artikel stammt aus akkordeon_magazin, Heft #22 vom Oktober/November 2011

Vincenzo Abbracciante –

Akkordeon-Maestro mit Grandezza

Text: Dr. Thomas Eickhoff; Fotos: Archiv

Vincenzo Abbracciante – allein der Klang dieses Namens scheint dem für Italianità empfänglichen Ohr zu schmeicheln, gar Assoziationen mit den belkantesken Helden der Opern italienischer Maestri wie Verdi, Puccini, Bellini (der ebenfalls Vincenzo heißt!) zu wecken. Allerdings ist Vincenzo Abbracciante kein fiktiver Held einer italienischen Oper, sondern real und gegenwärtig, gleichwohl ein Held italienischer Grandezza, indem er sein Instrument ‒ das Akkordeon – meisterlich beherrscht und ästhetisch nobilitiert. Voll Temperament und Verve spielt Abbracciante virtuos, souverän und nicht nur auf italienischem, sondern auch auf internationalem Parkett – von Singapur über Indonesien bis Los Angeles und zurück. Er scheint keine Grenzen zu kennen – weder geografisch, noch auf dem Globus der musikalischen Genres, und erst recht nicht in spieltechnischer Hinsicht; in unbändigem „Espressivo“ bedient er sich akkordeonistisch der ganzen Bandbreite musikalischer Klangfarben und lotet auch diese grenzenlos aus. Ein vielseitiger Vollblutmusiker des Akkordeons, dem das musikalische Talent für sein Instrument mit „in die Wiege gelegt wurde“, so möchte man meinen. Bei aller Euphorie keine unberechtigte Mutmaßung, wie im Werdegang Vincenzo Abbracciantes deutlich wird ...

Erfolgreiche Anfänge

Vincenzo Abbracciante wurde 1983 in Ostuni in der apulischen Provinz Brindisi geboren. Wie in seiner Familie üblich, begann er als Kind Akkordeon zu spielen und erhielt die ersten Unterrichtsstunden auf dem Instrument bei Maestro Annibale Sanese. Überdies widmete sich Vincenzo schon im Alter von acht Jahren mit seinem Vater Franco dem Musikstudium. Das außerordentliche Talent zeitigte früh Erfolge bei nationalen Wettbewerben. Während seiner musikalischen Studien spielte er in verschiedenen Tanzlokalen Süditaliens, wo er – von instinktiver musikalischer Neugier getrieben – sein Faible für Improvisatorisches entdeckte; mit den ersten Improvisationen über populäre Melodien löste er bei den tanzenden Zuhörern großes Erstaunen aus: Die gewohnten Lieblingslieder waren in Abbracciantes virtuosen Akkordeon-Improvisationen offenbar nicht mehr wiederzuerkennen!

Akkordeon-Varieté von Welt

Im Jahr 1998 bewegte sich Abbracciante im Rahmen von Wettbewerben erstmalig auf internationalem Parkett und nahm an den Weltmeisterschaften teil. Dort gelang es ihm, seine wachsende Leidenschaft für Unterhaltungsmusik in die teils neu geschaffenen Wettbewerbssparten für Unterhaltungsmusik („Varieté“) erfolgreich einzubringen. Neben den klassisch ausgerichteten Wettbewerbssektionen kam mit dem Genre „Virtuose Unterhaltungsmusik“ bei den großen Traditionsveranstaltungen einen Hauch von Frische in das Akkordeon-Repertoire, das mit Abbracciante nunmehr einen seiner größten italienischen Repräsentanten aufweisen konnte. Um diese fingerflitzend „artistische“ Akkordeonstilistik zu vertiefen, beschloss Virtuose Vincenzo in jener Zeit, für circa zwei Jahre die Kurse von Jacques Mornet (Saint-Sauves dʼAuvergne/Frankreich) und Gianluca Pica (Anagni/Italien) zu besuchen.

Im Jahr 2000 lud ihn Giancarlo Borsini dazu ein, als neuer „Testimonial“ für die Firma „Borsini Akkordeons“ zu fungieren. Auf diesem Wege eröffnete sich für Abbracciante spontan die Möglichkeit, auch im Ausland (Deutschland und England) zu konzertieren und insgesamt drei CDs mit Varieté- bzw. Unterhaltungsmusik einzuspielen.

Eine Krönung erfuhr Abbracciantes virtuose Kunst beim 25. Internationalen Wettbewerb von Castelfidardo im Jahr 2000 mit der Erstplatzierung in der Junioren-Kategorie „Virtuose Unterhaltungsmusik“. Wer sich einen lebhaften Eindruck vom höchstrangigen Kaliber außerordentlicher Akkordeonkunst im Genre der virtuosen Unterhaltungsmusik vergegenwärtigen möchte, der sollte sich bei YouTube die Aufnahme von Abbracciantes Auftritt beim Akkordeon Festival im niederländischen Hoogezand-Sappemeer aus dem Jahre 2004 ansehen; mit der Interpretation von „Sur un Air de Migliavacca“ legt Abbracciante hier ein typisches Virtuosenstück in derart atemberaubender Bravour hin, dass er als Piano-Akkordeonist (!) das in der Regel allenfalls von Knopfakkordeonisten erreichte Niveau wie ein über den Dingen schwebender „Akkordeon-Gott“ sogar noch überflügelt - !

Improvisatorische Freiheiten

Abbracciantes früh aufkeimende Lust an der Improvisation, wie sie sich bereits beim Spielen italienischer Tanzmelodien in Süditalien Bahn gebrochen hatte, verstärkte sich zunehmend. Der Drang, sich immer mehr improvisatorisch und damit frei von fixierter Notation musikalisch zu verwirklichen, wurde zur maßgeblichen künstlerischen Notwendigkeit. Abbracciante entfernte sich daher stetig von der virtuosen Unterhaltungsmusik und konzentrierte sich voll und ganz auf ein Genre, das bis in die Gegenwart das Zentrum seiner Akkordeonistik bildet: Jazz.

Bereits während seiner Kindheit, als er noch fleißig die virtuosen Werke von Wolmer Beltrami studierte, war Abbracciante mit Jazz in Berührung gekommen. Als er dann zufällig eine Plattenscheibe von Dexter Gordon beim Zeitungshändler kaufte, hatte er jene „Erleuchtung“, die seither zum musikalischen Leitstern wurde. Noch im Jahr 2000 nahm er an einer Jam-Session teil, wo er Antonio Di Lorenzo (Schlagzeuger) und Davide Penta (Bass) kennenlernte; mit ihnen gründete er die neue Formation „I Tangheri“. So begann im Jahr 2001 – nach langer Suche als Autodidakt in jazzharmonischen und -rhythmischen Experimentierfeldern und Stilen der Improvisation ‒ für Abbracciante eine neue Epoche. Und das wiederum erfolgreich: Hatte er im Jahr 2000 bereits den 25. Internationalen Wettbewerb Città di Castelfidardo gewonnen, bescherte ihm seine „Jazz-Forschung“ im Jahr 2003 den Sieg des „Trophée Mondial“ und damit die Trophäe des 53. Wettbewerbs des Internationalen Akkordeonistenverbands (CMA). Obwohl jazzorientiert, hatte Abbracciante ‒ nunmehr als Teilnehmer in der „Senioren-Kategorie“ Varieté ‒ die Jury mit einem improvisatorischen Repertoire, ohne einstudiertes Arrangement, offenbar vollends überzeugt.

Jazz-Studien in Monopoli

Die ursprünglich autodidaktisch entwickelten Jazz-Affinitäten fanden eine professionelle Ausweitung. Im Jahr 2005, als 22-Jähriger, schrieb sich Abbracciante am Nino Rota Konservatorium in Monopoli für die Jazz-Klasse ein; dort studierte er bei Maestro Gianni Lenoci, mit dem er seine Kenntnisse in den Fächern Harmonielehre und Komposition vertiefte und damit seine Möglichkeiten im Akkordeon-Jazz erweiterte. Im Laufe des Studiums hatte Abbracciante die Möglichkeit, verschiedene Meisterklassen mit Größen wie Franco DʼAndrea, Thomas Brown, Richard Galliano, Joëlle Léandre, Steve Potts, Dado Moroni und Roberto Gatto zu besuchen.

Unterdessen trat er mit seiner Band „I Tangheri“ bei verschiedenen Festivals und in Jazz-Clubs auf und spielte drei CDs ein; das musikalische Spektrum reichte dabei vom Tango bis zum „Punk/Jazz“, wie die Presse anlässlich der beim Major-Label Universal veröffentlichten CD bemerkte.

Im Jahr 2008 schloss Abbracciante sein Studium mit Auszeichnung ab.

Konzerte auf allen Kontinenten

In den darauffolgenden Jahren konzertierte Vincenzo Abbracciante in allen Teilen der Welt, so in Deutschland, Brasilien, USA, Indonesien, Malaysia, Thailand, Singapur, Großbritannien, Österreich, Dänemark, Holland und Kanada.

Dabei fanden die Aufführungen durchweg im Rahmen renommierter Festivals und in bekannten Jazzclubs statt (Virada Cultural, São Paulo; NAMM Show, Los Angeles; Vibrato Grill Jazz, Los Angeles; Java Jazz Festival, Jakarta; Yellow Mellow Jazz-Club; Bangkok, Esplanade Hall, Singapur; Smalls Jazz Club, Nublu und Zebulon, New York; Terni in Jazz Fest, Bari in Jazz und International Accordion Festival, Castelfidardo).

Die Schar der Zuhörer war dabei gigantisch: Während der „Weißen Nächte“, der Virada Cultural in São Paulo (Brasilien), spielte Abbracciante mit seinem Akkordeon vor 50.000 Menschen! Dass sein künstlerisches Umfeld bei solch exponierten Veranstaltungen entsprechend hochkalibrig war, liegt auf der Hand; so spielte er mit verschiedenen herausragenden Musikern, darunter Marc Ribot, Marvin Bugalu Smith, Stacy Dillard, Flavio Boltro, Paolo Fresu, Carlo Actis Dato, Roberto Ottaviano, Luca Ciarla, Walter Grassmann, Hannes Strasser Alexander Meik und Lucio Dalla. Im Jahr 2010 traf Abbracciante den legendären amerikanischen Bassisten Juini Booth, mit dem er die erste Jazz-CD unter seinem Namen produzierte.

 

Filmtauglicher Akkordeon-Star

Vincenzo Abbracciante scheint als italienischer Star des Akkordeons gar filmtauglich. So erscheint er in dem Film des Regisseurs Vito Giuss Potenza „Lʼultima mossa” gleich doppelt: zum einen auf der Leinwand, zum anderen auf dem von ihm eingespielten Soundtrack.

Auch als Komponist trat er bereits hervor: Die Originalfilmmusik des Dokumentarfilms „Die Mütter von San Vito“ (Originaltitel: „Le Mamme di San Vito“) des Regisseurs Gianni Torres stammt von Abbracciante. Einen musikalischen Eindruck vermittelt bereits der Trailer dieses Films, dessen Anfang von einer elegisch-melancholischen Akkordeon-Sentenz Abbracciantes dominiert wird.

Neue Instrumente – neue Entwicklungen

Allein in dieser musikalischen Beweglichkeit Abbracciantes auf verschiedenen Terrains wird seine Vielfalt, instinktive Neugier und Aufgeschlossenheit deutlich, die sich auch in instrumentaler Hinsicht auswirkt. Zunehmend entdeckt er für sich weitere Instrumente wie die Vintage-Keyboards Hammond, Rhodes und Farfisa-Orgel. Er nimmt zudem Anteil an neuen Entwicklungen im Akkordeonbau. So plante er zusammen mit Carlo Borsini ein neues System für den Wechsel der Register des Akkordeons, das dem Spieler die Möglichkeit bietet, den Sound seines Instruments zu erweitern. Nach mehr als einem Jahr Arbeit an dem Bau des Instruments und seinem Design wurde das neue Borsini-Akkordeon im April 2011 auf der Musikmesse in Frankfurt offiziell vorgestellt.

Begeisternd und berührend

Abbracciante hat weltweit Erfolg und scheint künstlerisch vollends zu überzeugen. Er ist begeistert und begeisternd, elektrisiert durch eine reizvolle Mischung aus italienischem Charme, Feinsinn und Furor. Der große Richard Galliano, der in einem Interview mit der französischen Zeitschrift „Jazzman“ über junge Akkordeonisten sprach, sagte über ihn: „Derjenige, der mich am meisten beeindruckt hat, ist ein junger Italiener aus Apulien: Er heißt Vincenzo Abbracciante. In jedem Stück hat er mich an Bord seiner Geschichte genommen und bewegt.“

Kann es ein größeres Lob für einen Akkordeonisten geben?

Hier ist ein YouTube-Video mit Vincenzo Abbracciante

Hier findest du die Digitalausgabe des Heftes